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Doris Lessings "Kluft" Hilfe, es ist ein Junge!

Sich ohne Sexualität fortpflanzen zu können, ist ein uralter Menschheitstraum, der vielen Sehnsüchten ein Zuhause bietet. Athene ist dem Kopf des Zeus

11.12.2007 00:12
xpeko

Sich ohne Sexualität fortpflanzen zu können, ist ein uralter Menschheitstraum, der vielen Sehnsüchten ein Zuhause bietet. Athene ist dem Kopf des Zeus entsprungen, das ganze Neue Testament baut auf einer Jungfernzeugung auf, und heutzutage wird in Gen- und Reproduktionstechnologie mehr Geld investiert als in die Bekämpfung des Hungers. Dass der Verzicht auf fremdes Erbgut die Art schwächt, ist bekannt. Und doch kann eingeschlechtliche Vermehrung in diesen Größenordnungen eine Frau schon auf Gedanken bringen - zumal eine Frau wie Doris Lessing, der männliche Gesellschaft noch nie das Wichtigste im Leben gewesen ist.

Das neueste Buch der 1919 geborenen Autorin, die gerade mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, heißt "Die Kluft" ("The Cleft") und handelt von der Entstehung der Menschheit aus einer Urgruppe weiblicher Wesen, die aus dem Wasser kamen und an einem Küstenstreifen einer genügsamen Existenzform frönen. "Spalten" nennt Lessing diese Wesen neckisch, und man muss sie sich als eine Art Robben mit langem Kopfhaar vorstellen: fett, glänzend und träge. Aus ihren Höhlen begeben sie sich tagsüber ans Wasser, wo sie sich sonnen oder baden. Regelmäßig werden die Jüngeren "durch einen Wind oder eine Welle befruchtet" und gebären Kinder, die umstandslos Teil des weiblichen Phlegmas werden.

Bis eines Tages ein Kind geboren wird, das einen "Zapfen" zwischen den Beinen hat und schreit. Ein Junge. Die Weiblichen sind entsetzt und werfen das Kind den Adlern vor. Doch das vermeintliche Unglück passiert immer wieder, immer häufiger, bis die mütterlichen "Spalten" Interesse an den kleinen "Zapfen" entwickeln und sie zunächst misshandeln, später vor den Alten zu retten versuchen.

Mit der Titel gebenden "Kluft" ist zunächst der Opfer- und Bestattungsort der weiblichen Wesen gemeint. Eine Felsspalte, aus der giftige Dämpfe strömen (die pervertierte Form der Fruchtbarkeit gewissermaßen) und die den Küstenstreifen der Urgruppe begrenzt. Eine Kluft aber tut sich mit dem Erscheinen der "Zapfen" in der Herde der Weiblichen auf. Neugier erwacht und Bewegung kommt auf.

Eine junge "Spalte" schleppt sich irgendwann über die Felsen und entdeckt in der Schlucht all die männlichen Kinder, die von den braven Adlern keineswegs gefressen, sondern eben dorthin gebracht worden sind, wo sie, von einer Hirschkuh gesäugt, heranwachsen. Sie steigt hinab. Andere folgen. Man entdeckt den Sex (erst als Gewalt, dann als Spaß für alle) und bald auch die Unterschiede weiblichen und männlichen Denkens, wobei weiblich stets mütterlich bedeutet: Pflege, Umsicht und Bewahrung hier, Entdecker- und Ausprobierfreude hier. Männer sind vom Mars, Frauen von der Erde. Oder: Warum Männer nicht zuhören und Frauen am liebsten zuhause bleiben.

In der Tat neigt Doris Lessing in ihrer Phantasie über eine weibliche Herkunft der Menschheit stark zum Klischee. Wobei man ihr zumindest keine Stimmungsmache vorwerfen kann, da sie das rein mütterlich-weibliche Leben als bloßes Vegetieren schildert, während das Männliche bei ihr latent selbstzerstörerisch ist. Da soll offenbar eine Balance verordnet werden, da mahnt eine Alte Weibliche der Jetztzeit: Kinder, es geht nicht ohne einander.

Um das Gleichnishafte der Sache diskursiv etwas aufzuplustern, hat Doris Lessing einen Vermittler des Unerhörten eingeführt: einen römischen Senator aus der Zeit Neros. Einen alten Mann, der spät noch einmal eine junge Frau geheiratet hat, deren gesellschaftliches Treiben er milde beobachtet. Er, der Zeit und Gelegenheit hat, sich über die Unterschiede der Geschlechter Gedanken zu machen, ist im Buch derjenige, der die Dokumente einer von der römischen Männergesellschaft geheim gehaltenen weiblichen Geschichtsschreibung offenbart und sie, mit rhetorischen Fragezeichen umrankt, zu einem historischen Bericht ausmalt.

Die fingierten "Reden des Südseehäuptlings Tuiavii aus Tiavea" galten in den westdeutschen 80er Jahren als Augenöffner über westlichen Lebensstil und standen im gleichen Regal wie Lessings "Goldenes Notizbuch". Heute weiß man, dass der Fortbestand von Verhältnissen in keiner Weise davon abhängt, ob sie als "richtig" oder "falsch" erkannt und beurteilt werden. Heute können Frauen die Tatsache, dass sie keine Männer sind, durchaus aushalten, ohne damit getröstet werden zu müssen, dafür deren Mütter zu sein. Heute lässt sich etwas Wahres eigentlich überhaupt nicht mehr als Allgemeines formulieren.

So dass das wirklich Bedrückende dieses im pseudo-authentischen Forscherduktus verfassten Buches am Ende vielleicht vor allem darin liegt, dass Doris Lessing im gleichen Tonfall "der Mann" oder "die Frau" sagt (resp. "der Zapfen", "die Spalte") wie die eigenen Großmütter einst "der Westfale", "der Engländer" oder "der Russe". Nie "der Deutsche" übrigens. Über das Schwierige wurde geschwiegen. Doris Lessing ihrerseits lässt die Väter aus. Da sind nur Mütter und Söhne: was den so genannten Geschlechterkampf entgegen der Absicht nicht vereinfacht, sondern ignoriert.

Doris Lessing: Die Kluft. Aus dem Englischen von Barbara Christ. Hoffmann und Campe, Hamburg 2007, 239 Seiten, 19,95 Euro.

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