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Don DeLillo „Null K“ Von Leben, Tod und Fusselrollern

Don DeLillo wird am Sonntag 80 Jahre alt. Und ist noch immer auf der Höhe der Zeit, wie sein neuer Roman „Null K“ eindrucksvoll zeigt.

Irgendwo in der kasachischen Wüste lassen sich in Don DeLillos Roman „Null K“ die Menschen einfrieren. Foto: REUTERS

Fast alle Romane Don DeLillos entlassen den Leser in einen Zustand der Verstörung. Deshalb könnte man annehmen, dass diese Bücher wahre Flops seien, denn wer lässt sich schon gerne freiwillig verunsichern. Der amerikanische Autor, der am Sonntag seinen achtzigsten Geburtstag feiert, ist aber derart erfolgreich, dass Spiegel Online die wichtigsten Bücher „des Don der literarischen Paranoia“ einmal in zehn „scharfen Zitaten“ vorstellte samt einer Erklärung, „warum man die draufhaben muss“.

DeLillo ist Kult. Dieser Erfolg lässt den Schluss zu, dass Verstörung ein Zustand ist, den viele Leute durchaus schätzen, zumal wenn es um die berühmten „drängendsten Fragen unserer Zeit“ geht, von denen DeLillos Romane ja immer handeln. Zumindest DeLillo-Fans haben nicht von den drängenden Fragen die Nase voll, sondern von den vielen klaren Antworten. Die Faszination seiner Bücher ist der Gegenbeweis zu der im Mediengeschäft gängigen These, die Menschen wollten vor allem Klarheit. DeLillos Romane hingegen entspringen der Erfahrung, dass in einer von Thesen verstellten Welt ihre Vielschichtigkeit neu entdeckt und geradezu erfunden werden muss: Sie ist, mit viel Glück, in der Literatur zu finden.

DeLillos neuester Wurf spielt in einer gut bewachten Mischung aus Klinik und Katakombe irgendwo in der kasachischen Wüste, wo Menschen auf eigenen Wunsch eingefroren werden, um irgendwann in einer späteren Epoche, die ihre physischen Probleme hoffentlich besser lösen können wird, wieder aufgetaut zu werden. Der reiche Finanzmagnat Ross, ein Förderer des Projekts, verabschiedet sich schweren Herzens von seiner Frau Artis. Sein erwachsener Sohn ist bei ihm und bringt ihn von dem Vorhaben ab, seine Frau in diesen Hightech-Wartestand zwischen Leben und Tod zu begleiten.

Doch einige Monate später fahren sie erneut in den erdbebensicheren Komplex fernab der Zivilisation, wo sich der Vater nun doch tieffrosten lassen will, um an der Seite seiner Frau dahinzudämmern. Während vieler Gespräche über den Sinn des Todes, seinen Wert für das Leben und die Frage, welche Art Denken und Fühlen bei minus 273,15 Grad wohl noch möglich sind, dringt die Außenwelt mittels eines Nachrichtenbildschirms in das Gebäude, auf dem Schirm wimmelt es nur so von Terror, Krieg und Katastrophen.

Wie immer ist DeLillos Thema aus dem Stoff, aus dem unsere politischen Debatten sind, aber er kocht daraus ein neues, sehr fremdes Gebräu. Die Wunder des medizinisch Machbaren, die Relativität des Todes in diversen Formen künstlichen Komas, den Trend nach Unsterblichkeit mixt er mit der grassierenden terroristischen Freude an der Beendigung des Lebens, die im Hintergrund der Handlung fortwährend finstere Gegenwart ist.

