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Elisabeth Langgässer Die Wirklichkeiten der Elisabeth Langgässer

Konservative Denkerin, moderne Stilistin, strenge Katholikin jüdischer Herkunft, unverheiratete Mutter: Eine Erinnerung an das widerspruchsvolle Leben der Schriftstellerin, die vor 65 Jahren gestorben ist.

24.07.2015 17:20
Wilhelm von Sternburg
Am 25. Juli 1950 starb die Dichterin Elisabeth Langgässer, 51 Jahre alt und schwer an Multipler Sklerose erkrankt. Foto: picture-alliance / dpa

Ach, ich sehne mich wieder nach dem Südwesten zurück und weiß genau, daß irgendwo bei der Wurzel irgendeines zähen, krummen Rebstocks meine eigene liegt.“ Die Dichterin Elisabeth Langgässer schreibt diese Briefzeilen am 5. Mai 1947 aus dem zerstörten Berlin. In einem kleinen Haus im Zikadenweg 42 (Berlin-Eichkamp) hatten sie und ihre Familie die Verfolgungen des Dritten Reiches, die Bombennächte der Kriegsjahre, den Hunger und das Elend der frühen Nachkriegszeit überlebt. Vom Überlebenskampf erschöpft, schon gezeichnet von der Krankheit zum Tode sehnt sie sich zurück in die Landschaften und Städte ihrer Jugend.

Der „Südwesten“, das ist für sie das Dreieck zwischen Mainz, Darmstadt und Worms, das einsame und in der Fantasie der Dichterin vom Mythos der Schönheit und des Todes gezeichnete hessische Ried mit seinen schmalen Wasserstraßen und sumpfigen Böden. Das sind auch der mächtige Rhein, die fernen Hügel des Taunus, die lieblichen Höhen der Bergstraße oder die in der Ferne schimmernden pfälzischen Bergrücken. Hier wuchs sie auf, hier entdeckte sie die Welt, hier schrieb sie ihre ersten Gedichte. Und bald werden das rheinhessische Land und seine Menschen dann auch den Hintergrund ihrer großen Romane und zahlreicher ihrer Erzählungen bilden.

Schon auf den vorderen Seiten ihres ersten umfangreichen Prosatextes „Proserpina“ (1932), einer autobiographisch gefärbten „Kindermythe“, beschwört die Dichterin ihre Heimat herauf. Von einem uralten Siedlerland erzählt sie: „In dem rheinischen Hügelland, dessen eintönige und unbewaldete Bodenwellen nach Südwesten in die pfälzischen Berge zu münden beginnen, hat sich dies alles zugetragen.“

Einer dieser Orte der in Langgässers Erzählwelt den Rahmen bildet, ist die noch heute von lieblichen Weinbergen umgebene kleine Stadt Alzey. Nibelungenstadt nennt sie sich, weil der mittelalterliche Sänger der Burgunder, Volker von Alzey, sie im großen Lied von Verrat, Rache und Tod erwähnt. In geheimnisvollen Blumengärten – die in mittäglicher Hitze Pan durchstreift und in dessen Dunkel bocksbeinige Dämonen lauern – lebt das Kind. Natur, Antike und Christentum werden beschworen, die Welten der Kelten, Römer und verlorenen Vagabunden. Die Unterwelt ruft, und die Dichterin erzählt vom „Leben als unaufhörliche Metamorphose“ (Sonja Hilzinger).

Sünde und Erlösung, Begriffe, die ihr Denken prägen

Hier wird Elisabeth Langgässer 1899 geboren und hier lebt sie, bis der erste existenzielle Verlust die Neunjährige heimsucht: der Vater – er war in Alzey Baurat des im nahen Darmstadt residierenden Großherzogs – stirbt. Die Witwe zieht mit ihren beiden Kindern nach Darmstadt. Elisabeth Langgässer besucht dort das Victoriagymnasium, durchläuft eine kurze Lehrerinnenausbildung und wird in Seligenstadt und dann im nahen Griesheim Volksschullehrerin. Eine schöne junge Frau, schon früh von ihren Fantasien umzingelt, beginnt sie als tiefgläubige Katholikin die Welt als Kampf des Satans mit Gott zu deuten, sieht den Sieg des Bösen im Leben und Gottes Gnade im Tod. Sünde und Erlösung werden Begriffe, die ihr Denken und damit auch ihr Werk prägen.

Schreiben will die junge Lehrerin, unter der Last des Schuldienstes leidet sie, und die materielle Enge in Kriegs- und dann in Inflationsjahren spiegelt sich in zahllosen Klagebriefen. Geldnot bleibt ihr Lebensbegleiter. Auch dann, als ihr Werk in den letzten fünf Lebensjahren endlich die verdiente hohe Anerkennung findet, sie sich in den Jahren nach 1945 als begehrter Gast auf Schriftstellerkongressen und in Radiodiskussionen, in Zeitungsinterviews und Essays zu Wort meldet.

