Lade Inhalte...

Entlang der Pipeline

Michael Lüders bereist die Krisenherde Zentralasiens

29.08.2003 00:08
Alexandra Senfft

Seit den Terroranschlägen vom 11. September ist es Mode geworden, dass Islam-Experten die Länder des Nahen und Mittleren Ostens bereisen und anschließend ihre Eindrücke, quasi als Nebenprodukt der wissenschaftlichen Untersuchungen, als Buch herausbringen. Diese Art politischer Reiseführer dient der raschen Einführung in die diffizilen Strukturen der Region und leistet gewiss Orientierung, hat aber auch Nachteile. Wie die Experten selbst immer wieder betonen, heißt Islam nicht gleich Islam - jedes Land und jede Region hat eine eigene Geschichte, Entwicklungen und Traditionen. Zwangsläufig fallen die einzelnen Kapitel eines solchen Buches, je nach Spezialisierung der jeweiligen Autoren, stärker oder schwächer aus.

Dies lässt sich auch vom neuen Band von Michael Lüders sagen. Der Politikberater, Publizist und Autor berichtete schon kurz nach der Terror-Katastrophe in den USA von einer Tour durch den Nahen und Mittleren Osten ("Wir hungern nach dem Tod." Woher kommt die Gewalt im Dschihad-Islam?). Diesmal beschreibt er, wie immer wortgewandt und leicht verständlich, die Krisenherde nach dem Irak-Krieg - die islamischen Staaten der ehemaligen Sowjetunion, Afghanistan, Pakistan, Irak, Israel und Palästina. Sein Schwerpunkt ist Zentralasien als "Faktor der Weltpolitik", eine Region, die so unendlich groß wie unbekannt ist - und auch auf den Autor kulturell und sprachlich ein wenig fremd zu wirken scheint, denn trotz Ankündigung erzählt er vom Alltag der Menschen wenig.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurden 1991 Turkmenistan, Usbekistan, Kasachstan, Kirgistan und Tadschikistan unabhängig. Es gab kurze Phasen der Öffnung und Liberalisierung. Der rapide wirtschaftliche Niedergang und ethnische Spannungen, die in Tadschikistan zu fünf Jahren Bürgerkrieg führten, endeten in massiver politischer Repression: Die Herren Ministerpräsidenten waren nicht gewillt, ihre Macht und den darüber gehorteten Wohlstand mit anderen Clans und Stämmen zu teilen. Mafiose Machenschaften und klebrige Vetternwirtschaften sorgen seither dafür, dass es den Eliten gut, der Bevölkerung aber immer elender geht.

Die Armut, die Unterdrückung und der Mangel an Identität einer Bevölkerung zwischen Plattenbau und Moschee treibt viele Menschen zum inoffiziellen, staatlich nicht kontrollierten, Islam. Dessen Aufschwung "ist gleichermaßen Protestbewegung und Identitätssuche", ein Ventil für den schweren Alltag. Doch über begrenzte Gebiete hinaus ist er bislang wenig erfolgreich, denn es fehlt ihm unter der russifizierten und säkularisierten Bevölkerung die soziale Basis: "Nirgendwo erscheint der radikale Islam kulturell so fehl am Platz wie in Zentralasien."

Dass die USA sich mit den Machthabern, die die Menschenrechte tagtäglich mit Füßen treten, verbündet haben, um ihren Einfluss in der Region geltend zu machen, nährt den Teufelskreis aus Elend, Mangel an Demokratie, Kriminalität und Radikalität zusätzlich. Die Bush-Regierung ließ sich ihre Militärbasen in Kirgistan, Usbekistan und Tadschikistan einiges kosten - Finanzspritzen für die korrupten Regierungen, ohne dass bei der Bevölkerung etwas ankommt. Es geht ums Erdöl: Eine überwiegend amerikanisch finanzierte Pipeline soll das in der Region reichlich vorhandene Öl künftig bis zum US-Verbündeten Türkei transportieren. "Zentralasien läuft Gefahr, die Entwicklung der arabisch-islamischen Welt zu wiederholen: staatliche Willkür, islamistische Gewalt, westliche Hegemonie und Intervention, die im Ergebnis das gesellschaftliche Klima aus Repression und Ausweglosigkeit noch verstärken."

Von Zentralasien arbeitet Lüders sich im Zwiebelverfahren über Afghanistan/Pakistan und Irak bis nach Israel und Palästina vor. Dazwischen springt er gar noch über den großen Teich, um die neokonservative US-Politik zu erklären. Dieser kontinentale Spagat wirkt auf ersten Blick verwirrend, doch der Autor macht klar, wie alles miteinander verzahnt ist: Die Verhältnisse im Nahen und Mittleren Osten sowie Zentralasien sind von den geostrategischen Absichten der USA nicht mehr zu trennen; und ohne Lösung des Palästinakonflikts lässt sich auch die übrige Region nicht befrieden. Lüders' Ausführungen zum Scheitern des Friedensprozesses im Nahen Osten sind wichtig, weil sie einer zur gängigen Interpretation der Entwicklungen unentbehrliche Gegenansicht bringen. Er betont zudem, wie unterschiedlich die Israelis und die Araber, die Deutschen mit ihrer Nazi-Vergangenheit und die anderen Europäer den Konflikt wahrnehmen. Es ist indes schade, dass der Autor in diesem Kapitel nicht auf eigene, sondern auf andere Quellen zurück greift, die schon auf Deutsch erschienen sind - womit er wenig Neues bietet.

Seine Analysen der Lage in Afghanistan und Irak sind umso packender. Lüders erläutert die komplizierten Gesellschaftsstrukturen und folgert, dass allein ein "Interessenausgleich zwischen den verschiedenen Stämmen, Clans und Ethnien", im Irak gar noch zwischen den religiösen Strömungen, zu einer Demokratisierung dieser Länder beitragen könnte. Genau das aber geschieht seiner Meinung nach nicht: Die Bush-Regierung unterstützt Exil-Politiker, die am Ort keine Machtbasis besitzen und die Bevölkerung nicht repräsentieren. Die Kontrolle der Regierung Afghanistans reicht über die Hauptstadt Kabul kaum hinaus, und in den Provinzen regieren nun "dieselben Kriegsverbrecher. . ., die das Land bereits Anfang der neunziger Jahre verwüstet hatten". Im Irak hat der Krieg zwar "einen Diktator beseitigt, im Gegenzug aber neue Probleme geschaffen..., die langfristig viel unberechenbarer und gefährlicher sein könnten, als es Saddam Hussein je war".

Wie wenig es in beiden US-geführten Kriegen um Massenvernichtungswaffen, Menschenrechte oder Demokratie als vielmehr um Erdölkonzessionen und den ungehinderten Zugriff auf die reichen Ressourcen der Region ging, macht Lüders sehr deutlich. Das sei die "Kurzsichtigkeit westlicher Politik, die Demokratie sagt und Erdöl meint". Und es ist gewiss keine Schadenfreude, sondern ein tiefes Unbehagen im Spiel, wenn der Autor sagt, in Afghanistan sei der Krieg gegen den Terror schon längst verloren.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen