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Estnischer Roman Diese lästige Liebe

Anton Hansen Tammsaares geistreicher Roman über ein ungleiches Paar, der 1934 erschienen ist und den es nun auf Deutsch zu entdecken gilt.

Anton Hansen Tammsaare. Foto: Guggolz Verlag

Vom Ungleichgewicht der Liebe erzählt ein Roman, der 1934 auf Estnisch erschien und im Rückblick seiner Zeit stilistisch durchaus ein wenig voraus war. Denn Anton Hansen Tammsaare, geboren 1878, schlägt darin einen Ton an, den man heute als ein bisschen spöttisch, vor allem aber zart und hintersinnig wahrnimmt; der aber damals Befremden hervorrief, wie Cornelius Hasselblatt in dem Nachwort erklärt, das der sich um solche Trouvaillen Verdienste erwerbende kleine Guggolz-Verlag dem Band beigefügt hat.

„Das Leben und die Liebe“, so der Titel des Romans, gestattet sich zum Beispiel lange, spitzfindige Monologe seiner Protagonisten (na ja, vor allem des Mannes) und schlüpft in Kopf und Herz einer jungen Frau vom Land, die sich zum ersten Mal verliebt. Der Mann ist rund 20 Jahre älter, er macht ihr einen Heiratsantrag, die beiden heiraten schnell. Die Abnutzung der Liebe und das Unglück nehmen ihren Lauf – die Abnutzung nämlich nur auf seiner Seite.

„Irgendwann hatte sich Irma mit klarem Kopf verlieben wollen, mit vollem Verstand, denn sie meinte dies ihrer Bildung und ihrer gewölbten Stirn schuldig zu sein.“ Stattdessen ist es bei Irma Vainu nicht weit her mit dem klaren Verstand, als sie sich von Herrn Rudolf, bald Ruudi, zuerst als Dienstmädchen anstellen, dann willig verführen lässt. Kusine Lonni, lebens- und stadterprobt, hatte sie gewarnt. Und beneidet – sich einen wohlhabenden alleinstehenden Herrn zu angeln, kann auch ein Lebensziel sein. Aber Irma angelt nicht, sie verfällt. Mit Haut und Haar. Und sie ist taub für die Andeutungen des Herrn Rudolf. „Ich bin so beschaffen, dass ich ein bisschen flunkern muss“, sagt er, da kennen sie sich noch kaum.

Ihren Verehrer vom Dorf, Eedi, will Irma gleich nicht mehr kennen. Sie hat das Gymnasium gut abgeschlossen, zieht also für Kurse – Buchführung, Maschinenschreiben – in die Stadt zur Tante, muss ein wenig Geld verdienen, bewirbt sich als Dienstmädchen bei einem Herrn, der angeblich mit seiner Schwester zusammenwohnt. Das mit der abwesenden, „verreisten“ Schwester durchschaut selbst Irma schnell. Es hilft nichts. Einmal noch zieht sie dem Herrn eine Kasserolle über den Kopf, als er grabscht. Und packt ihre Sachen. Er taucht bei Tante und Kusine auf, macht einen Antrag – Weiteres siehe oben.

Die ersten Wochen sind ein Taumel. „,Aber wir müssen nüchtern werden‘“, sagte der Mann.“ (Immer wieder schreibt Tammsaare „der Mann“, er macht ihn zum Vertreter seines Geschlechts.) „Der Mann“ erklärt auch, „zuerst kommt das Leben, dann die Liebe“. Dann schläft er zum ersten Mal nach dem Sex sofort ein. Dann scheint er zum ersten Mal Irmas frische Schönheit nicht wahrzunehmen. Dann schickt er sie in Kurse, betrügt sie, verlangt, dass sie „vernünftig“, dass sie nicht mehr „dermaßen Jungfrau“ – will sagen: in Liebe entbrannt – ist. Ihre Treue ist ihm nurmehr ein Klotz am Bein.

Irma sagt: „Du hast natürlich gedacht, dass ich mit der Jungfräulichkeit auch die geistige Unschuld verloren habe“. Der Mann sagt, „resigniert“: „Nein, mein Heimchen, ich glaube, dass du noch nicht einmal die Jungfräulichkeit verloren hast“.

Ihn langweilt ihre Liebe bereits nach wenigen Monaten. Das muss sie doch sehen. Und soll sich nichts draus machen. Irmas Anhänglichkeit aber setzt ihn ins moralische Unrecht. Tammsaare lässt Rudolf sich in langen Monologen winden, unerträglich sind seine Sophistereien für die geradeaus Liebende. Wie sollte das je gutgehen? Der mittelalte Lebemann, das kleeduftende (später wird er sagen, das mit dem Kleeduft habe er nur erfunden) Mädchen. Als es mit ihnen nur noch bergab geht, verspricht sie, ihre Liebe „loszuwerden“, auf dass sie, wie er es doch unbedingt möchte, „verdorben und vergnügt“ werden kann anstatt „jungfräulich und ernst zu sein“.

Anton Hansen Tammsaares Roman endet, man ahnt es früh, nicht gut. So diskret wie letztlich herzzerreißend zeichnet er die ganz alte Geschichte auf von einem, der weiterziehen will, und einer, die zu sehr liebt.

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