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Else Sohn-Rethel "Ich war glücklich ..." Reizende Tage genießen

Hinreißend sind die Lebenserinnerungen der Else Sohn-Rethel, heiteres Mitglied einer Malerfamilie. Das wunderschöne Buch ist der jüngste Fund des Schriftstellers Hans Pleschinski, der heute 60 Jahre alt wird.

22.05.2016 17:01
Katrin Hillgruber
Hans Pleschinski ist auf die fabelhaften Erinnerungen der Else Sohn-Rethel gestoßen. Foto: Beck

Verträumt und freundlich blickt der Zulukönig Cetshwayo drein, das stolze Haupt von gelb-grünen Wolken sowie einer Kette aus Löwenzähnen umrahmt. Der Düsseldorfer Maler Carl Rudolph Sohn porträtierte ihn 1882, als der letzte autonome Herrscher der Zulu die britische Königin Victoria in London besuchte. Angeregt berichtete er seiner Frau Else von den Porträtsitzungen. Als das Gemälde später auch in Düsseldorf gezeigt wurde, lobte ein Kunstkritiker, Carl Sohn habe die Züge des Königs in „liebenswürdiger Durchgeistigung“ überliefert. Noch lange sei ihr Mann im Künstlerverein Malkasten mit dem Zulu-Schlachtruf empfangen worden, notierte Else Sohn-Rethel in ihren Memoiren.

Durch einen glücklichen Zufall sind die Lebenserinnerungen der selbst vielfach musisch begabten Else Sohn-Rethel (1853-1933) nun unter dem Titel „Ich war glücklich, ob es regnete oder nicht“ dem Vergessen entrissen worden. Hans Pleschinski, der historisch so versierte Romancier, entdeckte sie im Zuge der Recherchen zu seinem Roman „Königsallee“ (2013). Denn Else Sohn-Rethels Tochter Mira heiratete 1907 den Maler Werner Heuser, der die Memoiren seiner Schwiegermutter dankenswerterweise abtippte. Mira und Werner waren die Eltern von Klaus Heuser, Thomas Manns „Augenstern“ und Vorbild des Joseph in der gleichnamigen Tetralogie.

Als „absolutes Frühlingsbuch“ bezeichnet Hans Pleschinski seine rheinische Trouvaille. Das liegt am heiteren, ausgeglichenen Temperament der Else Sohn-Rethel. Als Tochter des Historienmalers Alfred Rethel, Enkelin des Miniaturmalers August Grahl und Urenkelin der Bankiers Oppenheim entstammte sie dem liberalen deutsch-jüdischen Großbürgertum und verbrachte in Dresden eine unbeschwerte, sportlich-freie Jugend. Dabei lernte sie alsbald zu „dirigieren“ und Rechnungen zu bezahlen, denn ihre verträumte Mutter war mehr der Lektüre als den praktischen Dingen zugetan.

Es ist dieser lebendige Stil, der Pleschinski in seinen Bann zog. Wie bereits etwa die Briefe der Madame de Pompadour oder die Aufzeichnungen des Herzogs Emmanuel von Croÿ am Hof von Versailles („Nie war es herrlicher zu leben. Das geheime Tagebuch des Herzogs von Croÿ 1718-1784“, 2011) gestaltet er Else Sohn-Rethels Erinnerungen durch behutsame Zwischentexte zu einem ungemein lebendigen und charmanten Epochenbild.

Die Autorin war eine emanzipierte Frau avant la lettre, weltzugewandt und durchaus freizügig. „In Zürich genossen wir reizende Tage und uns“, notierte sie auf ihrer Hochzeitsreise, die wegen drohender Cholera nicht nach Italien geführt hatte. Antijudaismus oder gar Antisemitismus thematisiert sie an keiner Stelle. Vielleicht war sie auch durch das Künstlermilieu, in dem sie sich in Dresden und später durch ihre Heirat mit Carl Sohn in Düsseldorf bewegte, vor solchen Ressentiments und Anfeindungen geschützt.

1877 wurde der alte Kaiser Wilhelm I. zu einem Künstlerball im Malkasten erwartet. Die vierfache Mutter und Monarchie-Skeptikerin Else gestaltete mit Wattetafeln und Eimern voller Kleister eine prächtige Saaldekoration, die Jahrzehnte gehalten haben soll.

Dennoch versteht es der Herausgeber, dieses so unbeschwerte Leben einer glücklichen Natur durch Kommentare zu ergänzen, die den zwiespältigen Zeitgeist offenbaren. So stieß er etwa auf eine ausgeprägte Judenfeindlichkeit im Seebad Borkum (im Gegensatz zum weltoffenen Norderney), dessen Kurkapelle bereits vor 1933 täglich antijdüdische Hetzlieder intonierte. Else Sohn-Rethels anekdotenreiche Aufzeichnungen enden mit einem „letzten Seestück“ vom Sommer 1891, als die 38-Jährige mit ihrer Familie an der holländischen Küste weilte.

Wo man das reich und sorgsam illustrierte Buch auch aufschlägt: Durch die Stimme Else Sohn-Rethels erinnert Hans Pleschinski an eine nur vermeintlich ferne Epoche. Am heutigen Montag feiert er in München selbst einen runden, seinen 60. Geburtstag. Elses Festvorbereitungen im Malkasten gab er den hinreißenden Titel „Mit Kleister für Kaiser und Reich“.

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