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Emily Fridlund Eine Lawine aus Pappelflaum

Der Debütroman Emily Fridlunds betreibt Aufklärung mit Mitteln des Rätselhaften.

Emily Fridlund
Emily Fridlund. Foto: Kathy Rice

Für das erste Kapitel ihres ersten Romans „Eine Geschichte der Wölfe“ gewann die Amerikanerin Emily Fridlund 2013 den Preis einer Literaturzeitschrift. Wenn es eine Auszeichnung für die erste Seite eines Romans gäbe, gebührte ihr diese ebenfalls. Mich packte sie ab Zeile sieben: „Es ist ein Spätnachmittag wie jeder andere, wir sitzen im Nature Center, und sein Körper bewegt sich automatisch auf meinen zu – nicht aus Liebe oder Respekt, sondern einfach nur, weil er noch nicht gelernt hat, höflicherweise darauf zu achten, wo sein Körper aufhört und ein anderer anfängt. Er ist vier, er muss ein Eulenpuzzle machen, sprich ihn nicht an. Ich tue es nicht. Eine Lawine aus Pappelflaum schwebt am Fenster vorbei, still und schwerelos wie Luft.“

Wie hier das Verhältnis der jugendlichen Erzählerin zu einem kleinen Jungen exponiert wird, gibt einem den Glauben daran zurück, dass Literatur eine magische Organisationsform des sonst nicht Wahrnehmbaren ist und in Gegenden spielt, die vielleicht „Minnesota“ heißen, tatsächlich aber nicht zu verorten sind. Es geht um die 14-jährige Madeline, genannt Linda, die als Spross einer Hippie-Community, von der nur ihre Eltern übriggeblieben sind, in einem waldreichen Seengebiet wohnt und versucht, erwachsen zu werden. Dabei fährt sie nachts mit ihrem Kanu los, entzieht sich häuslichen Aufgaben und belauert ihre Mitmenschen.

Fasziniert erforscht sie etwa die pädophilen Neigungen ihres neuen Geschichtslehrers, fährt mit ihm im Auto und küsst ihn auf den Hals. Als sie merkt, dass er sich nicht für sie körperlich interessiert, sondern für ihre Mitschülerin Lily, überträgt sich ihr Interesse auf diese. Und sie behält die Kleinfamilie im Auge, die am gegenüberliegenden Ufer in eine Hütte zieht, späht Mutter und Sohn lange aus, bevor sie sich zu einem vorsichtigen Kontakt entschließt und unversehens als Kindermädchen engagiert und hineingezogen wird in deren Welt. Trotzdem bleibt Linda auf Distanz, ebenso in Schach gehalten von ihrem Wunsch, Teil von etwas zu sein, wie von ihrem selbstbestrafenden Verlangen, Verrat an denen zu begehen, die ihr vertrauen.

Später, als Erwachsene, wird sie eine masochistische Sexualität ausleben. Jetzt, als Jugendliche, kann sie den Blick von der Vernichtung ihres kleinen Glücks nicht wenden und sieht, was mit dem kleinen Paul passiert, ohne zu erkennen, dass sie ihm vielleicht hätte helfen können. Sie spielt mit ihm seine Spiele, in denen es unkalkulierbare Regeln gibt, versucht vergeblich, ihn für die Natur zu interessieren und hört ihn Sätze sagen wie „Ich bin ein makelloses Kind Gottes“. Immer näher kommt sie auch der sich irritierend mädchenhaft gebenden Mutter, will irgendwann kein Geld mehr für die Zeit annehmen, die sie mit Paul verbringt und folgt der Familie ohne es zu wissen und zu wollen in ein krankes Gedankengebäude, das ironischerweise in der Annahme besteht, dass es nur die Gedanken seien, die krank machten, und es deswegen keiner Medikamente bedürfe. Ein Kosmos aus Vernachlässigung, Sehnsucht und Ideologie entfaltet sich, eingewebt in eine geradezu dreidimensionale Naturbeobachtung.

Dass Pauls Eltern Anhänger der Christian Science sind, der Christlichen Wissenschaft, wird fast nur nebenbei erzählt. Aber „Eine Geschichte der Wölfe“ ist nach dem 1875 erschienenen Hauptwerk der Kirchengründerin Mary Baker Eddy in die Bereiche „Wissenschaft“ und „Gesundheit“ gegliedert. Es geht, will das vielleicht bedeuten, nicht so sehr um die Zweifelhaftigkeit eines speziellen Heilsversprechens, sondern um die Infragestellung heilsversprechender Strukturen generell. Und es geht um die Überprüfung der Sprache selbst. Wie ehrlich kann sie sein, ohne jemanden ins Recht oder Unrecht zu setzen, wie genau, ohne die Dinge festzulegen. Fridlunds Schreiben ist ein Öffnen der Augen durch Sprache, ein Umherschauen und Wahrnehmen, hier ist nichts performativ, sondern könnte immer auch anders sein. Stephan Johann Kleiner hat das atmosphärisch getreu und sprachmächtig übersetzt.

Emily Fridlund, die auf Fotos aussieht wie höchstens dreißig, lebt mit Mann und kleinem Sohn im Norden des Bundesstaates New York. Derzeit arbeitet sie an einem zweiten Roman, in dem, wie sie in einem Interview schon letztes Jahr berichtete, der Klimawandel eine Rolle spielt und ein Kind verschwindet. Aufklärung mit Mitteln des Rätselhaften – das hört sich an wie ein ganz eigenes Genre.

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