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"Eine exklusive Liebe" Geschichte eines angekündigten Todes

"Wir haben zusammen gelebt, wir sterben zusammen. Wir haben euch sehr geliebt. Mami." Lapidarer kann kein Abschiedsbrief sein. Johanna Adorján spürt mit Feingefühl dem Liebespakt ihrer Großeltern nach.

24.03.2009 00:03
BARBARA VON BECKER
Johanna Adorján hat die Geschichte ihrer Großeltern aufgeschrieben. Foto: Luchterhand

Sie war 20, er 31 Jahre alt, als sie sich bei einem Hauskonzert in Budapest kennen lernten. Fast 50 Jahre waren sie miteinander verheiratet, als sich Vera und István gemeinsam das Leben nahmen. Eine "exklusive Liebe" nennt die 37-jährige Journalistin Johanna Adorján diese Beziehung ihrer Großeltern, eine, die alle anderen, auch die eigenen Kinder ausschließt. Jeder Selbstmord behaftet die Hinterbliebenen mit Schuldgefühlen, die Psychologen sprechen sogar von einer Komponente des Rachenehmens auf Seiten der Täter.

Nicht bei Vera und István. "Wir haben zusammen gelebt, wir sterben zusammen. Wir haben euch sehr geliebt. Mami." Lapidarer kann kein Abschiedsbrief sein. Doch alles ist gesagt! István, selber Arzt, ein "orthopädischer Chirurg", war mit seinen 82 Jahren schwer herzkrank. Er wurde immer schwächer. Sein Tod war abzusehen, und die elf Jahre jüngere und völlig gesunde Vera hatte schon mehrmals geschworen, nicht ohne ihren Mann leben zu wollen. Ein Liebespakt.

Worüber man nicht sprach

Trotzdem lastet auch auf diesem Selbstmord ein Trauma, wurde lange in der Familie nicht darüber gesprochen, so wie die beiden über vieles nicht gesprochen haben. Siebzehn Jahre später will die Enkelin das Leben dieser Großeltern ergründen, verstehen lernen. Behutsam versucht Johanna Adorján hinter die Fassade des überall bewunderten attraktiv-eleganten, musikbegeisterten, leicht exzentrischen "aristokratischen" Paars zu schauen, das sich ein Leben lang siezte.

Beide ungarische Juden, hatten sie den Holocaust überlebt. Über die Zeit im KZ Mauthausen hat der Großvater nie gesprochen. Aus eher opportunistischen Gründen waren sie nach 1945 Kommunisten geworden, aber nur, bis sie 1956 nach dem Budapester Aufstand nach Dänemark flohen und dort bis zu ihrem Tod lebten.

Johanna Adorján rekonstruiert die möglichen Details des letzten Tages. Wie werden sie gewesen sein, diese Stunden, was haben sie getan, worüber gesprochen? Die Chronologie eines nachempfundenen Ablaufs durchbricht die Autorin mit dokumentarischen Recherchen. Sie sucht alte Freunde der Großeltern auf, trägt Eindrücke, Erinnerungen, Zeitgeschichtliches zusammen, reflektiert ihre eigenen Gefühle, ordnet, fragt.

Manchmal fühlt sie sich skrupulös als "Eindringling", sogar als "Dieb" bei ihrer Spurensuche, manchmal kämpft sie mit Wut und Verletztheit darüber, was ihr selber alles an Wissen vorenthalten worden war. In einer Mischung aus Diskretion und Forscherdrang agiert sie als eine sehr private Ermittlerin in einem besonderen Todesfall. Sie tut es mit Humor, Selbstironie, großer Sensibilität und Zuneigung, die trotz aller Nähe nie in die Gefahr zur Verklärung ihres Gegenstandes gerät. Und neben allem Persönlichen ist dieses Buch ein weiteres Dokument gegen das Schwinden von Erinnerung an Schicksalsgeschichten, wie sie speziell das 20. Jahrhundert in Europa geschrieben hat.

Johanna Adorján: Eine exklusive Liebe. Luchterhand Literaturverlag, München 2009, 185 Seiten,17,95 Euro.

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