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Elizabeth Strout Zwar übersteigt es Tommys Vernunft

Aber „alles ist möglich“: Elizabeth Strouts nüchterner, großartiger Kleinstadt-Roman.

Elizabeth Strout
Elizabeth Strout ist Pulitzer-Preisträgerin. Foto: imago

Das berühmte Tolstoi-Zitat drängt sich bei einer Lektüre Elizabeth Strouts schon bald mit Macht auf: „Alle glücklichen Familien gleichen einander. Jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Art unglücklich.“ Aus wie vielen Gründen der Mensch unglücklich, seelisch beschädigt sein kann (durch die ihm Nahestehenden): Elizabeth Strout weiß um alle diese Gründe und erzählt von ihnen auch in ihrem jüngsten Roman „Alles ist möglich“ wieder auf undramatische, unsentimentale Weise. Strout, geboren 1956 in Portland, Maine, ist eine millimeterfeine, aber uneitle Stilistin. Nichts unterläuft ihr. Nichts ist Prätention. Jeder Satz führt weiter, bringt die Geschichte um Nuancen voran. Als stünde Strout unmittelbar neben ihren Figuren und blickte ihnen ins Gesicht. Um sie dann auf den Seiten und im Langzeitgedächtnis der Leserin zu verankern. Sie tut das mit einer gewissen Hinterlist, auch Härte, aber ohne Grausamkeit. Häufig wird sie eine „sanfte“ Erzählerin genannt – „Alles ist möglich“, 2017 im englischen Original erschienen, aber hat fast schon unstroutsche, große Dunkelheiten.

Zuletzt erschien von dieser fabelhaften  Chronistin des Alltäglichen auf Deutsch der schmale Roman „Die Unvollkommenheit der Liebe“: Die Schriftstellerin Lucy Barton liegt im Krankenhaus, ihre Mutter besucht sie – lange haben sie sich nicht gesehen – und ein tragisch gestörtes Mutter-Tochter-Verhältnis erscheint nach und nach wie die Schrift einer Geheimtinte. In „Alles ist möglich“ begegnet man Lucy Barton wieder, aber hier ist sie nur eine Figur unter vielen (im Kapitel „Schwester“), erfasst allerdings in einem besonderen, besonders aufgeladenen Familienmoment: Zum ersten Mal seit 17 Jahren besucht die in New York lebende, dorthin gleichsam geflüchtete Lucy ihren Bruder Pete im (fiktiven) Kaff Amgash, Illinois. Schwester Vicky kommt, unerwartet – auch „um dir zu sagen, dass du mich ankotzt“.

Der alte Groll sitzt tief. Darüber, dass Lucy es schaffte zu gehen. Dass sie von den Eltern ein bisschen nachsichtiger behandelt wurde, dass sie nachmittags in der Schule bleiben konnte und „fein raus“ war. Vicky, die Älteste der drei, packt, welche Gelegenheit, vor den Geschwistern alles an übler Familiengeschichte aus, vom Schlimmsten zum Allerschlimmsten: wie die Mutter, eine Näherin, einmal ihre, Vickys, Kleider zerschnitt; was für furchtbare Geräusche der Vater beim Sex machte (und die Wände waren so dünn); wie die Kinder Essen aus dem Müll klauben und, würgend, aufessen mussten.

Dass die Bartons arm waren wie Kirchenmäuse, das weiß die regelmäßige Strout-Leserin schon. Details kommen nun hinzu. Aber das Netz der Lebensgeschichten ist hier weit gespannt – fast kann man „Alles ist möglich“ als Folge von in sich gerundeten Kurzgeschichten wahrnehmen –, so dass es bei weitem nicht nur um die Bartons geht, sondern auch um Nachbarn, Bekannte, Verwandte, Bekannte von Verwandten.

Tommy Guptill tritt als erster auf – das Kapitel ist „Zeichen“ überschrieben – und ist so etwas wie der gute Mensch von Amgash. Als sein Hof abbrennt, die Milchkühe schreien, ausgerechnet in dieser schrecklichen Nacht spürt er die Nähe von Gott, der ihm sagt: „Es ist gut, Tommy. Und da begriff Tommy: Ja, es war gut. Es überstieg seine Vernunft, aber es war gut so.“ Seine Familie ist gerettet – und ist das nicht die Hauptsache. Guptill wird Hausmeister der Schule und hält dort die Dinge zusammen. Hält auch ein einziges Mal die scheue Lucy fest, als diese erfährt, dass sie mit einem Stipendium aufs College kann. „Er vergaß diese Umarmung nie, weil das Mädchen so dünn war, er konnte die Knochen und den kleinen Busen spüren.“

Im Heute des Romans ist Tommy Guptill ein alter Mann. Ist Vickys Tochter ein rotziger, wütender Teenager. Im Heute des Romans hat Charlene Daigle – das Mädchen mit dem netten Vater, andere Kinder haben sie beneidet – kürzlich eine Selbsthilfegruppe für Inzestopfer gegründet. Die Appleby-Geschwister begreifen, als ihr strenger, aufbrausender Vater dement wird und die Pfleger belästigt, dass er ihre Mutter mit Männern betrogen hat. Beziehungsweise: Sie wollen es erst dann begreifen. Der Mensch ist bei Elizabeth Strout auch ein kunstfertiger Verdränger.

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