Lade Inhalte...

Essays und Reden von Herta Müller Genau bestimmt zu sein

Die Anlässe treten häufig in den Hintergrund, wenn Herta Müller ihre Poetologie des Erzählens wie einen roten Faden durch Essays und Reden zieht. Jetzt ist ihr Buch "Immer derselbe Schnee und immer derselbe Onkel" erschienen.

23.03.2011 18:26
Jürgen Verdofsky
Die Macht schont die Menschen nicht: Herta Müller. Foto: Sören Stache/dpa

"Ich habe nicht diesen Charakter“, sagte Herta Müller den Menschenfängern der Securitate ins Gesicht. Was für eine Klarheit, ein Satz aus der Tiefe. Das trifft im Kern. Die explizite Abwehr der Spitzel-Zumutung im realsozialistischen Rumänien ist keine Pointe, sie ist grundsätzlich, das Unannehmbare schlechthin. Diese lebensbestimmende Aussage hat als Hintergrund den freiwilligen Eintritt des Vaters in die Waffen-SS. Nicht so werden wie er, „weil man alle Jahre danach an ihm sah, wie das nie mehr aufhört, wenn man sich verstrickt… und von sich etwas weiß, von dem niemand wissen darf.“ Das Geheimnis des Seins in der Nähe moralischer Extreme kann für Herta Müller nicht die Kollaboration sein. Aber die Selbstbehauptung ist nicht allein ein Willensakt und auch nicht voraussetzungslos.

„Alle Gegenstände, alle Menschen waren in ihre traurige und kleine Verpflichtung eingesperrt, genau bestimmt zu sein“, zitiert Herta Müller den vergessenen rumänische Surrealisten M. Blecher. In der Abwehr aller Verpflichtung wurden Freunde und Literatur lebensnotwendig. Der Handvoll junger Dichter der „Aktionsgruppe Banat“ gedenkt Herta Müller selten deutlich in der Tischrede zum Nobelpreis. „Ohne sie hätte ich keine Bücher gelesen und geschrieben.“ Zur Selbstfindung wird die individuelle Freiheit des Lesens und des Schreibens. Literatur ist dabei keine Illusion, mit Vernunft und guten Worten den Lauf der Welt ändern zu können. Sie bleibt aber immer ein Versuch, „durch Sprache eine Wahrheit (zu) erfinden, die zeigt, was in und um uns herum passiert, wenn Werte entgleisen.“

Literatur als ein Stück Gegenwart, gesehen durch einen Charakter. Das Erlebte an sich genügt dabei nicht oder nur in Ausnahmefällen. Die Anlässe treten häufig in den Hintergrund, wenn Herta Müller ihre Poetologie des Erzählens wie einen roten Faden durch Essays und Reden zieht. Dem Erleben ist eine Form der Existenz durch Sprache zu geben. Es gilt jedes Wort, seine Platzierung, seine Strahlung. Zwischen allen Zeilen steht das Absurde, das Unsagbare, das Unbotmäßige. Das wirklichkeitswunde Beispiel ist nicht zu erfinden. Nur mit ihm ist Wahrheit der Beweisbarkeit nicht unterlegen.

Herta Müller fuhr mit ihrer Mutter auf einem offenen Lastwagen in einer Schneenacht dem Grenzbahnhof zur endgültigen Ausreise entgegen. Unvermittelt sah sich die Mutter in die Zeit vor mehr als vierzig Jahren zurückversetzt. Sie hatte sich 1945 vor der sowjetischen Deportation versteckt, bis Spuren im Schnee alles verrieten und fünf Jahre Zwangsarbeit in Todesnähe zur Folge hatten. Angehaltene Zeit der Abstumpfung und Verrohung, die auch der junge Oskar Pastior durchlitt. Und dann, auf dem Weg in den Westen, entfährt der Mutter: „Es ist doch immer derselbe Schnee.“ Ein Satz als Überblendung einer Verschiedenheit, um für den Verlust des Vertrauten und für das Ungewisse einer Zukunft einen Ausdruck zu haben. Gewohnt, nur in Andeutungen über erlebte Schrecken zu sprechen, macht Herta Müller den Schnee zum Bild der äußeren Gegebenheiten. Von den Hintergründen zivilisatorischer Brüche bleibt nur das Ungefähre einer Bedrohung. Anders wäre es nicht zu ertragen. Herta Müller führt beide Ebenen in dem Wort „Schneeverrat“ zusammen. Ein Wort der künstlerischen Abstraktion, aber „ein direktes Wort, das so viel Unausgesprochenes enthält, weil es alle Einzelheiten meidet“. Und jetzt trifft, was historisch gilt, auch individuell. Ein hochartifizielles Verfahren, Worthoheit über die unbeherrschbaren Dinge dieser Welt zu erlangen.