In ihren Berliner Jahren – 1929 flieht sie mit ihrem neugeborenen unehelichen Kind in die Anonymität der Großstadt – wird sie eine streitbare Intellektuelle, kann schroff über Kollegen urteilen, deren Weltanschauung sie ablehnt und auf deren Erfolge sie nicht ohne Neid reagiert. Sie ist ungeheuer belesen und wissensdurstig. Schon in der Darmstädter Zeit sitzt sie im Frankfurter Café Laumer und lauscht – als einzige Frau in diesem „Freitagskreis“ geduldet – den Debatten der dem linken Zentrum zuneigenden Männer (darunter der junge Walter Dirks) aus der Redaktion der „Rhein-Mainischen Volkszeitung“, für die sie ihre ersten Artikel – darunter auch Theaterkritiken – schreibt.

Der Gedichtband „Der Wendekreis des Lammes“ erscheint 1924 im katholischen Grünewald-Verlag. Katholische Blätter, aber auch die „Frankfurter Zeitung“ veröffentlichen sporadisch weitere Gedichte und erste Erzählungen. Sie ringt energisch und zäh um die Veröffentlichung ihrer Manuskripte. „Grenze: Besetztes Gebiet“ erscheint 1932. Die „Ballade eines Landes“ (so der Untertitel) erzählt von der französischen Besetzung des rechtsrheinischen Rieds in der Zeit des Ruhrkampfes. Kurz darauf folgt „Proserpina“.

„Halbjüdin“ mit Berufsverbot

Gerade als sie beginnt, sich als Schriftstellerin zu etablieren, kommt Hitler an die Macht, und tiefe Schatten fallen auch auf das Leben der Elisabeth Langgässer. 1936 erscheint ihr Roman „Gang durch das Ried“, und wenige Wochen später wird sie aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen: Berufsverbot. Sie hat bei den Märzwahlen 1933 Hitler gewählt, sie schweigt in ihren Briefen nahezu völlig über die dramatischen politischen Entwicklungen in Deutschland, den Terror der Nazis, die Ausgrenzung, Diffamierung und Verfolgung der jüdischen Mitbürger. Aber sie ist „Halbjüdin“. Der dem alten Mainzer Judentum zugehörige Vater hatte sich einen Tag vor seiner Verheiratung mit einer Katholikin taufen lassen.

Elisabeth Langgässer bittet im August 1937 in einem peinlichen Brief um die Wiederaufnahme. „Meinen künstlerischen Beruf kann ich auf die rein arische Linie meiner mütterlichen Vorfahren ... zurückführen.“ Sie beschwört in diesem Schreiben ihre unpolitische Haltung in den Weimarer Jahren, diffamiert den jüdischen Kollegen Alfred Döblin, der sie einst gefördert hat, und weist ausdrücklich darauf hin, dass der S. Fischer Verlag (er gehörte dem jüdischen Verleger Samuel Fischer) ihre Manuskripte abgelehnt habe. Umsonst die selbstgewählte Demütigung, die Verleugnung ihres jüdischen Erbes: Es bleibt beim Veröffentlichungsverbot. Aber die „verbotene“ Schriftstellerin schreibt in den Jahren des Dritten Reiches ihren bedeutendsten Roman, der dann 1947 erscheinen wird und auf ein lebhaftes Echo stößt: „Das unauslöschliche Siegel“.

Das Judentum: Es bleibt für Elisabeth Langgässer über viele Lebensjahrzehnte hinweg ein Tabuthema. Ende der zwanziger Jahre hat sie eine leidenschaftliche Affäre mit dem bekannten jüdischen Staatsrechtler Hermann Heller. 1929 wird die Tochter Cordelia geboren, und die Mutter muss den Schuldienst verlassen. Heller, verheiratet und bereits Vater, löst die Beziehung sofort.

Während ihrer Arbeit für den Berliner Rundfunk lernt sie den dort beschäftigten katholischen Theologen und Philosophen Wilhelm Hoffmann kennen. Der Heidegger-Schüler und Augustinus-Forscher ist klug, depressiv und schwierig. Drei Töchter werden geboren und die materielle Situation wird immer problematischer. Hoffmann verliert seine Arbeit beim Rundfunk und bleibt nahezu ohne Einkommen. Heinrich Langgässer, unverheirateter Bruder der Dichterin – ein begabter Techniker und Erfinder –, kommt weitgehend für den Unterhalt der Familie auf. Die Schriftstellerin schreibt anonym Reklametexte.

