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Eichmanns Fluchthelfer

Uki Goñis "wahre Geschichte" über das Netzwerk Odessa zeigt, wie der argentinische Staat hunderte Nazi-Größen nach Amerika holte

03.01.2007 00:01
ANKE SCHWARZER

"El silencio es salud" - unablässig drehte sich das Band mit der Aufschrift um den riesigen weißen Obelisken auf dem Boulevard des 9.Juli in Argentiniens Hauptstadt Buenos Aires. Die 1974 angebrachte Reklame "Ruhe ist gesund" bezog sich auf das verbreitete Autohupen. Der Journalist Uki Goñi versteht die Parole aber auch politisch: "Mit jeder Umdrehung wiederholte die Inschrift ihre Lehre und gewöhnte die Argentinier an die Friedhofsruhe, die in den folgenden Jahren herrschen sollte", schreibt er in seinem Buch Odessa: Die wahre Geschichte, das nun auf Deutsch erschienen ist.

Eine Mauer des Schweigens sei errichtet worden und bestehe bis heute, findet der 1953 geborene Autor. Er attestiert der argentinischen Gesellschaft nicht nur in Bezug auf die Militärdiktatur "moralische Blindheit". Seine akribische Spurensuche in amerikanischen und europäischen Archiven habe zum Ziel, die Existenz der "zentralen Lebenslüge" in der Vergangenheit Argentiniens zu demaskieren: die Tatsache, dass die argentinischen Grenzen für Juden zu Beginn des Holocausts geschlossen wurden und den Nationalsozialisten ein warmer Empfang bereitet wurde - und das mit Wissen des Generals Juan Domingo Perón und seiner wie eine Heilige verehrten Gattin Eva.

Zwar hatte der damalige Präsident Carlos Menem 1997 eine Historiker-Kommission zur Aufklärung der Nazi-Aktivitäten in Argentinien ins Leben gerufen. Doch für Goñi, der nach wenigen Tagen aus der Kommission austrat, blieb sie ein oberflächliches Schlussstrichprojekt. Ihr Abschlussbericht von 1999 liste lediglich 180 Kriegsverbrecher auf, die in Argentinien Unterschlupf gefunden hätten, kritisiert Goñi. Weder der argentinische Anteil an der Flucht noch der Geheimerlass von 1938 gegen die Einreise von Juden, der erst 2005 offiziell aufgehoben wurde, seien Thema in dem Bericht.

Goñis detailreiche Ausführungen zu den Fluchtrouten hochrangiger Nazis und ihrer Kollaborateure aus Kroatien, Frankreich und Slowenien hat nichts gemein mit dem Buch Die Akte Odessa des britischen Bestseller-Autors Frederick Forsyth, das die Verschwörungen der Organisation Odessa (Organisation der ehemaligen SS-Angehörigen) schildert. Goñi hat sechs Jahre lang recherchiert - mit dem Ergebnis, dass eine Organisation namens Odessa nicht existiert. Dennoch arrangierten Josef Mengele, Erich Priebke, Gerhard Bohne, Adolf Eichmann und andere hochkarätige NS-Verbrecher ihre Flucht nicht individuell. So entdeckte der Historiker aufeinanderfolgende Nummern der Einwanderungsakten für mehrere gesuchte NS-Verbrecher. Goñi setzt das Puzzle eines organisierten Fluchthilfe-Netzes zusammen. Keine abgeschottete Gruppe, sondern ein Räderwerk von Nicht-Nazi-Organisationen halfen etlichen Nazigrößen.

Mitgespielt haben auch Einzelpersonen in der argentinischen Einwanderbehörde, deutsch-argentinische Geschäftsleute und Agenten sowie Geistliche wie Bischof Alois Hudal, Rektor des Priesterkollegs Collegio Teutonico in Rom, der mit Rückendeckung des Vatikans den Fliehenden falsche Pässe ausstellte und ihnen Unterkünfte in Klöstern verschaffte. Die katholische Kirche, angestachelt vom Anti-Kommunismus, stellte ihre Verbindungen koordinierend zur Verfügung, das Rote Kreuz vergab Dokumente, das argentinische Konsulat erteilte nach Rücksprache mit der Einwanderungsbehörde in Buenos Aires die Visa.

Noch leichter hatten es Personen, an denen Argentinien interessiert war: Wissenschaftler, Techniker, Ingenieure. Der Staat warb sie direkt an, organisierte und finanzierte die Flucht. Goñi weist nach, dass mindestens 300 gesuchte Nazi-Verbrecher nach Argentinien geschleust wurden. Einige von ihnen seien kurz nach ihrer Einreise in Peróns Villa Rosada empfangen worden.

Goñis Werk geht über die Nachzeichnung der "Ratlines" genannten Fluchtrouten über Spanien, Italien, die Schweiz und Skandinavien weit hinaus. Der Autor, der aus einer argentinischen Diplomatenfamilie stammt, beschreibt auch frühe Kontakte und Abkommen geheimdienstlicher und wirtschaftlicher Art zwischen dem nationalsozialistischen Deutschland und Argentinien, das offiziell neutral war und sich erst im März 1945 auf Druck der USA auf die Seite der Alliierten stellte. Ein Teil des Buchs befasst sich zudem mit dem Leben von fünf hochkarätigen Nationalsozialisten in Südamerika, darunter Mengele und Priebke. Goñi schildert, wie sie beruflich Fuß fassten, wie ihr Alltag aussah und wie manche aufgespürt, ausgeliefert oder - wie im Fall Eichmann - entführt wurden.

Belastendes Material vernichtet

Besonders aufschlussreich ist, dass Goñi seine Recherchewege mit einfließen lässt. Deutlich werden die mühselige Arbeit in Archiven, die Hürden und die Zufälle, die zu manchen Belegen führten. In Argentinien ist belastendes Material 1955 und 1996 - kurz bevor der offizielle Untersuchungsausschuss die Arbeit aufnahm - vernichtet worden. Wohl, um das Andenken des noch immer populären Perón nicht zu beflecken.

Zahlreiche Dokumente durfte Goñi, obwohl er genaue Aktenzeichen herausgefunden hatte, nicht einsehen. Es war also ein Glücksfall, dass sich unter den Fluchthelfern nicht nur ein disziplinierter belgischer Tagebuchschreiber (Pierre Daye, ein 1946 in Abwesenheit zum Tode verurteilter Kollaborateur) fand, sondern auch ein pedantischer Schweizer Polizeichef, der jedes Gespräch mit argentinischen Fluchthelfern notiert hatte. Die Beharrlichkeit und Unbeirrbarkeit in der Recherche machen den großen Verdienst Goñis aus.

Uki Goñi: Odessa: Die wahre Geschichte. Fluchthilfe für NS-Kriegsverbrecher. Verlag Assoziation A, Berlin / Hamburg 2006, 400 Seiten, 22 Euro.

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