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Ein Brief Luxemburgs Der geschlagene Stier im Gefängnishof

Karl Kraus verehrt einen Brief Rosa Luxemburgs. Er sah in ihm ein einzigartiges Dokument der Menschlichkeit und des menschlichen Ausdrucksvermögens. Von Renate Wiggershaus

05.06.2009 00:06
RENATE WIGGERSHAUS
Karl Kraus 1933 in seinem "Naherholungsrefugium" Janowitz. Alma Schindler und Franz Werfel attestierten ihm damals "unechte Uncorruptheit" bzw. "zweitrangige Geistlosigkeit". Foto: Getty

Ende September 1913 hielt die linke Sozialdemokratin und Theoretikerin Rosa Luxemburg in Fechenheim und Bockenheim, heute Stadtteile von Frankfurt am Main, zwei Reden, in denen sie sich gegen Militarismus und Krieg aussprach.

In der Aufforderung, nicht die Waffen gegen "unsere französischen und anderen Brüder" zu erheben, sahen wilhelminische Richter eine Aufwiegelung von Soldaten zum Ungehorsam. Im Februar 1914 wurde sie deswegen vom Frankfurter Landgericht zu einer einjährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Wenige Monate nach Verbüßung der Strafe wurde sie in sogenannte Schutzhaft genommen und fortan in verschiedenen Gefängnissen festgehalten. Erst am 9. November 1918, dem Tag der Ausrufung der Republik, wurde sie freigelassen. Sieben Wochen später wurden sie und Karl Liebknecht von Freikorpsoffizieren misshandelt und ermordet.

Zu den beeindruckendsten Briefen aus dem Gefängnis gehört jener, den Rosa Luxemburg am 24. Dezember 1917 an Sophie Liebknecht schrieb, die Ehefrau Karl Liebknechts. Er hatte als einziger Sozialdemokrat gegen die Bewilligung von Kriegskrediten gestimmt. 1916 war er nach einer Kundgebung gegen den Krieg wegen Hochverrats zu einer Zuchthausstrafe verurteilt worden. "Jetzt ist es ein Jahr, dass Karl in Luckau sitzt. Ich habe in diesem Monat oft daran gedacht." Voller Mitgefühl spricht Luxemburg der aus Rostow am Don stammenden "Sonitschka", wie sie sie liebevoll nennt, Trost und Mut zu.

Die Nachrichten, die sie aus Russland erreichten, seien beruhigend: keine blutigen Schlachten, keine Judenpogrome. Sophie solle tapfer und zuversichtlich sein. Sie selber verbringe nun zum dritten Mal Weihnachten im Gefängnis, sei aber zuversichtlich, trotz der feuchten, dunklen Zelle, der steinharten Matratze, der Grabesstille, nur vom knirschenden Stiefeltritt der Schildwache unterbrochen. Was ihr Kraft gebe, sei der Gedanke ans Leben, an die Schönheit der Natur und des Kosmos.

Unvermittelt kommt sie dann auf zwei Büffel zu sprechen, Kriegsbeute aus Rumänien, die einen schwer beladenen Wagen über eine hohe Schwelle in den Gefängnishof ziehen sollten, das aber zunächst nicht schafften, wurden von Soldaten gepeitscht, bis das Fell des einen Tieres riss und es blutete.

"O mein armer Büffel, mein armer, geliebter Bruder, wir stehen hier beide so ohnmächtig und stumpf und sind nur eins im Schmerz, in Ohnmacht, in Sehnsucht." Aber, fährt sie fort, das Leben sei so, so müsse man es nehmen: tapfer, unverzagt und lächelnd.

Karl Kraus, der diesen Brief 1920 in der Wiener Arbeiter-Zeitung abgedruckt fand, sah in ihm ein einzigartiges Dokument der Menschlichkeit und des menschlichen Ausdrucksvermögens. Der Pazifist und geniale Satiriker trug ihn mehrfach auf seinen Vorlesungsabenden vor und druckte ihn in seiner Zeitschrift "Die Fackel" ab. Wenig später erhielt er eine anonyme Zuschrift. Wie er herausfand, stammte sie von Ida von Lill-Rastern von Lilienbach, der Frau eines Innsbrucker Bezirkshauptmannes.

In Rosa Luxemburgs Mitempfinden sah die Dame nichts als Larmoyanz. Anders als sie selber, adelige Tochter eines ungarischen Gutsbesitzers, wisse Luxemburg eben nicht, dass Büffel ein schäbiges und rissiges Fell hätten und Peitschenhiebe bei der langsamen Gangart dieser Tiere unerlässlich seien. Die "Volksaufwieglerin" gehöre zu jenen "hysterischen Frauen", "die sich gern in Alles hineinmischen und immer Einen gegen den Anderen hetzen möchten", die "viel Unheil in der Welt stiften" - man dürfe nicht erstaunt sein , wenn eine solche, "die so oft Gewalt gepredigt hat, auch ein gewaltsames Ende nimmt".

Kraus antwortete in schäumender Schärfe auf diese Schmähung einer Toten. Er hatte gefordert, der Brief Rosa Luxemburgs solle in Schulbücher aufgenommen werden, und meinte nun, dass der Brief der Frau von Lill-Rastern von Lilienbach mit abgedruckt werden sollte: "um der Jugend nicht allein Ehrfurcht vor der Erhabenheit der menschlichen Natur beizubringen, sondern auch Abscheu vor ihrer Niedrigkeit und an dem handgreiflichsten Beispiel ein Gruseln vor der unausrottbaren Geistesart deutscher Fortpflanzerinnen, die uns das Leben bis zur todsicheren Aussicht auf neue Kriege verhunzen wollen".

Der frühere Leiter der Museumsabteilung des Marbacher Literaturarchivs und Kraus-Kenner Friedrich Pfäfflin hat die beiden Briefe und Karl Kraus' in der "Fackel" erschienenen Kommentar dazu nun erstmals zusammengestellt und mit Anmerkungen und einem informativen Nachwort versehen. Eine aufschlussreiche und nachdenklich stimmende Dokumentation, die den Kontext vergegenwärtigt, in dem Karl Kraus den Kommunismus als ein - wie es bei ihm heißt - "vertracktes Gegenmittel" verteidigte, "damit die Gesellschaft der ausschließlich Genussberechtigten... nicht noch frecher werde".

Karl Kraus / Rosa Luxemburg:

Büffelhaut und Kreatur.

Hrsg. von Friedrich Pfäfflin. Friedenauer Presse,

Berlin 2009,

32 S., 9,50 Euro.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

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