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„Eileen“ Unauffällig fies

Ottessa Moshfegh, spezialisiert auf krasse Typen, lässt in ihrem zweiten Roman eine leicht psychopathische junge Frau erzählen.

Literatur
Ottessa Moshfegh. Foto: Kimiya Ayubi

Die Tage, von denen in diesem Roman eine alte Frau namens Eileen erzählt, liegen lange zurück; seitdem scheint sie ein unauffälliges, nicht allzu übles Leben geführt zu haben. Die alte Eileen geht aber mit ihrem jungen Ich so hart ins Gericht, dass bald das Bild einer zwar grauen, aber irgendwie auch ziemlich gestörten, ja unheimlichen Maus entsteht. „Ich hatte dünne Haut und fasste nicht gern Sachen an“, erzählt die alte Eileen von der jungen Eileen, oder: „Ich war naiv und kaltherzig zugleich“. Der Vater, ein Ex-Polizist, ist pensioniert, säuft und leidet unter Verfolgungswahn. Die Mutter – nie hat sie der Kleinen ein Pausenbrot geschmiert – ist tot. Freunde hat Eileen keine. Und einen Sekretärinnenjob in einem Jugendknast („ich mochte ihre unglücklichen, zwiespältigen Gesichter“), bei dem sie die ihre Söhne besuchenden Frauen mit albernen Fragebögen quält. Und Randy anschmachtet, den gut gebauten Wärter. Ihn im Grunde sogar stalkt, stundenlang vor seiner Wohnung parkt.

„Eileen“ ist der zweite Roman der 1981 geborenen Amerikanerin Ottessa Moshfegh, der in der englischsprachigen Welt vor allem deswegen große Aufmerksamkeit erhielt, weil ihr Debüt „McGlue“ die sprachmächtig furiose Erzählung eines Seemanns und Trinkers ist. Auch dort ging es um Selbstekel angesichts einer grausamen Tat.

In „Eileen“ nun wird die Leserin lange, fast bis zum Ende des Romans, mit Andeutungen hingehalten – auch der Revolver des Vaters spielt dabei eine Rolle, auch die gelegentlichen Gedanken der Tochter, ihn zu töten. Das ist geschickt gemacht. Eileen Dunlop stellt schnell (und mehrfach) klar, dass sie von einer Wendung in ihrem Leben erzählt, von einem fluchtartigen Verlassen ihres Heimatortes, der von ihr nur X-ville genannt wird. Den Grund dafür möchte man bald dringend erfahren. Aber als es nach etwa 300 Seiten endlich um dieses Ereignis geht, ist dies fast eine Antiklimax (es soll natürlich trotzdem nicht verraten werden).

Unsympathisch und psychopathisch 

Ottessa Moshfegh baut geschwind eine faszinierende, aber auch unsympathische, sogar leicht psychopathische Figur auf, die so gern von ihrer Verstopfung und der regelmäßigen Einnahme von Abführmitteln zu erzählen scheint wie von ihren kleinen Brüsten, „hart wie Zitronen“. Gewiss tut einem die dünne, linkische, farblose Eileen leid, die allen Ernstes glaubt, „meine Probleme würden kleiner, wenn weniger von mir da war.“ Gewiss stößt sie einen auch ab, ist sie doch gleichzeitig unterwürfig und hochmütig. Eine Unauffällige mit arg fieser Ader. Die ohnehin untröstlichen Mütter der jungen Insassen plagt sie mit unsinnigen Fragen wie „Glauben Sie, dass es Leben auf dem Mars gibt?“ oder „Rauchen Sie?“ („Sechs Päckchen pro Woche. Manchmal mehr“, schreibt eine Besucherin.) Die Frauen trauen sich nicht, die Zumutung solcher Fragen von sich zu weisen.

Auftritt Rebecca, die selbstbewusst, schön und klug ist – sie hat in Harvard studiert – und sich um die psychologische Betreuung der straffällig gewordenen Jungs kümmern soll. Graue Maus Eileen verfällt ihr auf der Stelle, hält sie bald für eine echte Freundin, ist ungeheuer geschmeichelt, als sie von Rebecca am Weihnachtsabend eingeladen wird. Wundert sich nur ein wenig, dass die glamouröse, weltgewandte Psychologin in einem so ärmlichen Viertel von X-ville wohnt. Es wird sich also – das ist nicht wirklich eine Überraschung – herausstellen, dass die attraktive Rebecca einen Haken hat.

Schon beim beeindruckenden Erstling „McGlue“ trug Ottessa Moshfegh aber auch etwas dick auf. Dort störte es letztlich nicht, der Roman ist auch wenig mehr als 100 Seiten stark, man kann ihn als Parforce-Ritt lesen. In „Eileen“ nun wiederholt sich die Erzählerin immer wieder, wenn sie ihre Armseligkeit schildert, und das mit zunehmender Penetranz: die alten Klamotten ihrer Mutter schlottern um sie, auch wäscht sie sich nicht so häufig, und dann die Verstopfung, schon wieder. Klauen tut sie auch, darin ist sie gut.

Am Ende kommt einem die seltsame Eileen Dunlop ein bisschen zu krass, ein wenig unglaubwürdig vor. Ganz abgesehen davon, dass sie es seit ihrem Verschwinden im Jahr 1964 offenbar geschafft hat, ein normales, unauffälliges Leben zu führen. Etwas fesselt, etwas stört aber auch an dieser Figur.

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