Ihre Tochter wird nach Auschwitz deportiert

Das Drama der Familie Langgässer nähert sich 1941 seinem Höhepunkt. Cordelia, die uneheliche Tochter, gilt im rassistischen Jargon der Nationalsozialisten als „Dreivierteljüdin“. Die Wirklichkeitsverweigerung der Mutter führt dazu, dass alle Emigrationspläne verworfen werden. Mutter und Tochter werden von der Gestapo erpresst. Cordelia wird von der Familie getrennt und muss bald den Judenstern tragen. Ihr Weg führt über Theresienstadt nach Auschwitz. Tiefe Schuldgefühle begleiten das Leben der Mutter seit der Trennung. Elisabeth Langgässer erfährt erst im Frühjahr 1946, dass die schwer erkrankte Cordelia der Hölle von Auschwitz entrinnen konnte und in Schweden lebt: „Holde Anemone, / bist du wieder da / und erscheinst mit heller Krone / mir Geschundenem zum Lohne / wie Nausikaa?“ Die Mutter, so wird die dann erwachsene Tochter schmerzvoll schreiben, „erschuf sich ihre eigene Wirklichkeit, die Welt, der sie gerade bedurfte“.

Elisabeth Langgässer, in den Nachkriegsjahren als Schriftstellerin anerkannt, kehrt 1947 in die Heimat zurück und zieht in die Nähe von Worms ins südpfälzische Rheinzabern. Seit Anfang der vierziger Jahre weiß sie um ihre tödliche Krankheit, Multiple Sklerose. Sie stirbt am 25. Juli 1950, wenige Wochen nachdem sie ihren letzten Roman, „Märkische Argonautenfahrt“, beendet hat. Obwohl sie inzwischen viel diskutiert und bewundert wird, Mitglied der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur ist, nimmt die Welt seltsamerweise kaum Kenntnis vom Sterben dieser bedeutenden Autorin. Immerhin, posthum erhält sie 1950 den Georg-Büchner-Preis.

Elisabeth Langgässer war eine konservative Denkerin und ungemein moderne Stilistin. Ihre Lyrik zeugt von ihrer Liebe zu den Werken Novalis’, Adalbert Stifters oder Wilhelm Raabes. Ihre Romane und Erzählungen erinnern weltanschaulich und thematisch an die großen katholischen Autoren Frankreichs, Paul Claudel, François Mauriac, Georges Bernanos oder Julien Green. Die häufig von Symbolen und Mythen überladene Prosa ist für den Leser streckenweise nur schwer zugänglich. Stilistisch und dramaturgisch verschlungen, lassen ihre Texte an die europäische Avantgarde (James Joyce) in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts denken.

Als Künstlerin ist sie egoistisch und kämpferisch. Ihr Katholizismus bildet möglicherweise den Hintergrund mancher antisemitischer Äußerungen, die sich in ihren Briefen finden lassen. In den Jahren vor dem Dritten Reich blickt sie jedoch auch mit viel Spott und Kritik auf die Politik der Amtskirche. Aber mit der Aufklärung und Luthers Aufstand gegen die römische Papstkirche ist für sie der Teufel in die Welt getreten. Ihr Frauenbild entnimmt sie dem 19. Jahrhundert. Die Emanzipation, wie die Moderne sie fordert, bleibt ihr der falsche Weg, und der Mann ist für diese Schriftstellerin der „göttliche“ Inspirator. Gleichwohl entspricht der „knabenhafte, sexuell eher passive Mann ihrem ... Wunschbild“ (Sonja Hilzinger). Der Freundin Elisabeth Andre, mit der sie eine lebenslange Liebesbeziehung verbindet, schreibt sie einmal: „Ich glaube, dass ich eine sehr gute Mutter werden könnte ... besonders meinem Mann.“

Zauber der Sprache

Hitler und der Terror der Nationalsozialisten sind für sie auch nach dem Krieg „Schicksal“ und nicht gesellschaftliches Versagen der deutschen Eliten. Für die „innere Emigration“ – die die im Land gebliebenen Autoren larmoyant für sich reklamieren – findet auch sie selbstgerechte Worte, macht aber zugleich die kluge Anmerkung: „Es ist eine große, eine unverdiente Gnade gewesen, wenn Gott einem Menschen den Arm festgehalten hatte ... wenn er es fügte, dass er ... beizeiten aus der sogenannten Reichsschrifttumskammer herausgeworfen wurde, bevor er noch in die Versuchung kam, mit diesem Gesindel einen Pakt abzuschließen.“

Was von dieser Dichterin bleibt, ist der Zauber der Sprache, der ihre Werke durchglüht. „Schlafe, wenn der Regen rauscht / und die Schöpfung seufzend lauscht / ihrem Todeslose. / Äolsharfen streift der Wind, / einst wird Orpheus dir zum Kind – / schlafe, meine Rose.“ Und es ist die Landschaft ihrer Herkunft, die sie zu einer der großen deutschsprachigen Erzählerinnen ihres Jahrhunderts hat werden lassen.

Von Georg Büchner bis Stefan George, von Carl Zuckmayer bis Anna Seghers reicht die Galerie großer rheinhessischer Autoren. Elisabeth Langgässer, die Schwierige und Widersprüchliche, nimmt darin einen gewichtigen Platz ein.

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