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Elena Ferrante "Die Geschichte eines neuen Namens" Trivial ist hier rein gar nichts

Der zweite Band von Elena Ferrantes neapolitanischer Roman-Tetralogie heißt "Die Geschichte eines neuen Namens" hält, was die Jagd danach verspricht.

13.01.2017 14:03
Christian Bos
Nicht nur eine Mittelmeerromanze: Blick auf Neapel. Foto: GABRIEL BOUYS/afp

Die Geschichte eines neuen Namens“, der zweite Band aus Elena Ferrantes neapolitanischer Roman-Tetralogie, beginnt mit einem doppelten Verrat. Im Frühjahr 1966 gehen Lila und Elena, die beiden unzertrennlichen Freundinnen aus dem Rione, einem Armenviertel Neapels, die wir in „Meine geniale Freundin“ kennengelernt haben, längst getrennte Wege.

Der erste Band endete spektakulär – wie eine Seifenoper zur besten Sendezeit – mit Lilas Hochzeit im Alter von 16 Jahren, auf deren Feier sie entdecken muss, dass ihr Vater, ihr Bruder und auch ihr frischgebackener Ehemann in die Machenschaften der örtlichen Camorristi verstrickt sind. Ihre nächsten Jahre verschwendet Lila mit ihrem ständigen, doch vergeblichen Aufbegehren gegen die Enge, Ignoranz, die Korruption und Gewalt ihrer Umgebung.

Die brave Elena dagegen hat den geraden Pfad der humanistischen Studien eingeschlagen, hat sich bereits als brillante Studentin im fernen Pisa einen Namen gemacht, ihr Leben ist ein Bildungsroman. Da übergibt ihr Lila bei einem Heimatbesuch eine Blechschachtel. Die enthält acht Schreibhefte und Elena – Lenù, wie ihre Freundin sie ruft – muss schwören, keinen Blick hineinzuwerfen.

Stattdessen öffnet sie die Schachtel schon im Zug zurück in den zivilisierten Norden. Sie findet darin Lilas und auch ihr eigenes Leben, beschrieben mit „unerbittlicher Präzision“: „Ich beschäftigte mich viel mit diesen Seiten, tagelang, wochenlang“, gesteht Elena. „Ich studierte sie und lernte am Ende die Stellen auswendig, die mir gefielen, die mich begeisterten, die mich faszinierten, die mich beschämten.“

Schließlich zerreißt die Eifersucht die Bänder der Freundschaft. Eines Novemberabends wirft Elena die Schachtel samt Inhalt von der Brüstung des Ponte Solferino und lässt sie von den Fluten des Arno fortreißen. Am Ende von „Die Geschichte eines neuen Namens“ wird Elena als Romanautorin reüssieren. Von ihrem Verrat erzählt sie Lila nichts, aber sie gibt ihr „Die blaue Fee“ zurück, das Romanheftchen, das Lila im Alter von zehn Jahren geschrieben und das ihre damalige Lehrerin konfisziert und all die Jahre aufbewahrt hatte. „Daraus ist mein Buch entstanden“, sagt Elena. Aber das Leben hat Lila mit zu vielen Gewichten beschwert, als dass sie noch zu Flügen der Fantasie abheben könnte. Sie wirft das Heft kommentarlos ins Feuer.

Die vier Romane der neapolitanischen Saga sind spätestens mit ihrer amerikanischen Übersetzung zu Weltbestsellern geworden. In Deutschland ist das Ferrante-Fieber verhältnismäßig spät ausgebrochen. Der Suhrkamp Verlag, der die Bieterschlacht um die Rechte für sich entscheiden konnte, veröffentlicht die einzelnen Teile in kurzem Abstand, in einer Art Aufholjagd. Bis jetzt scheint das Kalkül aufzugehen, „Meine geniale Freundin“ landete ganz oben auf den Bestsellerlisten, und wer Lenù und Lila einmal kennengelernt hat, wird weiterlesen wollen. Die Qualität von Karin Kriegers Übersetzung hat jedenfalls nicht unter der engen Taktung gelitten, und das ist letztlich alles, was zählt.

Das Cover zeigt eine stilisierte Braut vorm schneebedeckten Gipfel des Vesuvs, der Wind verweht die Blütenblätter ihres Rosenstraußes. Doch, eine melodramatische Mittelmeerromanze, wie sie der Buchumschlag verspricht, findet der Leser zwar auch in „Die Geschichte eines neuen Namens“, dazu gefährliche Männer, schwatzhafte Frauen (und umgekehrt) und einen mit überraschenden Wendungen und schicksalhaften Verstrickungen gesättigten Plot. Liebe, Lügen, Leidenschaften. Aber trivial ist hier rein gar nichts. Der schmucklose Realismus, mit dem Ferrante ihre Geschichte erzählt, wendet den Blick von keinem Abgrund ab, und Ferrante bleibt auch schonungslos gegen sich selbst: Die Literatur, die Lüge, durch die man zur Wahrheit gelangt, fußt auf dem Verrat am Leben der anderen. Elena, ihre Erzählerin gleichen Vornamens, fühlt sich als Hochstaplerin, und wird von der zur Grausamkeit neigenden Lila bei jeder Gelegenheit daran erinnert.

Vielleicht zu Recht: Im November 1966 erlebte Italien eine Jahrhundertflut. Just als Elena Lilas Hefte in den Arno geworfen haben will, hatte der ganz Florenz überschwemmt und trug in seinen Fluten, zusammen mit Lilas Lebenserinnerungen unschätzbare Kunstwerke und Manuskripte ins Tyrrhenische Meer. Kein Wort davon findet sich in der Erzählung, nur das Datum funktioniert als Augenzwinkern für aufmerksame Leser.

Zwischen der Veröffentlichung von „Meine geniale Freundin“ und dem neuen Band ist noch etwas passiert: Der Wirtschaftsjournalist Claudio Gatti hatte die Spur des Geldes verfolgt und so nach Jahren der – durchaus lustvollen – Spekulation enthüllt, wer sich tatsächlich hinter dem Pseudonym Elena Ferrante verbirgt. Gatti und die Zeitungen, die seine Detektivarbeit abdruckten, handelten sich damit einen Shitstorm ein. Schließlich hatte Ferrante angedroht, das Schreiben sofort einzustellen, sollte ihre wahre Identität enthüllt werden.

Die plumpe Schnüffelei schien umso unnötiger, als Ferrante bereits alles über die Fragwürdigkeit von Fiktion gesagt hatte. Weshalb wir ihren neuen, amtlich gemeldeten Namen schnell wieder kollektiv vergessen – und einfach weiterlesen sollten.

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