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Don Winslow - „Corruption“ Die Geschichte einer Selbstzerstörung

Beim Thema Drogenkrieg ist Don Winslow in seinem Element. In seinem neuen Thriller „Corruption“ erzählt der Autor von einem Cop, der mit der Zeit zum Drogendealer wird.

Don Winslow
Viel-(Bestseller-)Schreiber Don Winslow 2016 in Leipzig. Foto: dpa

Wenn sich Denny Malone zum Dienst fertig macht, muss er vor dem Kleiderschrank nicht lange überlegen. „Schwarzes Jeanshemd, Levi’s, schwarze Lederjacke, Doc Martens mit Stahlkappe (ideal zum Eintreten von Türen).“ Als Detective einer Elitetruppe der New Yorker Polizei trägt er die Straßenkluft der irischstämmigen Einwohner des Stadtteils Staten Island, wo er als Sohn eines hochdekorierten Cops aufgewachsen ist und wo seine Frau und Kinder leben. „Die Iren und Italiener von Staten Island haben eine ziemlich enge Berufswahl: Cop, Feuerwehrmann oder Gangster.“ Malone hat sich für Cop entschieden.

Aber irgendwann sind die Dinge ins Rutschen gekommen. Damals auf der Polizeiakademie hatten sie noch ihre Witze gemacht, über die „Schmierseife“, vor der sie sich in Acht nehmen müssten. Bald ging es dann los, ein Sandwich, eine Tasse Kaffee, ein Hunderter hier, ein Tüte Dope dort. Eine Gratisnummer im Puff, ein Kuvert vom Buchmacher. Nichts Großes, sie wollten ja auch mal schön essen gehen. Der Kram für die Kinder. Das kostet ja alles. Die rote Linie wanderte immer vor ihnen her. Wie im Fernsehen, wenn Läufer den Weltrekord jagen. Und eines Tages hatten sie ihn, den Rekord. Fünzig Kilo Heroin. Seine Crew, die Taskforce mit Malone, Russo, Big Monty und Billy O., brachte den Stoff beiseite. Nach 18 Dienstjahren war aus Malone das geworden, was er stets bekämpfen wollte: Ein Drogendealer.

Don Winslow erzählt in seinem Thriller „Corruption“ (im Original: „The Force“), die Geschichte einer Selbstzerstörung. Zwar ist dieser Denny Malone ein dirty Cop, ein Polizist, der selbst vor Mord nicht zurückschreckt, um seine Spuren zu verwischen, aber aus jeder der 544 Zeilen, die hier wie Geschossgarben rattern, spricht die Sympathie des Autors für seinen, ja, Helden. Malone mag ein arroganter Drecksack sein, aber die Welt, in der ein idealistischer Polizist zum Verbrecher wird, ist noch sehr viel dreckiger.

Fulminante Abrechnung am Ende

Am Ende seines Buches inszeniert Winslow eine fulminante Abrechnungsszene. In einem Penthouse am Central Park tritt Malone den Stadtoberen, Spekulanten und Polizeichefs gegenüber wie beim jüngsten Gericht. „Ihr nennt uns korrupt. Aber ich nenne euch korrupt. Ihr seid die faule Stelle in der Seele dieser Stadt, dieses Landes. Der ganze Drogenkrieg dient euch dazu, die Schwarzen und Latinos im Zaum zu halten, die Gerichte und Gefängnisse zu bestücken, die Juristen und die Bewacher und – ja, auch die Polizei – in Lohn und Brot zu halten …“. Das geht noch seitenlang so weiter und klingt streckenweise wie ein Leitartikel auf Speed.

Beim Thema Drogenkrieg ist Don Winslow in seinem Element. Aus den zirka zwanzig Thrillern, die der manische Autor in rascher Folge und wechselhafter Güte bislang veröffentlicht hat, stechen zwei große Romane heraus. In „Tage der Toten“ (2005) und „Das Kartell“ (2015) hat sich Winslow in epischer Breite und struktureller Tiefe mit der mexikanischen Drogenmafia befasst, und das in einer literarischen Qualität, die ihn, den König der Flughafenbuchläden, als Schriftsteller nobilitiert hat. Während Don Winslow zurzeit am dritten Band der Kartell-Trilogie schreibt, ist in Hollywood schon Ridley Scott mit der Verfilmung der Romane beauftragt worden. Die Hauptrolle des Agenten Art Keller soll Leonardo DiCaprio spielen.

Mit der Filmsprache operiert Winslow auch in „Corruption“. Wenn er die Einsätze der Taskforce bei Drogenrazzien in den vernachlässigten Wohntürmen von Harlem schildert, liest man diese Szenen praktisch durch die Helmkamera. Und wenn sich die Cops nach dem Einsatz zum sogenannten Bowling-Abend treffen, um ihr Überleben zu feiern, kann man das Parfüm der Callgirls und die Kotze auf dem Rücksitz riechen. Kurze Absätze, viel Dialog, harter Slang, der sich nur schwer übersetzen lässt, das ist Winslows Stil. Weite Passagen des Romans lesen sich wie eine Reportage über die Arbeit der New Yorker Polizei und als guter Reporter sucht Don Winslow immer wieder nach originellen Metaphern. „Es gibt zwei Sorten Cops: die Pflanzenfresser und die Fleischfresser.“ Denny Malone gehört natürlich zu den Raubtieren, die losgehen und Beute machen. Bei den Dealern, bei der Mafia, überall, wo Geld winkt.

Manches erinnert an die Fernsehserie „The Wire“, zum Beispiel die Abhöraktionen mit verkabelten Zeugen, anderes an die „Sopranos“, nur dass die Mafiosi Polizisten sind. Die Probleme sind die gleichen, die Frau, die Geliebte, die Kinder. Irgendwie wächst ihnen alles über den Kopf.

Malones Geliebte Claudette ist schwarz, was den weißen Polizisten zwingt, sich auch nach Feierabend mit dem grassierenden Rassismus in der Gesellschaft auseinanderzusetzen. „Eine Uniform kannst du immer ausziehen“, sagt Claudette. „Ich muss in meiner Haut leben, und das vierundzwanzig Stunden am Tag.“ Bei ihrem Streit ging es um den Hass, der ihnen tagtäglich entgegenschlägt. Ihr als schwarzer Frau. Ihm als weißem Cop.

Wenn sich Denny Malone zum Dienst fertig macht, verstaut er zwei Pistolen am Körper und ein Messer im Stiefel. So zieht er in den Krieg.

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