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Ende einer Fußnotenkarriere

Sabine Richebächer hat eine Biographie der Psychoanalytikerin Sabina Spielrein geschrieben

09.08.2006 00:08
MARICA BODROžIC

"Irgendwie habe ich Angst, den Menschen näher zu kommen", schreibt Sabina Spielrein während ihres Studiums in Zürich: Sie habe Angst um ihre Freiheit, die das einzige sei, was sie besitze. Diese schütze sie nach eigener Aussage wie eine "Kostbarkeit". Den kleinsten Übertritt empfand Sabina Spielrein als einen Anschlag auf die eigene Persönlichkeit. Je mehr Einfluss ein Mensch habe, umso mehr könne er sie in Rage bringen, sogar mit freundlichen Belehrungen, formuliert sie einmal.

Spielreins Beziehungen zu C.G. Jung und Sigmund Freud sind bisher vor allem unter dem Begehrensaspekt verhandelt worden, man hat sie, erstaunlicherweise auch in Fachkreisen, lediglich als "Frau" zwischen diesen beiden Männern gesehen, die offenbar auch gerne diese Rollen spielten, sich aber zugleich nie von ihrem genau definierten Interesse als Wissenschaftler entfernten. In Wirklichkeit stand die 1885 geborene Sabina Spielrein aber nicht nur als Frau, sondern auch als Analytikerin zwischen ihnen. Sie war, wenn auch mit Einbrüchen, mutig genug, ihren eigenen Abgründen radikal und ohne die Männer zu begegnen.

Zwischen Jung und Freud

Spielrein, zunächst eine bei C.G. Jung Heilung suchende, aus Russland in die Psychiatrische Klinik "Burghölzli" angereiste Patientin, wurde bald seine wissensdurstigste Schülerin, schließlich seine Geliebte. Vor allem aber etablierte sie sich nach ihrem Studium schnell als eine ebenbürtige Kollegin, die mit großer Kraft die Selbstüberwindung anstrebte und schließlich in ihrer wissenschaftlichen Eigenständigkeit für C.G. Jung zur Bedrohung anwuchs.

Jung schrieb Freud Briefe über seine "Patientin", erwähnte aber mit keinem Wort seine erotische Beziehung zu ihr. Obwohl diese Beziehung Freud unschätzbar wichtiges seelisches Material in die Hände legte und er, an ihr geschult, seine Theorie der Übertragung und Gegenübertragung ausformulieren konnte, begegnen Studenten der Psychoanalyse Sabina Spielrein noch heute lediglich in Freuds Fußnoten. Das Ende dieser Verheimlichung haben bereits mehrere Bücher und ein Spielfilm im letzten Jahrzehnt herbeizuführen versucht, dies jedoch mit nur wenig Erfolg.

Sabina Spielrein war 1911 die erste Frau überhaupt, die in Medizin mit einem psychoanalytischen Thema promovierte. Neben der Traumdeutung interessierte sie sich vor allem für Kinderpsychologie, heute wird sie als "Pionierin" auf diesem Gebiet bezeichnet. Als erste Psychoanalytikerin behandelte sie Kinder und erforschte auch das frühkindliche Verhalten, dies vor allem bei ihrer ersten Tochter Renata. Ihre Heirat mit dem russischen Arzt Pawel Scheftel erfolgte plötzlich. Unter Mühen schlug sie sich während des Ersten Weltkrieges durch, arbeitete beispielsweise als Analytikerin in Berlin, am Genfer Institut "Jean-Jacques Rousseau", folgte später dann ihrem Mann, der ihr vorausgefahren war, nach Russland. Damit besiegelte sie ihr eigenes und das Schicksal ihrer beiden Töchter.

Die lang erwartete Biographie von Sabine Richebächer spannt nun endlich einen großen Bogen zwischen Leben und Werk der Wissenschaftlerin Spielrein, deren Name Programm war. "Reynes schpil" stammt aus dem Jiddischen und bedeutet "faires Spiel". Wenn auch das Spiel ihres Lebens ein grausames Ende genommen hat - in ihrer Geburtsstadt, dem südrussischen Rostow am Don, wurde sie 1942 mit schätzungsweise 70 000 anderen jüdischen Menschen von den einmarschierten Nationalsozialisten in einen Hinterhalt gelockt und ermordet -, ist sie bis zum Schluss ihren Idealen und Überzeugungen unter schrecklichen Bedingungen treu geblieben.

Das sich langsam abzeichnende Verbot der Psychoanalyse in Russland, erfolgt ist es endgültig im geschichtsträchtigen Jahr 1933, hat Spielrein erst im Land selbst, vor Ort, erkennen können. Damit war ihre wissenschaftliche Karriere beendet, nicht einmal Kompromisse konnte sie mehr eingehen. Ihre Brüder ließ Stalin erschießen, die Träume ihres Vaters, einmal eine "Hochschule für Pflanzenkunde" ins Leben zu rufen, wirkten jetzt wie die Wünsche eines wirklichkeitsfremden Kindes.

Die Anfänge der Psychoanalyse haben in Russland, und auch das verdeutlicht Richebächers Buch auf anschauliche Weise, anders als sonstwo ausgesehen: Die Wissenschaftler sahen ihre Aufgaben tief in der Gesellschaft verwurzelt, sie bewegten sich nahe der Friedensforschung. Die Erforschung der Kinderseele wurde zeitgleich auch von der Politik entdeckt, die Ergebnisse missbraucht, Manipulationen der Weg geebnet. Sabina Spielreins Idee, die Welt des Kindes zu untersuchen und aus ihr fruchtbares Wissen für die sozialen Bewegungen zu schöpfen, verlor in der sie umgebenden Gesellschaft mehr und mehr von ihrer ursprünglichen Wirkkraft.

Visionen, gescheitert

Der Mensch werde, so hatte es Trotzki noch 1924 in einem Jahr, in dem alles möglich zu sein schien, ausgedrückt, nun endlich daran gehen, sich selbst zu harmonisieren, "sich selbst zur Aufgabe machen". Sabina Spielrein hat in ihrem Leben genau das versucht. Und doch bleibt ihre Biographie von einer wie ferngesteuerten Sehnsucht geprägt, die sie nie einlösen konnte. Die tiefgreifende Umgestaltung ihrer seelischen Schauplätze hat nie wirkliche Erfüllung gefunden.

Sabine Richebächer setzt ihr mit Eine fast grausame Liebe zur Wissenschaft ein tiefgründiges Denkmal voller Feingefühl, Menschlichkeit und Zärtlichkeit. Mit großem Nachdruck zeichnet sie ein bewegtes Leben bis in die "feinsten Nervenseiten" hinein nach und verhilft Sabina Spielrein mit ihrer durchdachten, sachlich fundierten Arbeit zur Erinnerung. Den Lesern ihres Buches zeigt sie so auch etwas, das grundsätzlich jede Biographie ausmachen kann: Das in jedem einzelnen Menschenleben das "Schaltwerk der Gedanken" gleichermaßen mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verknüpft ist.

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