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Edward St Aubyn Böse Töchter beißen

Edward St Aubyns thrillerartige und etwas enttäuschende „König Lear“-Bearbeitung „Dunbar und seine Töchter“.

Gert Voss
Gert Voss als Lear mit Andrea Clausen, Adina Vetter und Caroline Peters. Foto: rtr

Die Hogarth Press, 1917 von Virginia und Leonard Woolf gegründet, hat eine ebenso originelle wie mit großen Namen glänzende Shakespeare-Reihe auf den Weg gebracht. Mehr als die Hälfte der von zeitgenössischen englischsprachigen Autoren in Romanform neu gefassten Dramen ist inzwischen erschienen, darunter Margaret Atwoods „Sturm“-Variation, Jeanette Wintersons „Wintermärchen“-Verwandlung, Howard Jacobsons „Kaufmann von Venedig“-Ableger. Und wer, haben die angelsächsischen Kritiker (rhetorisch) gefragt, wer wäre besser geeignet, „König Lear“ zu bearbeiten, als Edward St Aubyn, der sowohl aus altem Adel als auch einer dysfunktionalen Familie stammt – schlimmer, der von seinem despotischen Vater missbraucht wurde.

Jetzt ist St Aubyns „Dunbar und seine Töchter“ (Orig. „Dunbar“, 2017) auch auf Deutsch erschienen, im Knaus Verlag, der dieses Acht-Bände-Projekt hierzulande vorlegt. Und erst auf den letzten Seiten schwindet das Gefühl, der 1960 geborene Engländer habe sich den Kern der Geschichte, die eigentliche Tragödie weitgehend vom Leib gehalten. Welches seine Gründe waren, ob es womöglich unbewusst geschah, darüber kann kein Urteil gefällt werden.

Shakespeare erzählt von einem Herrscher, der sich von Lüge und Schmeichelei blenden lässt und zu spät sehend wird. Er übergibt die Macht an jene zwei Töchter, die sie um ihrer selbst willen anstreben, und enterbt diejenige, die sie verantwortungsvoll ausüben würde. Um von der – geheuchelten beziehungsweise aufrechten – Liebe zu ihm gar nicht zu reden.

St Aubyn übernimmt Shakespeares Figurenkonstellation inklusive der um die Töchter kreisenden Männer, verzichtet nur auf die Gloucester-Nebenhandlung. Die bösen Töchter nennt er Abigail und Megan und lässt sie abgrundtief böse sein. Die gute Tochter nennt er Florence (Nightingale?) und lässt sie übermenschlich gut sein. Vater Henry Dunbar ist, möglicherweise nach dem Vorbild Rupert Murdochs, ein Medienmogul mit riesigem, milliardenschwerem Imperium. Er hat es zu Beginn des Romans bereits abgegeben. Zum Dank haben ihn seine teuflischen Töchter in ein Sanatorium gesteckt, wo Tabletten seinem Willen und Intellekt den Rest geben sollen. Hätte er sich nicht mit dem Fernsehkomödianten Peter Walker angefreundet, der dort auf Alkoholentzug ist, wäre es das für ihn. Aber der Fool weiß, wie man raus aus dem Heim und ins Pub kommt. Leider hat er keine größeren Ambitionen als Drinks und noch mehr Drinks, so dass Dunbar/Lear in einer Winternacht allein über einen Bergpass im Lake District irrt, fast erfriert und dabei halluziniert.

Die Erfahrung läutert ihn sehr gründlich. Und dann eilt ihm seine Jüngste mit Hubschrauber und Polizei zu Hilfe.

Zwei durchaus effektive erzählerische Oberflächen schafft St Aubyn, unter sie blickt er – und lässt blicken – freilich in nur wenigen Momenten. Die eine Oberfläche besteht aus einer tadellosen Thrillerhandlung. Sie ist, gewiss, schon bei Shakespeare angelegt, aber St Aubyn zieht das Tempo an. Rädchen greifen ineinander, „Sicherheitspersonal“ (Killer-cum-Loverboys) mischt mit, es kommt zu Folter und Sex, Intrigen, Täuschung, Mordanschlägen. Eine feindliche Übernahme wird geplant, der Tod des Vaters im winterlichen Lake District billigend in Kauf genommen. Gift und Drogen kommen zum Einsatz. Brustwarzen müssen wieder angenäht werden, denn die bösen Töchter beißen.

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