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Doppelleben, einmal anders

Der neue Roman von Daniel Kehlmann über Carl Friedrich Gauß und Alexander von Humboldt vermisst die Welt und ist ein Geniestreich

28.09.2005 00:09
MARTIN LÜDKE

Eine Missionsstation am Orinoko. Oberhalb, in den Granitfelsen, sollte es eine alte Grabhöhle mit Hunderten von Leichen, in unterschiedlichen Stadien der Verwesung bis hin zu vollständigen Skeletten, geben, "jede in ihrem eigenen Korb aus Palmblättern, die Knochenhände um die Knie gelegt, den Kopf auf den Brustkorb gedrückt". Der Naturforscher entschloss sich, eine Kinderleiche und zwei Erwachsene mitzunehmen. So wie er vieles eingepackt, mitgenommen hatte, um es bei nächster Gelegenheit verschiffen zu lassen, was für weitere Analysen und Messungen, überhaupt für die europäische Forschung interessant sein könnte. Mit diesen Skeletten handelte er sich aber Probleme ein, denn die Indianer ahnten nicht nur, sie rochen ja auch, was sich unter den Tüchern verbarg. Sie empfanden eine Heidenangst und reagierten entsprechend.

Szenenwechsel. Vor der Tür eines französischen Heißluftballonfahrers, der auf dem Weg nach Stockholm in Braunschweig Station machte, steht ein Junge und fragt, ob er mitfliegen dürfe. "Mitfahren, sagte Pilatre." Ballonleute fliegen nicht, sie fahren. Dem Jungen war der Begriff egal. Hauptsache, er durfte mit. Ihm gelang es tatsächlich, den Montgolfier zu überzeugen. Vor dem Start zählt er, vor Aufregung, Primzahlen. Und bei der Fahrt geht ihm wie nebenbei auf, "daß alle parallelen Linien einander berühren". Zugleich erkennt er, der Junge, wie sich die Navigationsprobleme lösen ließen.

Auf den Bergspitzen der Anden und in den Strudeln des Orinoko

Zwei Genies, deren Wege weit auseinander liegen und sich dennoch eng berühren. Aus diesem eher trockenen Stoff entsteht, und zwar buchstäblich, ein Abenteuerroman. Nur spielt er, gleichermaßen spannend, auf höchst unterschiedlichem Gelände. Auf den Bergspitzen der Anden und den Höhen des Geistes, in den Strudeln des Orinoko und den Wirren der preußischen Restauration, in den Weiten des Ozeans und in der Enge deutscher Herzogtümer. Er beginnt, naturgemäß, am Ende. Auch deshalb, weil eine wirkliche Geschichte erst von ihrem Ende her verstanden werden kann. Entsprechend meint auch einer der Protagonisten: Das Romanschreiben "erscheine ihm als Königsweg, um das Flüchtige der Gegenwart für die Zukunft festzuhalten". Und der andere der beiden Protagonisten beklagt sich über die Ungerechtigkeit, Beispiel für die "erbärmliche Zufälligkeit der Existenz", dass "man in einer bestimmten Zeit geboren und ihr verhaftet sei"; wobei, romantisch/ironisch, der Autor selbst noch durchklingen lässt: Die Gnade der späten Geburt " verschaffe einem einen unziemlichen Vorteil vor der Vergangenheit und mache einen zum Clown der Zukunft." Denn, wie wir aus der Bibel wissen, wird eben erst am Ende abgerechnet.

Der 1975 geborene Schriftsteller Daniel Kehlmann, dem selbst genialische Züge kaum abzusprechen sind (mit knapp dreißig Jahren kann er sechs veröffentlichte Bücher, darunter Beerholms Vorstellung und Ich und Kaminski, vorweisen), bringt in seinem neuen Roman Die Vermessung der Welt, zunächst nur gedanklich, dann auch räumlich zwei der größten Wissenschaftler ihrer Zeit zusammen, den Göttinger Mathematiker, Astronomen und Physiker Carl Friedrich Gauß (1777 bis 1855) und den preußischen Naturforscher Alexander von Humboldt (1769 bis 1859). Kehlmann verfügt so souverän über seinen Stoff, dass dem Leser die Gaußschen, also rechtwinkligen Koordinaten auf gekrümmten Flächen durchaus böhmische Dörfer bleiben können. Keine Angst also, das Denken wird in Handlung übersetzt. Der Autor versteigt sich nicht in Theorien. Er erzählt, mit Witz, von Menschen, Genies ihrer Zeit, herausragenden Wissenschaftlern und armen Schweinen. Er erzählt von den Widerständen, die der junge, in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsene Gauß, beileibe nicht nur im Kopf, überwinden musste, von seiner Entwicklung, seinem Vermögen, schnell und klar zu denken, das ihn im Verkehr mit anderen Menschen oft schroff wirken ließ. Er erzählt von seinen Schrullen, der - auch sexuellen - Begierde, seiner Ungeduld, von einer unaufhörlichen Produktivität, die ihn selbst in seiner Hochzeitsnacht, in einer kurzen Unterbrechung der ehelichen Aktivitäten, mal eben an den Schreibtisch zwang.

Humboldts entsprechende Rastlosigkeit spiegelt sich in seinem Reisegenossen, einer Diderot-Gestalt, die auch für die nötige Komik bürgt: "Bonpland fragte, ob er denn niemals schlafe. Wenn er es vermeiden könne, antwortete Humboldt, nicht."

Die Helden des Romans sind durchdrungen von dem Gedanken des wissenschaftlichen Fortschritts. Sie sind Protagonisten der Aufklärung. Und auch schon, ein Stück weit, ihr Opfer. Erst in dieser Einsicht kristallisiert sich die Aktualität der Vergangenheit heraus.

