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Elena Ferrante Eine Frau lässt sich verschwinden

Elena Ferrantes „Neapolitanische Saga“ ist ein Welterfolg – fehlt nur noch die Autorin. Oder der Autor. Das Rätsel hört nicht auf, aber das Übersetzen geht glücklicherweise weiter.

11.07.2016 16:36
Von Christian Bos
Szene aus der Elena-Ferrante-Verfilmung „L’amore molesto“, „Lästige Liebe“ von 1995. Foto: Lucky Red

In Roberto Bolaños Großroman „2666“ jagen Akademiker einem Autor namens Benno von Archimboldi hinterher. Auf dessen Werk haben sie ihre Karrieren aufgebaut, doch wer sich hinter dem nom de plume Archimboldi verbirgt, wissen sie nicht. In den Jahren 2008/09, als die englischen, französischen und deutschen Übersetzungen von „2666“ erschienen, wurde Bolaño zum globalen Phänomen. Seinen späten Ruhm konnte der Autor nicht mehr genießen, er war 2003, auf eine Spenderleber wartend, gestorben.

Heute suchen Literaturwissenschaftler und Kritiker nach der Person, die sich hinter dem Pseudonym Elena Ferrante vor der Öffentlichkeit verborgen hält. Denn die hat eine rund 1700 Seiten umfassende, in vier Romane unterteilte „Neapolitanische Saga“ verfasst, die schon in ihrem heimatlichen Italien und erst recht in England und Amerika als literarische Sensation gefeiert wird. Und längst nicht nur vom Feuilleton. Wer unter dem Hashtag #ferrantefever googelt, findet eine florierende Subkultur leidenschaftlicher Leser, eine transnationale Gemeinschaft, die viel Zeit und Mühe darauf verwendet, fiktive Ereignisse aus dem Neapel der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu diskutieren.

Und eben auch die Frage, wer diese ungemein zwingende Beschreibung einer Frauenfreundschaft im verarmten, verdorbenen Süden des Stiefels erschaffen hat? Ist es die Historikerin Marcella Marmo, die ein Dante-Spezialist mit Sherlock Holmes’scher Deduktionskunst als wahrscheinliche Kandidatin identifizierte? Oder der Autor Domenico Starnone? Und wenn nicht der, dann vielleicht seine Frau, die Übersetzerin Anita Raja, die bei jenem kleinen Verlag arbeitet, in dem Ferrantes Romane erscheinen?

Überhaupt ist dieser Verlag seine eigene Geschichte wert. 1979 vom Ehepaar Sandro Ferri und Sandra Ozzola gegründet, das 2005 den Schritt aufs internationale Parkett wagte, mit dem englischsprachigen Ableger Europa Editions, der Büros in London und New York unterhält. Deren Mieten sich heute locker mit den Einnahmen aus der „Neapolitanischer Saga“ bezahlen lassen. Ann Goldstein, Ferrantes amerikanischer Übersetzerin, wurde ebenfalls unterstellt, die geheime Autorin zu sein. Was sie, genau wie alle zuvor Genannten, abstreitet. Sie kenne selbst nur den Text, das reiche ihr völlig aus.

Und das sollte es dem Leser auch. „Bücher brauchen keine Autoren mehr, sind sie einmal geschrieben“, schreibt Ferrante in einem E-Mail-Interview. Ironischerweise geht es im Roman selbst um die Suche nach einer Frau, Raffaella Cerullo, genannt Lila, die alle Spuren ihrer Existenz verwischt und jeden Hinweis auf ihren Verbleib gelöscht hat.

Geschichte einer Freundschaft

Ihre beste Freundin und ewige Konkurrentin Elena Greco – die Vornamensgleichheit ist selbstredend kein Zufall – kann das nicht akzeptieren, setzt sich an den Computer und schreibt die gemeinsame Geschichte nieder, von der Kindheit in einem Armenviertel Neapels bis ins Alter.

Elena ist fleißig, diszipliniert, gelegentlich brillant. Und steht doch im Schatten Lilas. „Meine geniale Freundin“ heißt der erste Roman, der diesen Herbst endlich auf Deutsch erscheint, im Suhrkamp Verlag. Man muss sich den Titel mit Bewunderung und Verachtung ausgesprochen vorstellen. Denn Lila ist hitzig, halsstarrig, unberechenbar und unerschrocken. Bedroht die örtlichen Mafiosi mit dem Messer. Heiratet allzu früh und stürzt sich ebenso schnell in eine wilde Affäre. Während die bedächtige Elena langsam die akademischen Mühlen durchläuft, um sich von ihrer niederen Herkunft zu befreien.

Als junge Literaturhoffnung scheint ihr das zu gelingen. Doch was bringt ihr der Ruhm als Romanautorin? In der alten Heimat schämt man sich für sie wegen einiger sexuell expliziter Stellen, und die Platzhirsche der intellektuellen Kreise Mailands oder Turins behandeln sie wie Freiwild. Als Frau, rät Elena Ferrante ihren Leserinnen, dürfe man sich keinen Moment der Unachtsamkeit erlauben. Wer sich fragt, warum diese Autorin es vorzieht, abwesend zu bleiben, findet die Gründe dafür in ihrem Werk.

Ferrantes Neapel-Romane sind mit Stoff und Charakteren für sieben Seifenopern vollgepackt. Aber sie sind keine Abfolge schockierender Enthüllungen, sondern eine Chronik des modernen Italien, in der die herrschenden Verhältnisse durch den Brennglas-Blick wütender, unsentimentaler Frauen in schmerzhafter Klarheit erscheinen. Das Ferrante-Fieber ist leicht erklärt: Der Leser verliert sich in den Lebensläufen von Elena und Lila ähnlich wie beim Komagucken einer Fantasy-Serie, kann hier ichvergessen eintauchen, bis er sich selbst für den pseudonymen Autor hält. Allerdings flüchtet er sich nicht in virtuelle Welten, sondern stößt auf eine tiefere, unbequeme Wahrheit. Dass die weiblich ist, muss niemanden verwundern.

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