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Ein Land auf Geisterfahrt

María Cecilia Barbettas kunstvoller und sehr verspielter Roman „Nachtleuchten“ führt zurück in die siebziger Jahre und das Argentinien am Vorabend der Militärdiktatur.

María Cecilia Barbetta
María Cecilia Barbetta, 1972 geboren, wuchs im Argentinien der Militärs auf. Foto: Marcus Höhn

Begonnen hat „Nachtleuchten“ aber am 10. März 1974 in der liberalen Akademikerfamilie Gianelli, deren kleine Tochter Teresa eine strebsame Schülerin der Mädchenschule Instituto Santa Ana ist. Inspiriert durch eine befreiungstheologisch engagierte Nonne – in deren Geschichte die tödliche Gewalt dieser Jahre mitschwingt – entschließt sie sich, ihr Leben dem Glauben und den Menschen zu widmen und zieht mit einer fluoreszierend bemalten Plastikmadonna von Haus zu Haus. Altklugheit und Naivität, Enthusiasmus und Pragmatismus verbinden sich in ihr und ihrer Mission und machen aus dem Romantitel einen kitschigen physikalischen Trick – nachgewiesen in aller Ausführlichkeit im dritten Teil des Romans, der zu den ungezogenen Cousins Teresas schwenkt, und zu ihrem jugendlichen detektivischen Berater. Dieser ist eine Art argentinischer Justus Jonas und zugleich dessen Parodie, wenn er den Brüdern die Welt erklärt: „Spiritisten gibt es, seitdem sich der erste Kommunist zu Wort gemeldet hat. Kommunisten sind Gespenster, die sich manifestieren – zunächst 1848 in den USA, unmittelbar danach in Europa und heute wieder bei uns in Argentinien. Einen Draht zu den Kommunisten hat nicht jeder Spiritist, sondern ausschließlich die Medien unter ihnen.“

Am Anfang eine Geisterfahrt, am Ende die Spiritisten. Der extravagant gut gekleidete Friseur Celio vom Salon „Ewige Schönheit“ will Kontakt zu seiner verstorbenen Mutter aufnehmen und gerät in eine komplizierte Weiterbildung. „Aber wieso muss ich in die Schule, damit Mamma mit mir in Kontakt tritt? Sie hatte doch selber keinen Abschluss!“ Nicht nur, indem Celio wie die Figur aus einer Telenovela wirkt und sich auch so fühlt, ist „Nachtleuchten“ ein Beitrag zur deutschen ebenso wie zur argentinischen Literatur. Man muss auch aufpassen, was man sich von dieser mit der Wahrheit differenziert umgehenden Schriftstellerin erzählen lässt (bleip aufmerksam!). Finden sich bescheidene Spuren der hier näher ausgeführten argentinischen Raumfahrtambitionen auch außerhalb des Buches, so ist die „argentinische Nachtigall“ Tony Tormenta der Welt unbekannt (wie umgekehrt den Figuren im Buch nicht bewusst ist, dass er seinen Namen mit einem mexikanischen Drogenboss teilt). 

Unter Spiel und Fantasterei verbergen sich die wesentlicheren, wenn auch ungreifbareren Wahrheiten: Dass Menschen an ihrem Tag und in ihrem Mikrokosmos nicht mitbekommen, was sich an großer Entwicklung im Nachhinein so klar abgezeichnet hat. Und dass sie, selbst wenn sie es mitbekommen, wenig dagegen tun können. Dass der große Schrecken noch bevorsteht, grundiert die leichtsinnige Fröhlichkeit von „Nachtleuchten“ – am gestrigen Dienstag auch auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis aufgetaucht – rabenschwarz.

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