Es ist nicht übertrieben, in DeLillo einen Visionär zu sehen. Den deutlichsten Beweis für seine prophetischen Fähigkeiten erbrachte er mit dem kleinen Roman „Cosmopolis“ aus dem Jahr 2003, in dem er die Lehman-Brothers-Pleite von 2008 samt ihren Folgen voraussah und ihr in dem 28-jährigen Börsenmakler Eric Packer ein bizarres menschliches Gesicht gab. 1984, Dekaden bevor es Smartphones, Tablets und PCs gab, sah DeLillo in „Weißes Rauschen“ schon den einzelnen Menschen in einem unendlichen Informationsfluss dahintreiben. Und sein bester, aber auch schwierigster und längster Roman, „Unterwelt“ aus dem Jahr 1997, bringt schließlich alles zusammen: die Angst vor der Atombombe, vor der Umweltzerstörung und vor dem Tag, an dem der geliebte Baseballverein absteigt.

Aber es sind nicht thesenhafte Erkenntnisse, die DeLillo zu diesen drängenden Sorgen beisteuert, es ist die Art und Weise, davon zu erzählen, die seine Leser fasziniert. Die Art, sich von seinen Themen nicht dominieren zu lassen, sondern sie in eine Beziehung zu bringen zu all dem, was sonst noch passiert. So beschäftigt sich der Erzähler in „Null K“ eingehend mit einem Fusselroller und der kürzesten und präzisesten Art, ihn lexikalisch zu definieren. DeLillo, der Mann mit den großen Themen, balanciert diese aus mit den ganz kleinen Dingen.

Das geht immer wieder ins Abseits, verläuft sich, wirkt für einen Moment beliebig. DeLillo ist kein guter Konstrukteur. Das Vermögen seiner amerikanischen Schriftstellerkollegen, über gewaltige Stoffmassen hinweg eine klare Erzählstruktur durchzuhalten, ist seine Sache nicht. Er erzählt drauflos, gewichtet nach den üblichen Regeln falsch, zieht Unwichtiges in die Länge, packt das Wichtige in zwei kurze Abschnitte. Aber es ist faszinierend, ihm beim Herumirren und Stochern zu folgen.

Don DeLillos Sätze sind oft zauberhaft schief, so schräg, dass sich die Sprache vor die Imagination stellt wie van Goghs Pinselstriche vor das, was sie darstellen. Zu Beginn von „Null K“ stehen Vater und Sohn nebeneinander und schauen aus dem New Yorker Bürofenster: „Wir erlebten einen seltenen Augenblick gemeinsam, Kontemplation, abgerundet von seiner Klassiker-Sonnenbrille, die die Nacht hereinholte. Ich betrachtete die Gemälde im Raum, eines abstrakter als das andere, und begriff langsam, dass das einsetzende lange Schweigen weder ihm noch mir gehörte.“ Logisch ist das alles Unsinn: Niemandem gehört ein Schweigen, keine Sonnenbrille holt die Nacht herein, aber alles zusammen ergibt eine Situation, die ins Hirn geht wie ein mit Erkenntnis gestreckter Wein. Am Ende hört man die Welt summen.

DeLillos Art, große Fragen zu behandeln, finden sich in der Mikrostruktur seiner Sätze wieder. Zum Beispiel seine Aufzählungen. Auf einen Satzteil wie „Auf ihre Art war meine Mutter gewöhnlich“ würden andere Autoren etwas folgen lassen, das die Art der Gewöhnlichkeit näher beschreibt. Ein Element bestätigte das andere. DeLillo aber lässt den Satz auseinanderstieben: „Auf ihre Art war meine Mutter gewöhnlich, eine freie Seele und mein sicherer Hafen.“ Drei kleine Leuchtraketen in einem Satz.

So spiegelt sich im Allerkleinsten, im Mikrokosmos eines wie beiläufig hingeschriebenen Satzes etwas, das wir in den zahllosen Kommentaren zur Gegenwart schon nicht mehr hören können: dass die Welt nämlich aus den Fugen geraten sei. Das muss ja nicht unbedingt schlecht sein. Wenn Don DeLillo ausnahmsweise einmal eine echte Gewissheit vermittelt, dann ist es diese: In den Fugen war die Welt noch nie.

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