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Éric Vuillard: Ballade vom Abendland Als sie merkten, dass man sie von zuhause weggelockt hatte

Der Langessay „Ballade vom Abendland“: Éric Vuillards eigenwillige und anregende Nacherzählung der Ereignisse vor dem und im Ersten Weltkrieg.

Was an Waffen- und Menschenmaterial benötigt wurde, zeigte sich im Ersten Weltkrieg erst nach und nach. Foto: imago stock&people

Der französische Schriftsteller Éric Vuillard analysiert den Ersten Weltkrieg nicht. Bisweilen erweckt er den Eindruck, sich treiben zu lassen durch die Menschenmenge und die Ereignisse, die ihm erledigt und unerledigt zugleich aus den Geschichtsbüchern entgegenstarren. Details interessieren ihn. Etwa, welche Pferderassen für den Krieg zusammengeschart wurden: „Andalusier, Lusitanier, Anglo-Araber, Friesen, Kabardiner, Hannoveraner, Comtois, schön stämmige Anglo-Normannen, Boulonnaispferde mit ihrem merkwürdigen Zirkuspferdaussehen, Holländer, Tarpane, Ardenner, Lipizzaner, Mérens-Pferde, Palominos, Achal-Tekkiner, Englische Vollblüter, Poitevins mit robusten Fesseln, Shires mit fellbehangenen Hufen.“

Oder dass die britische Rüstung „in neun Monaten von 3000 Granaten monatlich zu 225 000 übergeht“. Der Krieg als Apparat interessiert ihn, und wie sich die Organisatoren das alles so genau überlegt haben: „Man schätzt, man plant, aber man bombardiert immer noch mehr.“

Der Krieg als Apparat bringt einen ungeheuren Materialverschleiß mit sich, der Materialverschleiß ist gewissermaßen (wenn auch nicht in dem Maße) geplant gewesen. All die Uniformen, die gebügelt werden, all die Bonbons, die an den europäischen Bahnhöfen verschenkt werden. All die selbstverschuldete Ahnungslosigkeit. Auch die Menschen gehören ja zum Verschleiß. „Schnell werden die Soldaten verstehen, dass man sie für etwas ganz anderes als das, was ihnen erzählt wurde, hierhin gelotst hat, schnell werden sie wissen, dass die Pflicht, das Vaterland, Deutschland und Frankreich – nun ja! – Redensarten sind, Geschichten, die ihnen aufgetischt werden, um sie weit von zuhause wegzulocken.“ Aber was haben sie sich denn bloß vorgestellt?

„Ballade vom Abendland“ ist ein anregender Langessay und spielt mit der inzwischen doch immensen zeitlichen Entfernung des Geschehens. Das gleichwohl fortwirkt. „Vielleicht sind es die Kriegsfabriken, ihr wahnwitziger Arbeitsrhythmus, denen wir die moderne Frau, ihre ersten Schönheiten und ihr schuldbewusstes Selbstvertrauen verdanken.“ Ja, die „Ballade vom Abendland“ enthält auch beiläufige Gedanken, die in ihrer Kürze schräg sein dürfen.

Die Möglichkeit, die Gefahr, dabei ins tatsächlich (womöglich verallgemeinernd, poetisierend) Balladenhafte zu geraten, bricht Vuillard, Jahrgang 1968, immer wieder mit seiner Nüchternheit. Zu dunkel die Zahlen, deren erster Gipfel am 22. August 1914 erreicht ist, „dem Tag, der zu seiner Zeit der mörderischste der Geschichte war“. Mit 27 000 Toten. Zu technokratisch die Vorbereiter, denen der Krieg ein gigantomanisches Planspiel ist. Zu kennzeichnend die Anzettelung eines Weltkriegs für die europäischen Vorstellungen davon, was sich der Kontinent gegenüber den eigenen und anderen Leuten herausnehmen darf. „Dieserart“, formuliert Vuillard, „ist die große Bewegung des Abendlandes, um die Welt zu kontrollieren und auszubeuten.“

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