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Ein Land auf Geisterfahrt

María Cecilia Barbettas kunstvoller und sehr verspielter Roman „Nachtleuchten“ führt zurück in die siebziger Jahre und das Argentinien am Vorabend der Militärdiktatur.

María Cecilia Barbetta
María Cecilia Barbetta, 1972 geboren, wuchs im Argentinien der Militärs auf. Foto: Marcus Höhn

Zehn Jahre nach dem markanten Debüt „Änderungsschneiderei Los Milagros“ erscheint heute der zweite Roman von María Cecilia Barbetta. Das hinreißende Drauflos, das in „Nachtleuchten“ über einige Strecken herrscht, ist also von langer Hand geplant, das Menschengewimmel handverlesen – und ohne Privatplan nicht zu überschauen, zumal wie im klassischen russischen Roman eine Unzahl von Kosenamen kursiert –, die Handlung die Essenz ausführlicher Vorbereitung und sodann offenbar rigoroser Auslassung. Barbetta erzählt argentinische Geschichte von unten, hält sich aber von einer Geschichtsstunde fern. Das ist eine Kunst, die ihre Kunstfertigkeit und hier auch ihre Künstlichkeit ausstellt, aber eine Kunst ist es dennoch. 

„Nachtleuchten“ spielt im Argentinien der Jahre 1974/75. Juan Perón ist 1973 knapp zwanzig Jahre nach seinem Sturz erneut Präsident geworden, wenige Monate nach seiner Wahl, am 1. Juli 1974, stirbt er. Unter seinem immer schärferen Rechtskurs, flankiert von den durch Wohlfahrtsminister José López Rega gegründeten Todesschwadronen, driftet das Land zunehmend in die Gewalt ab. Dass der Vorabend der blutigen Militärdiktatur (1976-1983) angebrochen ist, ahnen die Figuren in „Nachtleuchten“ nicht. Ist ihr Verhältnis zu Perón und seiner früh verstorbenen Frau Evita sentimentalisch und messianisch geprägt – also in jeder Hinsicht weltfremd –, ist ihnen López Rega glasklar ein Schurke. „Wir in AUTOPIA sollten keineswegs so weit gehen, diesen Finsterling Motor zu nennen oder treibende Kraft von Irgendwas. Mir wird sonst übel“, erklärt sprachbewusst Álvaro Fantini von der originell benannten Autowerkstatt, der entsprechend empfindlich ist gegen die leichtfertige Verwendung von Bildern aus der Welt des Automobils. 

Autopia ist eines der drei Zentren von „Nachtleuchten“, das eine immer wieder überraschende, episodische, aber mit Langzeitgedächtnis arbeitende Kamerafahrt durch einen Stadtbezirk des Ballungsraumes Buenos Aires bietet, Ballester. Hier wuchs Barbetta, Jahrgang 1972, auf, die seit 1996 in Berlin lebt und auf Deutsch also zum zweiten Mal einen an lateinamerikanischer Literatur geschulten Roman verfasst hat. Der zugleich die Möglichkeiten der deutschen Sprache in verschiedensten Registern durchspielt, ausdehnt, auch mit einigem Vergnügen überstrapaziert. 

Der Ton in der Werkstatt Autopia ist rustikal und offenherzig. Man spricht über Gott und die Welt, ist auf dem Laufenden, ohne in die Zukunft sehen zu können. Ist abergläubisch, egal ob es um Evitas ewiges Leben oder den rituellen Auftritt des Lotteriemannes geht (und man muss auch sagen, dass es gewiss kein Zufall ist, wenn der zuallererst erwähnte Orientierungspunkt des Romans die Nachricht über eine Geisterfahrt ist). Der Chef Álvaro füllt neuerdings außerdem den „ballester lokalanzeiger“ mit fast Karl-Krausschem Engagement. Er hat „pfiffige Einfälle“ für neue Rubriken wie „wer zuletzt lacht …“ und „autochthone persönlichkeiten unseres stadtviertels“, so dass man dabei zuschauen kann, wie Barbetta aus ihrer Zweisprachigkeit das Allerbeste macht, deutsch-biederen Humor mit im Spanischen gar nicht so hochgestochen klingenden Wörtern kombiniert. Auch für „Tuscheltussen“, „Schnöselbiest“ oder die schriftlich übermittelte Warnung „Bleip aufmerksam!“ muss man ihr dankbar sein. Barbetta trimmt die Sprache, das schon, weil sie aber ein Romanpersonal voller Leben und Eigensinn schafft, wird das nicht zur Manier. 

Manier – aber auch ein Spaß, ein Späßchen – ist eher, dass sie nach dem typografischen und überhaupt grafischen Feuerwerk von „Änderungsschneiderei Los Milagros“ auch in „Nachtleuchten“ auf jetzt kleinere Spielereien nicht verzichten mag. Im geflüsterten Tratsch wird auch die Schrift immer winziger. Große Lettern begleiten den Knall beim Autounfall der reizenden, aber irrsinnig schlechten Fahrerin Lara Kiri und des komplett verknallten Autopia-Mitarbeiters Saberio, der ihr Fahrunterricht geben soll. Eine fulminante Szene. Ferner kann man sich anschauen, wie ein Kind mit Zahnpastaschaum im Mund spricht. Interessant der Eindruck, dass Barbetta ihre Sprachkunst, die das alles ja auch schon kann, auch schon könnte, durch die grafischen Extras ein bisschen herunterspielt.

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