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Dokumentation zu Auschwitz Varianten des Schreckens

„Die Arbeit macht mir große Freude“, schreibt ein Buchhalter über seine Tätigkeit im Konzentrationslager: Neuer Band einer umfangreichen Dokumentation zu Auschwitz.

Auschwitz-Fundstücke
Foto: Pawel Sawicki / Museum Auschwitz / afp

Georg Burth (1901–1972) war seit 1930 kaufmännischer Angestellter in der Hauptverwaltung der IG Farben in Frankfurt. Von Mai 1942 an Buchhalter der IG Farben in Auschwitz, 1943–1945 Leiter des Versicherungsbüros der I.G. Auschwitz. Nach dem Krieg lebte Burth in Speyer. Ob er etwas mit der dort 1947 gegründeten Staatlichen Akademie für Verwaltungswissenschaften zu tun hatte, weiß ich nicht. Er schrieb am 30. Juli 1942 an seinen Vorgesetzten in der Frankfurter Zentrale der I.G.Farben einen ausführlichen, wohl eher privaten Bericht über seine Arbeit in Auschwitz. 

Darin heißt es: „Dass die Zahl der Unterkunftsbaracken immer mehr anwächst und so bald eine große Barackenstadt entsteht, können Sie sich bei der großen Gefolgschaftsstärke wohl vorstellen. Dazu kommt noch der Umstand, dass einige 1000 fremdländische Arbeiter dafür sorgen, dass unsere Lebensmittel nicht schlecht werden. So finden wir Italiener, Franzosen, Kroaten, Belgier, Polen und als ‚engste Mitarbeiter‘ die sogenannten Strafgefangenen aller Schattierungen. Dass dabei die jüdische Rasse eine besondere Rolle spielt, können Sie sich denken. Die Verpflegung und Behandlung dieser Sorte von Menschen ist zweckentsprechend. Irgendwelche Gewichtszunahmen dürften hier wohl kaum zu verzeichnen sein. Dass bei einem geringsten Versuch, eine Luftveränderung vorzunehmen, die Kugel pfeift, ist eine ebenso feststehende Tatsache wie die, dass schon viele infolge ‚Hitzschlag‘ abhanden kamen.“

Von systematischem Vergasen ist hier nicht die Rede. Burth hatte 1947 erklärt, er habe erst Mitte 1944 von betrunkenen SS-Männern vom Massenmord in Auschwitz gehört. Auch wer in Auschwitz war, wusste nichts von Auschwitz? Die Anführungszeichen bei „Hitzschlag“ legen aber doch nahe, dass er wusste, warum die einen Arbeitskräfte so häufig durch neue ersetzt werden mussten. Möglicherweise war ihm zu wichtig, dass sie zu Tode kamen, als dass er sich noch sehr für das Wie interessierte. 

Ein paar Zeilen später ändert sich sein Ton: „Nun zu mir persönlich. Ich bin mit den mir übertragenen Aufgaben außerordentlich zufrieden, die Arbeit macht mir große Freude, und ich kann wohl sagen, dass ich immer mehr in das Arbeitsgebiet hineinwachse.“ Was die Arbeit des Versicherungsbüros der I.G. Auschwitz war, weiß ich ebenfalls nicht. Aber Georg Burth ist ein beredtes Beispiel dafür, dass es immer jemanden gibt, der auch noch im falschesten Leben sich ein für ihn richtiges einzurichten versteht.

Die Edition „Das KZ-Auschwitz 1942–1945 und die Zeit der Todesmärsche 1944/45“ ist, soweit ich sehe, die umfangreichste, die man derzeit zum Thema bekommen kann. Niemand wird sie in einem Schwung lesen. Georg Burths sarkastischer Ton ist ja nur eine der Varianten des Schreckens. Wenige Seiten später findet sich eine Aufstellung des Häftlingsarztes Otto Wolken (1903–1975) über die Häftlinge aus den vier Transporten, die es zwischen dem 15. April und dem 27. April 1942 gab: Innerhalb von 17 Wochen seien 91 Prozent, innerhalb von 16 Wochen 98 Prozent, innerhalb von 16 Wochen 92,5 Prozent und wiederum innerhalb von 16 Wochen 94,8 Prozent der Menschen aus den einzelnen Transporten getötet worden. Wolken hat bis zum 15. Transport am 17. Juli 1942 akribisch Buch geführt. Seine Zahlen zeigen, dass das Auschwitz, aus dem er so launig berichtete, eine bestens funktionierende Mordmaschine war.

Die Tabelle ist so grausam wie Burths arischer Humor, und der Bericht, den die polnische Widerstandsbewegung im November 1942 an die polnische Exilregierung in London sendet, ist in seiner Nüchternheit nicht weniger ergreifend. Man beobachtet sich dabei, wie man sich wundert, dass 1942 beispielsweise 2900 Häftlinge vergast wurden, aber 4000 erschossen. 2000 starben an Typhus oder wurden mit Phenolininjektionen zu Tode gebracht wurden. 3000 starben an der Ruhr. Der Bericht an die Exilregierung fügt den Zahlen Berichte hinzu, aus denen hervorgeht, dass die Lagerleitung größten Wert darauf legte, die Unterschiede zwischen den Häftlingen zu nutzen. So ließ sie die Gefangenen des ersten Warschauer Transports durch Schlesier ermorden. „Die unmittelbaren Autoritäten im Lager“ sind deutsche rückfällige Kriminelle, „die auf ihre ganz eigene Art, mit einem Lächeln auf den Lippen, in der Lage sind, massenhaft wehrlose Häftlinge mit Knüppeln umzubringen“. Der Leser blättert zurück auf die Liste der Mordmethoden: 1200 Häftlinge wurden „getötet im Bunker, am Pfahl, durch Schläge und auf andere Weise“. 

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