Herta Müller entwirft ein eigenes System von Bedeutungen

Nie konnte man Herta Müller direkter über die Schulter schauen. Für die Schattengestalten der Drohung und Versuchung, für Haltlosigkeit und Heimtücke der Geheimdienstler steht unerwartet das Allerweltswort „Onkel“. Das ist so aufgeladen, dass „böse“ nicht mehr angefügt werden muss. Was bei Herta Müller mit „Der Fuchs war damals schon der Jäger“ und „Herztier“ begann, wird mit „Atemschaukel“ und „Hungerengel“ oder „Schneeverrat“ zum Gegenbild der Zivilisation geführt. Schon mit dem Titel dieser Essay-Sammlung, „Immer derselbe Schnee und immer derselbe Onkel“, entwirft Herta Müller ein eigenes System von Bedeutungen. Mit diesem Band erkennt man mehr von ihrem künstlerischen Weltzugang, auch von dem langen Weg zwischen Ereignis und Roman. Wie sich Leben in allegorischen Formen spiegelt, wie das Bild vor die Kausalität tritt.

Schreiben ist für Herta Müller ein Prüfen von Wort und Bild. Das gilt für alles Vorgefundene, auch für die Erbstücke der Literatur. Mit einem inversen Vorführeffekt ersetzt sie bei Elias Canetti „Masse“ durch „Macht“ und die Kausalität stimmt für sie erst, wenn es heißen kann, „dass die Macht sich nie gesättigt fühlt. Solange es einen Menschen gibt, der nicht von ihr ergriffen ist, zeigt sie Appetit.“ Die Macht lässt nicht ab von den Menschen, schont ihre Charaktere nicht. Wie sie nach einem Einzelnen greifen kann, zeigt die Geschichte Oskar Pastiors. Die Schattenwelt wird sein großes, sein einmaliges poetisches Werk nicht verhindern. Doch in den Abgründen einer abgelaufenen, aber nicht bewältigten Zeit, in dieser Gleichzeitigkeit des Verschiedenen ist auch das Gesicht des schweigenden Freundes nicht frei von Schatten.

Herta Müller ist in der gemeinsamen Vorarbeit zu dem Roman „Atemschaukel“ Pastior ästhetisch sehr nah gekommen. Allein vier eindringliche Stücke in diesem Band sprechen von der Eigenheit dieser Nähe. Vom Ende her gesehen, vermisst Herta Müller das letzte klärende Wort. Steiler, immer steiler wird der Weg zur Wahrheit seit dem Wissen um Pastiors abgepresste Securitate-Einlassung. Aber Herta Müller kann ihm verzeihen, dessen „Angst vor unerfundenen Geschichten“ man weiter ernst nehmen muss. Ihre einfühlende Geste der Umarmung ist in dieser Form die Neuigkeit des Bandes. Dieses Verzeihen wird vor dem Hintergrund eines Schmerzes und Schreckens wahrhaftig.

Es versteht sich, dass man Herta Müller nicht nur als Nobelpreisträgerin bewundert. Die Überschüsse für einen Zugang zu ihrem Werk sind beträchtlich. Schonungslose, strenge, zu Kompromissen nicht bereite Texte. Es gibt Leute, die sie fürchten müssen.

Herta Müller: Immer derselbe Schnee und immer derselbe Onkel. Carl Hanser Verlag, München 2011. 251 Seiten, 19,90 Euro.

Zur Startseite

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum