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Erzählung Eine gefährliche Zusammenarbeit

Linda Boström Knausgårds kleine, dichte, verschwiegene Erzählung „Willkommen in Amerika“.

Linda Boström Knausgard
Linda Boström Knausgard. Foto: Christina Ottosson Öygarden

Die Leser des norwegischen Schriftstellers Karl Ove Knausgård sind über die Verfassung seiner zweiten Frau weitgehend informiert. Sie wissen von Eheproblemen und von seinen Vorwürfen gegen sie, wissen von ihrer bipolaren Störung und von der Einweisung in die Psychiatrie, als die Lektüre des Knausgård’schen Schreibprojektes unter dem weiterhin nicht gut erträglichen Titel „Mein Kampf“ sie in eine Lebenskrise stürzt. 

Auch Linda Boström Knausgård, 1972 in Schweden geboren, ist Schriftstellerin. Kurz nachdem der sechste und letzte Band von „Mein Kampf“ auf Deutsch erschienen ist („Kämpfen“, 1280 Seiten), folgt jetzt die Übersetzung eines schmalen Buches seiner Frau, das seinerseits Bände spricht, aber auf 141 Seiten. 

Es ist vorerst schwierig auszublenden, dass die internationale Vermarktung angesichts der Erfolge ihres Mannes irrwitzig einfach sein muss. Angesichts der kompakten, sprachlich und inhaltlich gleichermaßen dichten Erzählung spielt das allerdings keine große Rolle mehr. 

Es ist auch schwierig, in „Willkommen in Amerika“ nicht autobiografische Elemente zu vermuten. Linda Boström Knausgård ist die Tochter einer Schauspielerin wie das Kind Ellen, das in einer ungewöhnlich intensiven Atmosphäre der Angst, überhaupt in einer ungewöhnlich intensiven Atmosphäre aufwächst. Zumindest die spezielle Situation von Schauspielerkindern, deren Leben in den zeitraubenden und abendbetonten Beruf der Eltern eingepasst werden muss, vermittelt sie zweifellos auch aus eigener Anschauung so greifbar. 

Charismatisch ist die Mutter, die auf den ersten Blick wie eine Verdrängerin wirkt – ihre doch recht haltlose Behauptung, sie seien eine „helle Familie“, ist ihr Mantra –, auf den zweiten eine sympathische Frau mit offenem Visier ist. „Das Glück meiner Mutter schien ansteckend zu sein. Die Stimmung zu Hause hing immer von ihrem Befinden ab.“ Ein selbstmordgefährdetes Wrack ist der Vater, der sich nach der Trennung von seiner Frau den Kindern weiterhin aufdrängt. „Hatte ich schon immer Angst vor meinem Vater gehabt? Ja. Schon immer.“ Ellen betet um seinen Tod, das Gebet geht in Erfüllung. „Papas Tod war ein Triumph für mich und Gott. Es war unsere erste Zusammenarbeit.“

Ein Kind mit eigenen, nicht minder krassen Problemen ist der ältere Bruder, der sich in seinem Zimmer und in seinem Herzen verbarrikadiert, der Schwester Angst einjagt und erst durch die erste Freundin in eine Art Normalität zurückzufinden scheint. In der Tat ist „Willkommen in Amerika“ ein Buch über Angst, begründete und unbegründete, wobei es der Autorin in einer genauen und doch beiläufig wirkenden Sprache gelingt, deutlich zu machen, dass es unbegründete Angst im engeren Sinne nicht gibt. Dafür sind die Dinge – und ein Vater, der zwischendurch den Gashahn öffnet, als wollte er es nur einmal wieder ausprobieren – zu gefährlich. Dafür ist auch Angst zu gefährlich. 

Ellen, die angstvoll, aber auch liebenswert mutig wirkt, zieht ihre eigenen Konsequenzen aus dem Druck, unter den ihre exzessive Umgebung sie setzt, und hört auf zu sprechen. „In den ersten Tagen war es wie ein Rausch gewesen. Dass es wirklich möglich war. Dass es so leicht war. Einfach aufzuhören. Von einem Augenblick auf den anderen veränderte es mein Leben. Das war mehr eine Weigerung. Es war keine Flucht. Es war wahr. Die Wahrheit über mich selbst.“ Das sind Momente im Buch, die nicht allein die lakonische Sicht des frühreifen, aber mit einer sehr plausiblen (inneren!) Stimme ausgestatteten Kindes vermitteln. Sie bieten auch eine kuriose Gegenposition zur maßlosen Redewut des anderen, derzeit berühmteren Knausgård. Ellen schweigt gegen eine schauspielernde, also ganz und gar vom gesprochenen Wort abhängige und diesem vertrauende Mutter an, Linda Boström Knausgård schweigt gegen Tausende Seiten ihres Mannes an. 

Nun, sie schweigt nicht immer, und auch für Ellen ist das nächste Wort nicht außer Reichweite. Das Unbedingte geht ihr wie der Autorin ab, es bekommt sogar angesichts dieses zarten Leichtgewichts von einem reichhaltig gefüllten Buch einen faden Geschmack. Diese diskrete Geschichte handelt von in ihrer Bedingtheit höchst lebendig wirkenden Personen.

Am Rande und überraschend geht es ums Theater. „Nicht einmal Papa konnte die große Bühne betreten und Mama mitnehmen. Dort war sie sicher, und auch ich war im Zuschauerraum von dieser Sicherheit umschlossen, dieser absoluten Geborgenheit, die ein paar Stunden währte ... .“ Dass die Kunst ein Ort der Ruhe und des Friedens sein kann, in der das Böse nicht die Oberhand gewinnt, klingt bei Linda Boström Knausgård absolut nicht konservativ.

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