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Es waren härtere Tage

Werkausgabe, Band VII: In Jean Genets Gedichten wird der Gefangene zur erotischen Ikone erhoben

01.09.2004 00:09
INA HARTWIG

Gleichgültig an welcher Stelle man den Band aufschlägt, es beschleicht einen das Gefühl, die Gedichte Jean Genets passten nicht mehr in diese Zeit. Passten sie aber in seine Zeit? Sämtliche sieben Gedichte Genets, darunter ein poème en prose, werden jetzt in überarbeiteter Übertragung vom Merlin Verlag im Rahmen der Genet-Werkausgabe vorgelegt. In dem bekanntesten seiner Gedichte, dem langen Poem "Le Condamné à mort" - "Der zum Tode Verurteilte" - heißt es in der für Genet typischen Melange aus Pathos und Demut, aus preziösem und niederem Wortschatz: "Oh mein alter Marino, oh liebliches Cayenne!/ Ich sehe die Körper von fünfzehn bis zwanzig Sträflingen/ Um einen blonden Knaben gebeugt, der die Stummel raucht,/ Von den Wärtern in die Blumen und das Moos gespuckt."

Maurice Pilorge ist jener zum Tode Verurteilte, um den die traumlogischen, lyrischen Bilder einer selbstbewussten Erniedrigung gestrickt werden: ein zwanzigjähriger Dieb und Mörder, von dem Genet behauptet, seine Schönheit habe sogar die Geschworenen verunsichert. "Im Geiste lebe ich mit ihm noch einmal die letzten vierzig Tage, die er, an den Füßen und bisweilen an den Handgelenken angekettet, in der Todeszelle des Gefängnisses von Saint-Brieuc verbrachte." Am 17. März 1939 wurde Maurice Pilorge hingerichtet, kommentiert ein trauriger, verliebter Genet, der sich grundsätzlich nicht für die Opfer seiner schönen Ganoven interessiert. Sein Blick gilt auch nicht dem Ganoven als Opfer, sondern dem Ganoven als Mann. Erotisierung war Prinzip.

Zigaretten, Spucke, Erektionen, hübsche kleine Fressen, Qual und Zärtlichkeit, die katholische Liturgie, Engel, Erzengel und Blumen, das Meer und die Himmel, die Kolonien und die Gefängnisse eines gnadenlosen Frankreich: Das sind die wesentlichen Ingredienzen dieser von unten nach oben drängenden Lyrik. Überhöhung und Wut, Verzweiflung und Erregung, Stilisierung und Revolte - all diese Elemente verschmelzen zu einem ästhetisch-psychischen Magma jenseits der Moral. Jenseits, also unabhängig von ihr. Genau das ist es, was heute so schwer zu rekonstruieren ist, heute, wo der Opferkult in jeder Ritze des Sozialen zu kleben scheint.

Genet klagt nicht an, er feiert. Zumal in deutscher Übersetzung klingt der von ihm angeschlagene Ton teilweise schwer süßlich. Bis hin zum Vorwurf des schwulen Pornokitsches könnte man die Aversion steigern. Könnte man, sollte man aber nicht. Um die Ungeheuerlichkeit seiner Gesänge - Gesänge eher als Gedichte - angemessen zu würdigen, müssen die düstere Entstehungszeit und die schwierigen Entstehungsbedingungen berücksichtigt werden. Es waren harte Zeiten, als der Autodidakt Genet begann, sich mit Hilfe der Literatur irgendwohin zu hieven - wohin, ist die Frage -, und es kostet einige Mühe, sich des enormen Abstands bewusst zu werden.

Kleiner Dieb, ganz groß

1910 in Paris geboren, von seiner Mutter nach sechs Monaten zur Adoption freigegeben (ein immer wiederkehrendes Verzweiflungsmotiv), aufgewachsen im Morvan bei einer braven Handwerkerfamilie, leidenschaftlicher Messdiener, sieben Jahre Schulzeit, Soldat in den Kolonien, schließlich Landstreicher und Dieb, schrieb Genet seine Gedichte zwischen 1942 bis 1948. Es war seine erste Werkphase und eine Zeit, in der Schwarzfahrer und Bücherdiebe noch ins Gefängnis wanderten - kein Wunder also, dass Genet in jenen Jahren insgesamt sechszehn Mal verurteilt wurde und entsprechend viel Zeit in der Zelle verbrachte, schreibend zum Beispiel.

Das Gedicht "Der zum Tode Verurteilte" erschien als Privatdruck zuerst 1942, teilt Friedrich Flemming mit, der wie schon in den vorhergehenden Bänden der Genet-Werkausgabe auch diesmal wieder einen vorzüglichen editorischen Bericht beigesteuert hat: "Genet war völlig unbekannt. Dank der Hilfe eines Mithäftlings, der Drucker war und der vor Genet aus dem Gefängnis entlassen wurde, ist der Text dieses Gedichtes gedruckt worden, auf ,organisiertem' Papier von der Besatzungsarmee, wie kolportiert wird." Jean Cocteau bewunderte das Gedicht und schrieb unter dem 6. Februar 1943 in sein Tagebuch: "Ich glaube, dass es nur noch vier Exemplare gibt. Den Rest hat er (Genet) zerrissen."

Eine Ausnahme stellt in diesem Band das Prosagedicht "Le Funambule" ("Der Seiltänzer") dar; es entstand Mitte der fünfziger Jahre, als Genet längst berühmt war und zu seinem jüngeren Geliebten Abdallah in einem sonderbaren Abhängigkeitsverhältnis stand. "Der Seiltänzer" gehört gewiss nicht zu Genets literarischen Glanzleistungen. Doch wäre die Paradoxie aus abgöttischer Verehrung und drohendem Liebesentzug - und der stilistische Qualitätsabfall im Vergleich mit den Gedichten "Trauermarsch", "Die Galere", "Die Parade" und "Der Fischer von Le Suquet" - eine eigene Betrachtung wert.

Erfreulicherweise hat der Verlag sich entschieden, diesen Band der Werkausgabe zweisprachig zu gestalten. Gerhard Edler, der die Langgedichte ins Deutsche brachte, hat sich um eine nahezu interlineare Übertragung bemüht. Das hat den Vorteil der Nüchternheit und den Nachteil einer dem Original fremden Melodik. Genet reimte die meist vierversigen Strophen, die deutsche Übertragung ist reimlos. Das Ergebnis kann bei allem Respekt für die Mühe eigentlich nur unbefriedigend bleiben, und deshalb ist der stets mögliche Vergleich mit dem nebenstehenden Original die richtige Lösung. Eine geniale Zeile wie "Le vent qui roule un cœur sur le pavé des cours" klingt im Deutschen grob: "Der Wind, der ein Herz über das Pflaster der Höfe rollt".

Als Genet 1986 starb, hatte er schon seit Ewigkeiten keine Gedichte mehr geschrieben; sein lyrisches Werk blieb schmal. Unbedeutend ist es nicht. Vor allem enthält es bereits in nuce all jene Obsessionen, die durch seine Romane und sein Theater Weltruhm erlangten.

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