Wie Parallelen selbst in der Unendlichkeit begegnen sich die zwei Männer in einer scheinbar konkreten Gegenwart. Allerdings vor einer historischen Kulisse. Die abgebildete Welt wird als Fiktion sichtbar gemacht, stilisiert und schemenhaft in den Hintergrund gestellt. Die Probleme hingegen sind handfest, wirklich. Der Autor verzichtet darauf, den Hintergrund auszumalen. Ihm genügt, aus guten Gründen, die Kulisse. Umso schärfer tritt hervor, was sich im Vordergrund abspielt: das wirkliche Abenteuer des Geistes - die Vermessung unserer Welt als reale Aufklärung.

Am Ende kommt es, in einer Steigerung der wirklichen Dramatik des 19. Jahrhunderts, zu einem weiteren, eher kuriosen Treffen: Humboldt und Gauß entdecken den Berliner Gendarmerie-Kommandanten bei einer Geisterbeschwörung. Sie hoffen mit dessen Hilfe einen jungen Studenten, Eugen Gauß, den Sohn des Mathematikers, noch im letzten Augenblick aus dem Gefängnis herauszuholen, bevor er der Geheimpolizei überstellt wird. In dieser Szene, urkomisch und bitter ernst zugleich, laufen nicht nur die verschiedenen Handlungsstränge zusammen, sondern auch die in ihrem oft abenteuerlichen Fortgang fast verborgenen Motive des Romans. Aufklärung, wissenschaftlicher Fortschritt, eben die Vermessung der Welt, also die praktische und theoretische Beherrschung der Natur durch den Menschen, lassen hoffen: auf ein leichteres und besseres Leben, auf größere Freiheit. In der Person des jungen Gauß faltet sich das Jahrhundert auf, wie in einer Allegorie.

Dabei hütet sich Kehlmann, zu deuten. Er erzählt. Er kann das. Er zielt nie auf die Pointe, doch behält er stets den Blick für die Komik einer Situation. Das beginnt, gleich eingangs, bei dem Rat, den Goethe höchst persönlich der verwitweten Mutter der beiden Humboldt-Kinder mit auf den Erziehungsweg gibt. Goethe sprach von der "Vielfalt menschlicher Bestrebungen", den "reichen Möglichkeiten zu Tat und Genuß", die den "Sinn mit Hoffnung" und den Geist mit "Überlegung" erfüllten. Die Reaktion, trocken notiert: "Den Satz verstand keiner, nicht die Mutter, nicht ihr Majordomus Kunth, ein magerer Herr mit großen Ohren." Trotzdem wurde Goethes Rat umgesetzt. Die Brüder, beide klein gewachsen, wurden zu Größen ihres Jahrhunderts. Wobei Wilhelm, der Ältere, die Dialektik der Aufklärung geradezu mundgerecht serviert, in Form von Rattengift, das er dem jüngeren Bruder ins Essen mischt. Der Kleinere, auch daran zeigt sich seine (natur-)wissenschaftliche Begabung, merkt es und erntet entsprechende Anerkennung des großen Humanisten.

Alexander von Humboldt scheint allerdings seine gesamten Energien (anders als Gauß) in seine Forschung investiert zu haben. Er konnte, anders als Gauß, keinen Hügel erblicken, ohne ihn zu vermessen. Der Bergwerksassessor hat früh schon bei seinen Höhlenerkundungen kaum vorstellbare Belastungen und Gefahren auf sich genommen. Der Forschungsreisende ist in Gegenden vorgedrungen, die vor ihm (und auch noch lange Zeit nach ihm) kaum je ein Weißer zu betreten wagte, er hat Berge bestiegen, Höhlen erkundet, Karten erstellt, Tierarten und Pflanzen entdeckt.

Die Beherrschung der Natur muss kein wirklicher Fortschritt sein

Trotzdem wird Die Vermessung der Welt nicht zum historischen Roman. Es bleibt ein aktuelles Buch, das mit historischem Personal agiert. Humboldt, mehr praktisch orientiert, und Gauß, nicht nur, aber doch eher theoretisch, haben unsere Welt vermessen. Sie haben beide, durchaus schmerzhaft, erfahren müssen, dass die fortschreitende Beherrschung der Natur nicht notwendigerweise auch wirklichen Fortschritt mit sich bringt. Von der Steinschleuder zur Megabombe führe ein gerader Weg, meinte dazu Adorno, nicht aber vom Wilden zur Humanität. Wissenschaft und Politik trennen Welten. Eugen, der Sohn von Gauß, durfte diese Tatsache leibhaftig erfahren. Er hatte noch Glück, dank Humboldts Beziehungen. Seinen Freiheitsdrang musste er nicht mit seinem Leben, sondern nur mit der Verbannung - in die Neue Welt - bezahlen.

Aufklärung hat halt ihren Preis. Mit viel Sympathie und sanfter Ironie führt uns Daniel Kehlmann vor, wie zwei große Geister des 19. Jahrhunderts den Glauben an den Fortschritt, den sie maßgeblich mit befördert hatten, allmählich verlieren, jedoch ohne zu resignieren.

Die Vermessung der Welt, einer der Höhepunkte dieses Bücherherbstes, ist nicht nur ein schönes, packendes und spannendes, es ist auch ein großes Buch geworden: das Alterswerk eines jungen Schriftstellers, ein genialer Streich. Daniel Kehlmann verfügt souverän über seinen Stoff und lässt darum, leicht augenzwinkernd, uns an dem Projekt teilhaben, das nur gelingen kann, wenn es scheitert. Der Mensch, der die Natur vermessen will, bleibt eben immer auch Teil der Natur. Vermessen - auch der Begriff bleibt ebenso doppelsinnig wie das, was man vermisst.

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