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Emil Cioran zum 100. Der Verneiner

Emil Cioran, am 8. April 1911 geboren, war ein Sprachemigrant. Nach dem zweiten Weltkrieg wechselte er vom Rumünischen ins Französische. Das half ihm auch, seine faschistoiden Tendenzen zu verdrängen. Nun sind seine Aufsätze aus Nazi-Deutschland erschienen.

07.04.2011 15:05
Von Stefana Sabin
Ruhm nach dem Wechsel der Sprache: Emile Cioran. Foto: afp

Vielleicht kann man seinen Werdegang als Entwicklungsgeschichte erzählen: Ein Junge aus der Provinz, Rasinari im deutschsprachigen Siebenbürgen an der Peripherie der Donau- Doppelmonarchie, zieht in die Großstadt – nach Bukarest – und schließlich in die Hauptstadt der Welt– nach Paris. Nachdem er von seiner Muttersprache zu einer Weltsprache übergelaufen ist, wird er ein anerkannter Autor.

Emil Mihai Cioran, am 8. April 1911 geboren, war tatsächlich ein transkultureller Schriftsteller: ein Sprachemigrant. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kehrte er nicht ins sozialistische Rumänien zurück, sondern blieb in Paris, wohin er 1937 als Doktorand der Philosophie gekommen war. Er hatte schon im Gymnasium Französischunterricht gehabt und lernte die Sprache derart zu beherrschen, dass er für die Feinheit und Subtilität seines Stils ge- und berühmt wurde. Schon für sein erstes auf Französisch geschriebenes Buch erhielt er 1950 den „Prix Rivarol“, der an nichtfranzösische Autoren verliehen wurde, benannt nach dem Sprachästheten und Essayisten Antoine de Rivarol. Dessen These von der Klarheit des Französischen kulminierte in seinem bis heute geläufigen Diktum: „Ce qui n’est pas clair n’est pas français“ – Was nicht klar ist, ist nicht französisch. Der „Prix Rivarol“, der ihn im intellektuellen Paris etablierte, blieb die einzige Auszeichnung, die Cioran annahm. Als Negativist, sagte er, negiere er jede Auszeichnung.

Knappe Form

Wie viele Dichter, die die Sprache wechselten, behielt auch Cioran, der 1995 in Paris starb, bis zuletzt ein ambivalentes Verhältnis zur angeeigneten wie zur angestammten Sprache. So gab er in einem Interview zu, dass er die französische Alltagssprache nicht beherrsche – als Essayist aber führte er das Französische zu neuen Abstraktionsstufen. Für die düstere, zeitenthobene Stimmung, die schon in seinen auf Rumänisch verfassten Büchern wie „Entdeckungen des Schmerzes“, „Auf den Gipfeln der Verzweiflung“ und „Gedankendämmerung“ herrschte, fand er nun einen aphoristisch-essayistischen Stil, mit dem er sich in eine urfranzösische Tradition einschrieb.

Er blieb bei der knappen Form: Gedankensplitter, Notizen, Glossen. Die Titel seiner Bücher („Die verfehlte Schöpfung“, „Vom Nachteil, geboren zu sein“, „Leidenschaftlicher Leitfaden“, „Lehre vom Zerfall“, „Syllogismen der Bitterkeit“, „Der Absturz in die Zeit“) sprechen von tiefer Verzweiflung.

„Mein Werk“, erklärte Cioran einmal, „ist ein Werk der Verneinung.“ Diese Verneinung war philosophisch sublimierte und sprachlich geformte Welt- und Lebensauffassung, die aus einer anhaltenden subdepressiven Befindlichkeit stammte.

Vielleicht war die vitalistische Sehnsucht seiner Jugend ein Versuch, der Niedergeschlagenheit zu entkommen – aber sie machte ihn anfällig für die faschistische „Eiserne Garde“ in Rumänien und den deutschen Nationalsozialismus, den er als Humboldt-Stipendiat in Berlin zwischen 1933 und 1935 miterlebte. Die Aufsätze, die Cioran für rumänische Zeitschriften aus Deutschland geschrieben hat, sind nun erschienen: Der Band „Über Deutschland“ versammelt Kritiken über deutsche Maler und Philosophen (Dürer, Hegel, Jaspers) und kulturpolitische Berichte (über „die ethische Problematik in Deutschland“, den „Verzicht auf Freiheit“ oder über das „Opfer der Massen“).

"Einsam angesichts des Daseins"

Darin ist der pessimistische Kulturdeuter erkennbar. „Das philosophische Denken findet, indem es über das Subjekt reflektiert, ebendarin den Ursprung der Verneinung und verneint das Subjekt, ebenso wie dieses ehedem die Gegenstände verneinte.“ Oder: „Der Tod ist etwas, was sich zwischen einem Scheinleben und dem wahren Leben befindet und jenseits beider steht.“ Oder: „Mehr als in der bloßen Langeweile ist der Mensch in der Melancholie einsam angesichts des Daseins.“

Aber erkennbar ist auch der faschistoide Denker, der von dem „zum Äußersten getriebenen Messianismus“ der Deutschen beeindruckt war und die Diktatur zum „politischen Triumph“ verklärte. „Wer weiß, ob die Menschen die Freiheit verdienen und ob sie sie brauchen!“ Oder: „Die Demokratie fordert dich auf, Bürger zu sein; die Diktatur zwingt dich dazu.“ Oder: „Um die Diktatur zu verstehen, muss man Zynismus und Enthusiasmus richtig zusammenzusetzen wissen.“

Vielleicht wollte Cioran, als er vom Rumänischen zum Französischen wechselte, sich auch von diesen Äußerungen distanzieren. „Wer seine Sprache verleugnet und eine andere annimmt, verändert seine Identität, ja sogar seine Enttäuschungen“, heißt es in „Dasein als Versuchung“: „Als heroischer Verräter bricht er mit seinen Erinnerungen und bis zu einem gewissen Grad mit sich selbst.“ Cioran hat seine jugendliche Verirrung nicht verleugnet, aber sie als „heroischer Verräter“ verdrängt. Und auch dafür hat ihm der Wechsel der Sprache genutzt.

E.M. Cioran: Über Deutschland. Aufsätze aus den Jahren 1931-1937. Aus dem Rumänischen und mit einem Nachwort von Ferdinand Leopold. Suhrkamp Verlag, Berlin 2011, 216 S., 17,90 Euro.

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