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Essay Achtet die Abstände!

Im Dienste des Gemeinsamen: François Julliens umstürzlerischer Essay „Es gibt keine kulturelle Identität“.

Umtauschrummel auf der Frankfurter Zeil
Keineswgs gleichförmig und doch alle am selben Ort, Jahresendstau auf der Frankfurter Zeil. Foto: Michael Schick

Der Titel dieses Essays will eine Provokation sein: „Es gibt keine kulturelle Identität“. Provokation allerdings im besten Sinne, nämlich ein Herausrufen aus Denk- und Wahrnehmungsgewohnheiten. Es ist ja eine derzeit gern wiederholte Sorge, dass die kulturelle Identität wahlweise verlorengehe oder wiederzuerlangen sei. Und die Schlagworte Heimat oder Kultur sind dabei beliebte ideologische Bestecke, nicht nur in der Politik und am Stammtisch, sondern auch in den Geisteswissenschaften. 

Der französische Philosoph François Jullien hält solche Begriffe für grundfalsch. Er weiß sehr genau, dass gerade das westlich-europäische Denken auf den Kategorien Differenz und Identität errichtet ist. Er legt auch in zwar knappen, aber überzeugenden Grundzügen dar, dass es zum Erbe dieses Denkens gehört, in Konzepten des Universellen zu denken, etwa hinsichtlich der zu verteidigenden westlichen Werte. Aber dieser Universalitätsanspruch sei nicht mehr zu halten. Denn die Begegnung mit anderen Kulturen werfe die Frage auf, „ob ein solches Trachten nach dem Universellen seinerseits universell ist“. Das ist in der Tat der heiße Kern der gegenwärtigen politischen und geistesgeschichtlichen Konflikte. 

Jullien fragt deshalb weiter, ob das bedeute, das westliche Erbe des Universellen aufzugeben – oder „sorgfältig zu sortieren“. Sein Essay unternimmt das Letztere. Er plädiert für ein „regulatives Universelle“, ein „rebellisches“, das nicht totalisierend ist, sondern „auf Fehlendes verweist“, das „unaufhörlich den Horizont erweitert und sich die Aufgabe stellt, immer weiter zu suchen“. 

Er geht deshalb nicht mehr von (kulturellen) Unterschieden aus, sondern von Abständen, den Zwischenräumen zwischen Kulturen. Sie erhielten „die Spannung der Kulturen zueinander“ aufrecht und brächten das Gemeinsame zwischen ihnen zum Vorschein. Deshalb unterscheidet er das Universelle vom Gleichförmigen und Gleichartigen. Und er stellt treffend fest, dass gerade in politischen Debatten diese Unterschiede notorisch unterlaufen wird. Denn das Universelle ist eine Kategorie der Logik und das Gleichförmige der Ökonomie, während dem Gemeinsamen eine politische Dimension eigne: Es ist das, was geteilt wird. Dieses gelte es nicht im Sinne eines Gleichartigen misszuverstehen, vielmehr müsse es dem „Regime der Uniformität“ entzogen werden. Solche Gemeinschaftlichkeit qua Gleichartigkeit nennt Jullien zu recht „ärmlich“. 

Man sollte dagegen, so Jullien, das Gemeinsame, das nicht gleichartig ist, befördern: „Allein dieses ist produktiv.“ Statt von einem „Dialog der Kulturen“ setzt Jullien daher auf das Zwiegespräch: auf ein produktives Abstandsvermessen, das sich nicht im Festschreiben von Differenzen erschöpft. Eine Debatte, bei der es um kulturelle Identität geht, leidet ihm zufolge also an einem Geburtsfehler. Sie nimmt das Denken in Differenzen, das damit auf geschlossene Identitäten abzielt, als Grundkonzept, das von vornherein unhintergehbar sei. Solches Denken kranke indes vor allem daran, dass es unweigerlich von einer ursprünglichen Einheit ausgehen muss, vom Mythos des einst Reinen, Unverfälschten und Einen. 

Es gelte deshalb, noch einmal „von vorn“ zu beginnen, so Jullien, nämlich „Ressourcen zu entdecken, die wir bislang nicht in Betracht gezogen, ja nicht einmal vermutet haben“. Und eben das erfordere, Abstand (!) von liebgewonnenen, „denkfaulen“ Gewohnheiten zu nehmen, kulturelle Verschiedenheit zum Beispiel nicht als Verlust einer (fiktiven) einstigen Einheitlichkeit zu begreifen. Kultur entstehe immer nur „im Abstand zwischen dem Vielfältigen und Einheitlichen“. 

So schmal und an einigen Stellen auch (noch) erklärungsbedürftig dieser Essay ist: Er trifft in seiner Grundsätzlichkeit die wunden Punkte einer von Globalisierungslust und Vergangenheitsverklärung gebeutelten Gegenwart. Und er erinnert an Einsichten, die ihre Banalität verloren haben: „Eine Kultur, die sich nicht länger verändert, ist tot.“ Man wünscht sich den Band in der Hand eines jedes Bürgers und jeder Bürgerin. 

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