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Dreißigjähriger Krieg Plündern, foltern, deuten

Vor 400 Jahren begann der Dreißigjährige Krieg. Und es wird noch immer gestritten, was damals eigentlich passiert ist.

Prager Fenstersturz
Vieles ist unklar, aber nicht, wie alles am 23. Mai 1618 seinen Anfang nahm: Hier zu sehen auf dem kolorierten Kupferstich „Prager Fenstersturz“ von Matthaeus Merian, 1646. Foto: epd

Von dem Wiener Schriftsteller Alfred Polgar ist ein Kaffeehaus-Spiel übermittelt, das geht so. Ein Prüfling gibt eine dumme Antwort, und der Prüfer muss begründen, warum sie richtig ist. In unserem Fall lautet die Aufgabenstellung: „Wie lange dauerte der Dreißigjährige Krieg?“ Antwort: „Sieben Jahre!“ Und siehe da, es stimmt! Denn es wurde damals ja nicht bei Nacht gekämpft, auch nicht an Sonn- und Feiertagen, dazu gab es längere Unterbrechungen des Krieges, Verhandlungsphasen, sogar Friedenszeiten. Insofern: die faktische Kriegsdauer war sieben Jahre. Gratulation.

Wie viele Witze hat auch dieser einen wahren Kern. Dass der Dreißigjährige Krieg 1618 mit den böhmischen Unruhen begann und 1648 nach vierjährigen Verhandlungen in Münster und Osnabrück endete, steht in den Lehrbüchern. Und schon die Zeitgenossen sprachen von dreißig Jahre Krieg. Allerdings auch von 32 Jahren. Denn die Truppenauflösung wurde erst 1650 in Nürnberg geregelt. Überhaupt dauerte der Krieg für Verschiedene verschieden lang. Vor allem aber war er keineswegs nur auf den Schlachtfeldern zu finden, wie die Sieben-Jahre-These nahelegt. Der Dreißigjährige Krieg fand „ganz wesentlich ‚zu Hause‘ statt“, so der überaus kundige Gelehrte Hans Medick in seinem jüngsten Buch. Kasernen gab es erst am Ende des Krieges, die Heere nahmen bei der Landbevölkerung Quartier, plünderten, folterten, vergewaltigten – daher bis heute die Redensart vom Verheeren. Medick zeigt anhand vieler Zeitzeugenberichte, von Söldnern, Handwerkern, Nonnen, was Krieg bedeutet und wie er wahrgenommen wurde. Die Gewalterfahrung werde damit „fassbar“.

Fassbar wird sie, bezeichnenderweise, auch durch die literarischen Verarbeitungen des Krieges. In Schillers „Wallenstein“-Trilogie (1799), in Alfred Döblins „Wallenstein“-Roman (1920), in der halbliterarischen (und unbedingt lesenswerten) Geschichte „Der große Krieg“ von Ricarda Huch (1912/1914), auch schon in dem autobiographischen Abenteuerroman „Simplicissimus“ von Grimmelshausen (1668), den es jetzt in einer hervorragenden Übertragung zu lesen gibt (Die Andere Bibliothek, 26 Euro). Und in allen diesen Werken spiegelt sich, wie beabsichtigt auch immer, je ihre Entstehungszeit – wer sich mit Geschichte befasst, befasst sich, so oder so, mit seinem eigenen Bild der Gegenwart.

Das wird an zwei Monographien gut deutlich, die jetzt 400 Jahre nach Kriegsbeginn erschienen sind, beide sehr detailreich. Der Jenenser Historiker Georg Schmidt gibt sich mit seiner Geschichte „Die Reiter der Apokalypse“ dabei alle Mühe, den komplizierten Kriegsverlauf nachvollziehbar werden zu lassen, mit nur mäßigem Erfolg. Denn abgesehen von dem leider oft trockenen, ermüdenden Schreibstil stellt sich das Buch selbst ein Bein. Schmidt will zwar „unbedingt“ den Eindruck vermeiden, die (Vor)Geschichte des Krieges unterliege einer Notwendigkeit, die jeden Frieden unmöglich gemacht habe; er schildert deshalb auch die Zufälle und Unwahrscheinlichkeiten, die das Geschehen oft bestimmten. Aber er münzt die Kriegskatastrophe am Ende dennoch allen Ernstes zur simplen Fortschrittsstory um, nimmt sie als einen „Anfang“, nämlich als „Säkularisierungsschub“. Weil nach der Apokalypse dieses Krieges „Gottes Wille für innerweltliche Dinge an Bedeutung“ verloren habe, habe sich ein „Wandel durch Vernunft“ vollzogen.

