Lade Inhalte...

Enid Blyton Wo man garantiert nichts lernen kann

Heute vor 50 Jahren starb Enid Blyton. Die maßlose Lektüre ihrer Bücher hat einen Zug ins Anarchische. Von Judith von Sternburg

50. Todestag Enid Blyton
In erster Linie bleiben die Kinder in Enid Blytons Büchern unter sich. Kinder unter sich, das ist für Kinder unwiderstehlich. Foto: dpa

Der Zauber musste verfliegen. Enid Blyton ist keine Autorin für Erwachsene, die sich an früher erinnern wollen, sie ist eine Autorin für Kinder. Die Zeit der Erwachsenen ging über sie hinweg, die Maßstäbe der von Erwachsenen geschriebenen und beschriebenen Kinderliteratur gingen über sie hinweg, die gesellschaftlichen Maßstäbe mit Blick auf das Frauenbild, auf den (latenten, manchmal auch virulenten) Rassismus. Der jahrzehntelange Bann, den die an der Bildung ihrer jungen Zuhörer interessierte BBC über Blytons Werke verhängte, war einerseits lustig (irgendwie weltfremd), wirkte andererseits aber auch nach. Es ging dabei ja nicht um ein aufgeklärtes Weltbild, sondern um die literarische Qualität. Literarisch sei sie „a very small beer“ (ein wirklich kleiner Fisch), lautet dazu das bekannteste und hochmütigste Rundfunkmitarbeiterzitat, unfassbar seien ihre Erfolge. Mag sein. Nicht Erwachsene, sondern Kinder entschieden darüber und scheinen es wenigstens zum Teil weiterhin zu tun. Bis heute gilt sie – uneingeholt von Joanne K. Rowling – als meistverkaufte Kinderbuchautorin der Welt.

Es hat eine unterschätzte anarchische Seite, als Kind maßlos Enid Blyton zu lesen, und zu Maßlosigkeit kann sich das sehr wohl entwickeln. Groß ist die Auswahl (753 Titel, sagen die, die gezählt haben, 10 000 Wörter am Tag sollen ihr Pensum gewesen sein, das wären unglaubliche 35 Seiten), und groß ist auch die Freude beim dann sofortigen Wiederlesen. Ganz unzynisch gesagt ähneln sich die Geschichten ohnehin so sehr, dass je nach Serie Vorhersehbarkeiten in beträchtlicher Zahl auftreten. Das stört Kinder nicht, im Gegenteil hilft es dabei, Übersicht über die Welt zu gewinnen.

50 Jahre nach Enid Blytons Tod am 28. November 1968, Jahrzehnte nach der eigenen, zweifellos maßlosen Enid-Blyton-Lektüre staunt man vielleicht immer noch über sie und sich.

Enid Blyton, 1897 geboren, erlebte die Trennung der Eltern, als sie dreizehn war und eine Scheidung ein Makel, der sich gleichwohl in ihrer eigenen Ehe wiederholte. Ihre jüngere Tochter beklagte später in ihrer Autobiografie, ihre Mutter sei keine sehr nette Frau gewesen und habe „keinerlei mütterlichen Instinkt“ gehabt. Tatsächlich stehen mütterliche Instinkte auch nicht im Zentrum ihrer Werke. Sie, die musisch begabt ist, die früh zu schreiben beginnt – wie Dolly, die mit einem eigenen Theaterstück auf Burg Möwenfels Sensation macht –, schiebt in ihren berühmtesten Reihen vielmehr Kinder ohne Eltern oder mit abwesenden Eltern in den Vordergrund. Es gibt Onkel und Lehrerinnen, denen sie vertrauen. In erster Linie bleiben sie aber unter sich. Kinder unter sich, das ist für Kinder unwiderstehlich.

Fesselnd, wie sehr sich das in den Internats-Romanen zeigt, die Kinder, die nicht auf ein Internat wollen (und wer außer Dolly, Hanni und Nanni will schon auf ein Internat) im Prinzip nicht leiden können und sie trotzdem lesen, lesen und lesen. Fesselnd, wie auch die jüngsten Schneiderbuch-Neuauflagen und -ausgaben zum runden Todestag demonstrieren, dass die Geschichten zwar völlig aus der Zeit gefallen sind, aber gerade dadurch im Prinzip eine erstaunliche Gültigkeit behalten.

Dass Dolly und ihre Freundinnen (im Sammelband „Abenteuer auf Burg Möwenfels“, mit den Bänden „Die Klassensprecherin“, „Dollys großer Tag“ und „Abschied von Möwenfels“) eine nächtliche Party veranstalten und als Höhepunkt des Ungehorsams gegen die Schulleitung Kakao und Schokoladenplätzchen serviert werden, ist natürlich rührend harmlos. Ebenso der Verlauf der „Schatzsuche“ in „Hanni und Nanni finden einen Schatz“ (soeben als Band 29, neunundzwanzig, der im Verhältnis zu den „Dolly“-Büchern immer etwas kesseren „Hanni und Nanni“-Serie wieder aufgelegt).

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen