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Eine mitteleuropäische Frau

In der Tradition der istrischen Grenzliteratur erlebt Marisa Madieri die Existenz als Kontinuität

26.01.2005 00:01
MARICA BODROžIC

Marisa Madieri gehört zu jenen Menschen, die mit nichts Geringerem als ihrem eigenen Leben den Wandel der Zeiten deutlich erfahren haben und über die neu errichteten Grenzen Zeugenschaft ablegen. Diese Grenzen sind nicht nur stellvertretend geographische. Marisa Madieri wurde 1938 im kosmopolitischen, von Kroaten, Ungarn, Slowenen und Italienern bevölkerten Fiume geboren, heute kroatisches Rijeka, wo sie bis 1947 lebte. Die Italiener wurden nach dem Zweiten Weltkrieg von Tito aufgefordert, sich innerhalb kürzester Zeit für die jugoslawische Staatsbürgerschaft zu entscheiden. Sogleich als erstes, im Schatten dieses historischen Ereignisses, erfährt die Familie der Autorin die Veränderung ihres Namens. Einst hatten sie Madjarich geheißen, sich später Madierich genannt und begeben sich nun als Madieri ins nördlichere Triest, wo sie, mit Hunderttausenden anderer Italiener, die nicht ihre Herkunft verleugnen wollten, für eine qualvoll lange Zeit im Flüchtlingslager stranden.

Wassergrün, Farbe der Liebe

In Wassergrün wird eine Kindheit jenseits des Paradieses beschrieben. Wie sehr jedoch diese Zeit "unverloren" ist, wie sehr sie in der Sprache und in den Bildern lebt, zeigt diese feine Erzählung, deren Titel sich einer großzügigen Schenkung der Mutter verdankt. Mit einem Lappen hatte sie einst ein Armband aus weißem und gelbem Metall glänzend gerieben, hatte einen alten Pelz unter den Arm genommen und war ins Pfandhaus gegangen. Von dem Geld kaufte sie der Tochter einen Glockenrock und ein Twinset in Nilgrün. "Wassergrün heißt diese Farbe, die für mich noch heute die Farbe der Liebe ist", heißt es bei Marisa Madieri.

Wenn man ihr Buch gelesen hat, sehnt man sich - und das vermag allein die Literatur zu bewirken - nach einem Dasein außerhalb der Geschichte, außerhalb der Zeit. Genau dies ist auch Madieris großes Thema, sie entwirft es vor dem Hintergrund eines demütigenden Alltagslebens, in dem das Kind sich mit kleinen und größeren Sorgen herumschlägt und schamvoll vor den anderen Schülern verbirgt, dass es in einem der Silos wohnt. Die Vergänglichkeit, oder der "Zipfel der Zeit" war schon dem kleinen Mädchen in Form von Sehnsucht begegnet. Die Diele der Großmutter in ihrem Haus in Fiume, das dort schimmernde, wie für immer eingeprägte Licht blieb lange Zeit der Beweis des zuerst gelebten Lebens. Alles Erlebte sei wohl da, um einmal zu verschwinden, bemerkt die Erzählerin. Selten hat jemand so tiefgründig geschaut und dabei eine wie ursprüngliche Leichtigkeit, eine allwaltende, behutsame Liebe an den Tag gelegt. "Es konnte nicht sein, dass Gott, das Große Gedächtnis, nicht existierte", wird einmal abschließend notiert.

Wo lässt sich dieses Gedächtnis finden, wenn nicht in einem menschlichen Herzen, aus dem Marisa Madieri die Bilder und Sätze ihrer Kindheit schöpft, als würde sie sich für diese erzählerische Essenz ihres Lebens in ihren Träumen geübt haben. Sie ist 1996 in Triest gestorben, wo sie mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Claudio Magris, bis zum Schluss gelebt hat, und der jetzt zu ihrem Buch ein ungewöhnliches Nachwort geschrieben hat. Nur wenn man wisse, dass jede Existenz eine liaison dangereuse sei, notiert er, könne man sie uneingeschränkt lieben. "Das Erlebnis der Liebe" vollzieht sich durchgehend in Madieris Leben und Werk, trotz des Bewusstseins, dass es, wie es bei Magris heißt, "Momente gibt, in denen man den Mantel verkaufen und ein Schwert erwerben muss."

Dieses Schwert ist bei Madieri wohl weniger eine Waffe als vielmehr eine Kraft gewesen, eine treibende Kraft, die es ihr möglich machte, nach all den schweren Jahren von Kindheit und Jugend, auch noch der Krankheit Krebs zu begegnen, ohne den Bezug zu "ihren Protagonisten" zu verlieren. Diese Protagonisten sind wohlbemerkt nicht nur Menschen, sondern alles Wesenhafte - die Schönheit an sich, beginnend bei einer Margerite bis hin zu Pflanzen und Tieren.

Die Nächstenliebe habe sie gelebt als eine "Verschwisterung mit allen Geschöpfen". Trotz allem sei der Autorin der Glaube an die Bedeutung und an den Zauber des Lebens geblieben. Wassergrün ist ein exemplarisches Dokument nicht nur vieler mitteleuropäischer Biographien, es ist auch ein sprachliches Präzisionswerk, in dem Schreiben und Leben sich finden und in dem nicht Tod und Leben, sondern Geburt und Leben jene Gegensatzpaare sind, aus denen wir und in die wir aufbrechen, um andere zu werden. Sie habe die Existenz als "Kontinuität und epische Tonalität" empfunden, hält Claudio Magris fest. Wie sehr dies mit dem eigenen Dasein, mit dem eigenen Atem eingelöst wurde, veranschaulicht am besten Marisa Madieri selbst, wenn sie in Wassergrün notiert: "Das Leben draußen in der Welt war also groß, schön, leidvoll und heilig und ich würde eines Tages daran teilhaben."

Zu den Wurzeln

Bei aller poetischen und metaphysischen Lebensbezogenheit ist Wassergrün auch ein zutiefst politisches Buch, ohne den Impetus einer Belehrung, ganz in der Tradition der istrischen Grenzliteratur wie etwa der eines Fulvio Tomizza. Bei seinem Erscheinen in Kroatien, noch zu gesamtjugoslawischen Zeiten, führte Madieris Buch als eines der ersten Werke dazu, dass der Schriftstellerverband offen und wie nie zuvor über die einst willkürlich vollzogene Vertreibung der italienischstämmigen Bevölkerung in Istrien sprach.

Geschrieben gegen das Vergessen und für das Miteinander im Kleinen und im Großen, hat es Marisa Madieri zu ihren eigenen Wurzeln geführt. Dabei entdeckte sie auch, dass sie slawische und ungarische Vorfahren hat. Vielleicht erklärt sich damit ihr großzügiger, intuitiv von bloßem Verurteilen freier Blick auf die erlebte Geschichte. Das Drama der Vertreibung hat ihr eigenes, verbanntes Wissen nicht auslöschen können, darum wollte sie später auch wieder die Sprache ihrer Kindheit lernen, Kroatisch, das sie im jugoslawisch gewordenen Fiume bereits gesprochen - und wieder vergessen hatte.

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