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Erzählung Der Krieg macht alle zu Feiglingen

Paulus Hochgatterer erzählt in einem schmalen, aber beeindruckenden Buch von den letzten Kriegstagen auf einem Hof in Niederösterreich.

Panzer
Ein amerikanischer Panzer am 5. Mai 1945 in Österreich. Foto: afp

Über das Ende, den Zusammenbruch, die Kapitulation, die Befreiung, wie immer man das auch nennen mag – darüber jedenfalls ist viel gesagt und viel geschrieben worden. Es gibt Filme, Dokumentationen, Zeitzeugenberichte. Wer dieser umfangreichen Sammlung noch etwas hinzufügt, muss einen guten Grund haben. 

Der Österreicher Paulus Hochgatterer, der nicht nur Schriftsteller ist, sondern auch als Kinderpsychologe in Wien arbeitet, hat in einem Interview gleich zwei gute Gründe genannt, die seine neue Erzählung, ein schmales Buch von gerade einmal 110 Seiten, legitimieren: Zum einen, so Hochgatterer, sterbe nach und nach die Generation derjenigen, die den Zweiten Weltkrieg noch erlebt hätten. So auch seine eigenen Eltern. Zum anderen gebe es ein verbürgtes Ereignis in seiner Familiengeschichte, die er habe erzählen wollen. Diese Begebenheit hat dem Buch seinen Titel gegeben: Auf einem Bauernhof in Niederösterreich tauchen Anfang April 1945 drei Wehrmachtssoldaten auf und entdecken einen jungen Russen, der als Zwangsarbeiter in den deutschen Ostgebieten gearbeitet hat und von dort fliehen konnte. Als die drei den Mann in ihre Mitte nehmen, um ihn zur Hinrichtung abzuführen, steht ihnen Jakob, der Bauer und Hofbesitzer, im Weg. „Schämen Sie sich nicht?“, fragt er die drei Soldaten.

Was dann geschieht, bleibt in Hochgatterers Erzählung offen, denn es gibt zwei Erzählstimmen, die sich nicht immer einig sind. Die eine ist in der neutralen dritten Person gehalten und berichtet scheinbar unbeteiligt. Die andere gehört der dreizehnjährigen Cornelia, genannt Nelli. Woher genau sie kommt, ist unklar. Man sagt, ihre Eltern seien bei einem Bombenangriff gestorben; sie selbst habe schwer traumatisiert überlebt. Seit fünf Monaten ist sie auf dem Hof untergebracht. Nelli ist eine Blackbox; eine ausgezeichnete Beobachterin mit einem feinen Sensorium für emotionale Schwingungen, die präzise aufzeichnet, was sie wahrnimmt, ohne zu viel von sich selbst preiszugeben. 

Überhaupt wird nicht sehr viel gesprochen auf dem durchaus bevölkerten Hof: Es gibt das Bauernehepaar und Laurenz, den Bruder des Bauern, der sich auch einmal ein anderes Leben erträumt hatte. Es gibt vier Töchter plus Nelli, die hier untergekommen ist – und eine Leerstelle; Leo, den einzigen Sohn, der in den Krieg gezogen und verschollen ist. Nur Laurenz kennt die ganze Wahrheit.

Über dem Hof und über der Landschaft liegt eine merkwürdige Atmosphäre. Mit dem Nationalsozialismus hat man hier, so scheint es, noch nie sonderlich viel am Hut gehabt; unter anderem auch deshalb, weil es stets Wichtigeres zu tun gibt. Aber gewehrt oder Widerstand geleistet hat man auch nicht. Der Krieg, heißt es einmal, mache alle zu Feiglingen. Bis eben ein Held kommt und den Mund aufmacht. 

Der erzählte Zeitraum erstreckt sich über noch nicht einmal drei Wochen, vom 14. März bis zum 1. April 1945. Doch im Gegensatz zu den urban verdichteten Räumen ist hier auf dem Land die Untergangsstimmung wenn überhaupt nur vage und im Kleinen zu spüren. Flugzeuge, die wie an einer Schnur aufgereiht in großer Höhe über den Hof fliegen, um, wie man mutmaßt, Linz zu bombardieren, angeblich Hitlers Lieblingsstadt. Kunstfertig hält Paulus Hochgatterer die Zeit in der Schwebe und macht diesen Ausnahmezustand auf allen Ebenen seiner Erzählung kenntlich, ohne ihn auszusprechen.

Die Menschen hier leben im Grunde in einem rechtsfreien Raum. Das Regime ist am Ende, aber es hat noch nicht ganz losgelassen. Ein Dazwischen also, das seine eigenen Gesetze schafft. Das wird deutlich, als Michail, der junge Russe, auf den Hof kommt. Er ist Künstler, Maler. Und er trägt eine verschnürte Leinwand bei sich, die er hütet. Auch was es damit auf sich hat, belässt Hochgatterer im Bereich der Andeutungen, Stichworte: Franz Marc, Hermann Göring, „entartete“ Kunst. „Die Geschichte vom glücklichen Ende“, so heißt das letzte, kurze Kapitel dieses beeindruckenden kleinen Buchs. Ein ambivalentes Happy End.

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