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„Ermordung des Glücks“ Und immer bleiben Schatten

In „Ermordung des Glücks“ erzählt der Münchner Krimiautor Friedrich Ani von Eltern, die ihr Kind verlieren.

München
Der Marienplatz an einem nicht leuchtenden Münchner Tag. Foto: rtr

Das Schlimmste ist Tanja und Stephan Grabbe passiert: Zuerst ist ihr elfjähriger Sohn Lennard verschwunden, dann, nach 34 Tagen, wird er tot gefunden. Bald dringt keiner mehr zu der Mutter durch, die sich tagein, nachtaus im Bett ihres Kindes zusammenrollt. Die nicht mehr essen will wie die anderen, die es in ihren Augen tun, „als wäre eine Mahlzeit ein trautes Heim“. Die sich die Haare raspelkurz schneiden lässt, und das nicht bei ihrem Bruder, der doch Friseur und mit dem sie doch so vertraut ist. Der, beleidigt, ruft beim ehemaligen Kommissar Jakob Franck an, und sagt: „Meine Schwester hat sich die Haare abschneiden lassen.“ Der Ex-Kommissar weiß naturgemäß nicht, was er mit einer solchen Mitteilung anfangen soll.

Nah bei den Untröstlichen

Der Münchner Krimi-Schriftsteller Friedrich Ani ist, wie kaum ein zweiter seines Fachs, immer nah bei den Untröstlichen, Ratlosen, Verstörten, bei jenen, die sich selbst nicht mehr verstehen, weil ihnen entweder Böses zugestoßen oder sie Böses getan haben – letztere oft, ohne dass sie gezielt oder gar mit kaltem Blut handelten. Anis Menschen stecken nichts weg. Seine Romane sind das Gegenteil von Landhaus-Whodunnits, in denen es herauszufinden gilt, wer von den Selbstgewissen und Privilegierten einen perfiden Plan ausheckte. In „Ermordung des Glücks“, in Anis Gar-nicht-Schickimicki-München spielen mit: Die Café-Betreiber Grabbe, der Friseur Maximilian Hofmeister, ein Versicherungsvertreter, ein Nachtwächter, ein ehemaliger Straßenmeister, der aufhören musste, weil er plötzlich unter Ligyrophobie, Angst vor lauten Geräuschen litt. Nun sitzt er meistens zu Hause und trägt Ohrenschützer.

Und es spielen (nach „Der namenlose Tag“, 2015, in ihrem nun zweiten Fall) wieder mit: Jakob Franck, der sich gleichsam darauf spezialisiert hat, der Überbringer schlechter Botschaften zu sein, der das also auch als Pensionierter noch macht; Soko-Leiter André Block, der längst begriffen hat, „dass sein ehemaliger Chef noch lange nicht pensioniert genug war“; Ermittlerin Elena Holland, die Franck selbst dann geduldig Auskunft gibt, wenn er mitten in der Nacht anruft, und selbst dann, wenn er aus Frust ungerecht ist und der Soko vorwirft, etwas übersehen zu haben.

Friedrich Anis Ermittler kennen stets und nur allzu gut die Mühen der Ebene. Ihnen fliegt nichts zu, sie müssen schon Steinchen auf Steinchen legen, Arbeitsschippe auf Arbeitsschippe häufeln, ehe sie den Menschen finden, den sie als Täter suchen. Keineswegs aber ist das, was eine „Lösung“ genannt wird, eine ausgemachte Sache. Und immer bleiben Schatten, die einfach nicht aufzuhellen sind. Auch in „Ermordung des Glücks“ plagen Franck die Fälle, die er nicht klären konnte. Und auch hier sind am Ende nicht alle Fäden entwirrt, nicht alle Fragen beantwortet.

Man muss sich schon, wie es Ani tut, für die durchschnittlichen Menschen und das an ihnen dann doch Besondere, Andersartige interessieren. Jeder bekommt bei ihm ein eigenes Schicksal und einen eigenen Weg, damit umzugehen. So viel Zeit muss in jedem seiner Kriminalromane sein. Sie legen Figurensamen, lassen sie aufgehen – wachsen müssen sie dann im Kopf der Leserin, des Lesers.

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