Das mag man sich erhoffen, der historischen Wirklichkeit entspricht es nicht. So wird Geschichtsschreibung zum Instrument des Gewünschten.

Aufschlussreich auch die „modelltheoretische Betrachtung“, die Herfried Münkler mit seiner Geschichte des Dreißigjährigen Krieges liefert. Er betont immer wieder, dass man es nicht mit einem bloßen Religionskrieg zu tun habe, sondern der „Verschränkung verschiedener Kriegstypen“. Er befasst sich mit machtpolitischen Fragen, Vertragswerken, Militärtechnik. Die Schlachten in Breitenfeld (1631/1642), Nördlingen (1634), Lützen (1632): alles ausführlich, im Dienste einer Geschichtsschreibung als Orientierungswissenschaft.

Vor allem verspricht er sich Orientierung im „Labyrinth der gegenwärtigen Kriege“ und stellt einige Analogien zum Krieg im Nahen Osten etwa her, teilweise mit sehr luftiger empirischer Basis. Hans Medick nennt dieses Vorgehen süffisant „vielleicht etwas einseitig“; denn interessanterweise erfährt man bei Münkler mehr über die Möglichkeiten und Grenzen der Analogiebildung als über den Dreißigjährigen Krieg. Dessen Darstellung bleibt, wie bei Schmidt übrigens auch, auffallend eine Geschichte der Großen Männer und Ereignisse. Wallenstein, Gustav Adolf, Tilly – das sind hier die Hauptakteure. Fast könnte man meinen, der Dreißigjährige Krieg habe wirklich lediglich sieben Jahre gedauert.

Wesentlich erhellender sind daher zwei Bücher, die gerade auf Großdeutungen und Gesamtdarstellungen verzichten. Johannes Burkhardt etwa untersucht in seinem nur dem Umfang nach schmalen Band die Friedenpotentiale, die es innerhalb des Krieges immer wieder gab, schon am Anfang. Den Dreißigjährigen Krieg, für Burkhardt wesentlich ein „Staatsbildungskrieg“, nimmt er als „Modell für friedensförderliche Anregungen“. Er operiert dabei, sehr bewusst, mit teilweise hoch umstrittenen Annahmen, etwa über das Verhalten Wallensteins, zeigt aber immer wieder, wie sich Fenster zum Frieden öffneten – und warum sie nicht genutzt wurden. Münkler sucht Analogien über die große zeitliche Entfernung hinweg, Burkhardt, indem er innerhalb des Kriegsgeschehens alternativen Geschichten ausmacht.

Überhaupt: wohin muss man schauen, um die Geschichte zu verstehen? Der Berliner Historiker Andreas Bähr schaut in den Himmel. Er untersucht in seinem hervorragenden, so quellenreichen wie anschaulichen Buch den „eigentlichen“ Beginn des Krieges, das Erscheinen eines Kometen im November 1618. Er analysiert die damaligen Deutungen des Kometen, wie also das himmlische Geschehen das irdische spiegelte – und umgekehrt. Und er legt damit auch die Logik der „wechselseitigen Abhängigkeit von Rück- und Vorausschau“ offen. Man versteht dabei nicht nur sehr genau, wie die Zeitgenossen den Krieg verstanden und wahrgenommen haben; man versteht auch, dass sich in diesem Krieg keine „katholischen“ und „protestantischen“ Blöcke gegenüberstanden. Und man versteht, dass es nicht einfach um Machtfragen ging, sondern um Deutungshoheit. Bähr muss gar keine Analogien in die Gegenwart bemühen, um zu demonstrieren, dass Geschichtsschreibung bis in die Gegenwart ein Streiten um die „richtige“ Geschichte ist.

Im Buch von Andreas Bähr findet sich übrigens auch die Geschichte mit dem Kaffeehaus-Spiel. Wie lange dauert der Streit um den Dreißigjähren Krieg? Bis heute.

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