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Erfundene Identität Wenn alles seine Ordnung hat

Die Geschichte als Tourismus- und Sehnsuchtsort: Valentin Groebners wegweisendes Buch „Retroland“.

Rotes Haus in der neuen Altstadt in Frankfurt
Das „Rote Haus“ in Frankfurts neuer Altstadt. Foto: Renate Hoyer

Hier treffen sich für Groebner die Ursprungsnarrative und die touristischen Unterhaltungsangebote. Was als authentische „Altstadt“ oder „historische Stätte“ bestaunt wird, ist ja in der Regel nicht echt, oft nicht einmal alt, sondern rekonstruiert und damit verändert, eben inszeniert. Der historische Witz dabei: Die Vergangenheit erscheint umso authentischer, je häufiger sie reinszeniert, wiederholt wird. Authentizität ist folglich der Versuch, den Verlust des Vergangenen zu kompensieren. Und genau darin liegt das Erholsame des Geschichtstourismus: Man gibt sich der Illusion hin, endlich „die Vergangenheit“ gefunden zu haben, nicht mehr deuten, einordnen zu müssen: Es ist die „Sehnsucht nach dem unwiderlegbaren Argument“.

Souveräner wäre es, sagt Groebner, das Vergangen-Sein der Vergangenheit zu akzeptieren, die Verluste inbegriffen, und nach den Freiräumen zu fragen, die sich daraus ergeben. Aber solche Freiheit ist anstrengend, und der Tourismus lebt ja gerade von dem Versprechen, die Anstrengungen des Alltags, die politischen Zumutungen und Selbstbefragungen hinter sich lassen zu können. Der Tourist will sich von sich selbst und seiner Gegenwart erholen. Geht immer schief.

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