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„Ein unvergänglicher Sommer“ Im Haus des Menschenhändlers

In ihrem neuen Roman flicht Isabel Allende lange Zöpfe, ohne wirklich ins Erzählen zu kommen.

Isabel Allende
Isabel Allende in Madrid. Foto: afp

Das Gerüst dieser Geschichte, so steht es im Nachwort (das man ja gerne zuerst liest), entwickelte Isabel Allende gemeinsam mit ihrer Familie und Freunden bei einem Frühstück im Backsteinhaus ihres Sohnes in Brooklyn. Plotten nennt man das in der Welt der Drehbücher, und wenn der Plot detailliert genug und in ausreichend szenische Häppchen aufgeteilt ist, schreibt sich die Sache dann wie von selbst herunter. Tatsächlich hat die chilenisch-amerikanische Autorin ihren neuesten Roman, der im Deutschen 348 Seiten hat, in 25 Kapitel untergliedert, die nach den Figuren heißen, deren Geschichte sie jeweils verfolgen: „Lucía“, „Richard“, „Lucía, Richard, Evelyn“, „Evelyn“, „Lucía und Richard“ und so weiter.

Lucía, Richard und Evelyn also. Und zwar in Brooklyn (in einem Backsteinhaus!) heute und früher, sowie in Chile, Guatemala, Mexiko, Kanada und Brasilien. Immer ein bis zwei Stränge Jetztzeit und dann ein bis zwei Stränge Vergangenheit, bis ein ordentlicher Zopf entstanden ist, der diese drei Personen verbinden soll. Dabei stand Allende vermutlich ein dicker, schwarzglänzender Zopf vor Augen, in dem sich die Tragödie des indigenen Lateinamerika ebenso spiegele wie die politischen Verwerfungen dieser Region – ein Stolz-, Vorwurfs- und Trostzopf also, ein abgeschnittener Zopf auch, denn Lucías Haare sind nach einer Krebsoperation kurz und weiß mit bunten Strähnen, die ihr übrigens ihre Tochter Daniela gefärbt hat, eine vorbildlich zupackende junge Frau, die sich allerdings nicht eindeutig als solche empfindet und „polyamouröse Beziehungen lebt“...

Man hört beim Lesen förmlich, wie am New Yorker Frühstückstisch die Stichworte quer über die Butter und den Obstsalat geworfen und addiert wurden: Altersliebe!  Quirlige, vom Leben gebeutelte Chilenin taut das gefrorene Herz eines neurotischen Ex-Alkoholikers auf. Im Uni-Milieu. Sie hat einen Hund. Er hat Katzen. Und außerdem eine wirklich tragische Vergangenheit. Mafia und Menschenhandel! Mädchen aus Guatemala muss in die USA fliehen, nachdem zwei ihrer Brüder von einer Bande ermordet wurden und arbeitet illegal für einen Menschenhändler. Der seine Frau schlägt. Und seinen kranken Sohn hasst. Das Mädchen ist traumatisiert und stottert schwer, hat aber ein goldenes Herz.

Verbrechen und Moral! Das Schicksal führt alle drei in der fiktiven Brooklyner Küche zusammen und gesellschaftspolitische Solidarität bewirkt, dass sie sich gemeinsam auf den Weg machen, um eine Leiche verschwinden zu lassen, die sich in dem Auto befindet, das das Mädchen entwendet hat, um Windeln für den Sohn des Menschenhändlers zu besorgen.

Am Ende ist natürlich alles gut, sehr komplizierte Geschichten wurden – nein, nicht wirklich erzählt und das ist eigentlich das Bedauerlichste. Sie wurden skizziert, kursorisch abgehandelt, behauptet im Grunde nur. „Ihr Körper alterte, aber die Jugendliche, die sie einmal gewesen war, blieb in ihrem Innern davon unberührt.“ Oder: „Richard war von der bodenlosen Trauer seiner Frau tiefer getroffen als vom Tod seines Kindes.“ Isabel Allende, die Autorin des „Geisterhauses“ (1982), die mit diesem Buch den Magischen Realismus in die Moderne und durchaus in eine Sphäre des Feminismus hineinführte, formuliert im neuen Roman lediglich den Plot aus, als käme für die Feinheiten und vielleicht eine künstlerische Infragestellung am Ende noch eine Kamera hinzu.

Wobei es aber mindestens drei Filme hätten werden müssen, wenn man die Sache ernst genommen hätte, und einer davon, der über die junge Guatemaltekin Evelyn, wäre vielleicht auch schön geworden. Da nämlich liegt das Haarsträubende in der Geschichte selbst und wird in manchen Passagen auf genau diese detailerfahrene Weise als selbstverständlicher Teil des Alltags erzählt, für den die 76-jährige Autorin einst berühmt wurde. Vielleicht hätte ihr 23. Roman ohne Frühstücksplotting und das Vergnügen einer eigenen neuen Liebe (der das Buch gewidmet ist), schlicht „Evelyn“ geheißen.

In „Ein unvergänglicher Sommer“ aber wird Evelyn für Lucía und Richard zur Projektionsfläche ihres politischen und späten erotischen Engagements, ja in der Tat kommt es zu einer Szene von Sex im Schlafsack, während der die anwesende Dritte hoffentlich tatsächlich geschlafen und nicht „zu uns rüber gelinst“ hat, wie Lucía in Svenja Beckers Übersetzung vergnügt „mutmaßt“. Richard ist es egal, er bewahrt diese „magische“ Nacht „als perfekten Sternennebel im Gedächtnis“. Jojo Moyes hätte es nicht verzopfter formulieren können.

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