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Doctorow-Roman Ein Archiv der ganzen Welt

E.L. Doctorow erfindet die Geschichte der legendären Brüder Collyer neu. In "Homer & Langley" wird das Haus der beiden New Yorker Messies zum Durchlauferhitzer einer Epoche.

16.01.2011 16:53
Christoph Schröder
Durchlauferhitzer einer Epoche: Manhattan, Heimat de Brüder Collyer. Foto: REUTERS

Mehr als 100 Tonnen Müll. Ein komplettes Auto, ein Ford Model T, im ehemaligen Esszimmer. Gemälde, Schmuck, Teppiche, 14 Klaviere. Regenschirme, Herde, Bücher. Und Zeitungen. Stapel, Bündel, aufgetürmt im ganzen Haus, so dass dazwischen nur noch schmale Gänge blieben, um von Raum zu Raum zu kommen. Ein labyrinthisches System, das seinen Bewohnern zum Verhängnis wurde, und das mitten in Manhattan.

Die Brüder Homer und Langley Collyer sind zu einer urbanen Legende geworden. Aus besten Verhältnissen stammend, verwandelten sie das prachtvolle elterliche Haus nach und nach in eine Sammelstelle, in der sie sich verschanzten. Langley Collyer starb 1947 in einer der vielen von ihm selbst im Haus gegen Einbrecher errichteten Fallen; sein mittlerweile erblindeter Bruder Homer verhungerte kurz darauf; als man das Haus endlich aufgebrochen und die beiden gefunden hatte, waren schon die Ratten bei der Arbeit. Ein Stoff, der an sich schon Literatur ist.

E.L. Doctorow, der Anfang Januar 80 Jahre alt wurde, ist ein Spezialist für die fiktionale Bearbeitung historischer Begebenheiten. In „Homer & Langley“, seinem soeben erschienenen neuen Roman, hat er die Geschichte der beiden Collyer-Brüder auf so grandiose wie unerwartete Weise komprimiert und sich zugleich die künstlerische Freiheit genommen, das Leben seiner beiden Protagonisten, geboren in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts, um einige Jahrzehnte zu verlängern. So wird das Haus der beiden vermeintlichen Messies zum Durchlauferhitzer einer Epoche. Oder auch umgekehrt: Doctorow nimmt der Sammlung das Krankhafte, Ungeordnete und inszeniert Homer und Langley quasi als Kuratoren einer Historienschau.

Durch Homers blinde Augen bekommt das Offensichtlichste neue Bedeutung

Die Grundentscheidung für den gesamten Roman fällt bereits im ersten Satz: „Ich bin Homer, der blinde Bruder.“ Auf diese Weise ist die Perspektive vorgegeben. Durch die blinden Augen des Ich-Erzählers Homer bekommt auch das scheinbar Offensichtlichste noch eine neue Bedeutung, weil alles erst erschlossen werden muss. Die naheliegende Frage, nämlich die, wie es dazu kam, dass die beiden hoffnungsvollen Sprösslinge einer angesehenen New Yorker Familie sich freiwillig aus der Welt und in die Selbstvermüllung verabschieden konnten, wird nicht nur nicht beantwortet – sie wird in ihrer Berechtigung als obsolet zurückgewiesen.

Erst die Fiktion macht das Unfassbare plausibel. Der Sammelwahn erscheint nicht als pathologisch, sondern als Schutzwall gegen eine feindliche Umwelt, vor allem aber als Teil einer Geschichtsphilosophie, die der im Ersten Weltkrieg verwundete und bis unter den Scheitel mit Pessimismus angefüllte Wut-Antibürger Langley entwickelt hat. In ihrem Zentrum steht das Großprojekt einer immerwährenden Zeitung, für das Langley Zeitungsartikel nach bestimmten Kategorien ablegt, und eine objektiv betrachtet gar nicht allzu krude Theorie, die besagt, dass alles nur dazu da sei, um irgendwann ersetzt zu werden. Kurz gesagt: Möge geschehen, was wolle, letztendlich bleibt die Menschheit sich im Fortgang der Ereignisse stets gleich.

So hält die Weltgeschichte also Einzug in das Collyer’sche Haus: Weltkriege, Wirtschaftskrisen, Vietnam- und Koreakrieg, Hippiebewegung. Der Wandel eines Landes, gespiegelt und archiviert in seiner konkreten Manifestation. Die symbolisch beladenen Dinge lagern sich dort ab. Oder sie werden inszeniert. Die Parallelführung ist offenkundig und doch nicht aufdringlich. So zwangsläufig, wie die beiden Brüder zum Sammelbecken werden, so zwangsläufig werden sie selbst zu Sammlern.

Mit der ganzen Welt im Clinch

Die Welt da draußen erklärt Homer und Langley den Krieg. Die Nachbarn beschweren sich über den Schandfleck im Viertel; mit der Telefongesellschaft liegt man im Clinch; irgendwann werden auch Gas und Wasser abgestellt. Kinder werfen Steine gegen die ganz unamerikanisch mit Fensterläden verrammelten Fenster; die Presse beginnt, sich für das kuriose Duo zu interessieren, und Langley kommt zu der für ihn ernüchternden und (zu) späten Erkenntnis, dass er für sein Projekt auf die Informationen jener ekelerregenden Menschen angewiesen ist, die permanent falsche Informationen über ihn selbst verbreiten: Journalisten.

„Homer & Langley“ ist ein düsteres und faszinierendes Buch; ein Roman, der aus der Schwärze der Blindheit heraus Konturen und Facetten entfaltet. Vom Gefühl des Ausgesetztseins, der Machtlosigkeit erzählt Doctorow in schnurgraden pathosarmen und reflexionsreichen Sätzen. Der blinde Erzähler ist eine Verweigerung, sich den manipulierenden Bildern der Unterhaltungsindustrie und der offiziellen Geschichtsschreibung zu unterwerfen.

Stattdessen berichtet Doctorows Homer Collyer aus der nur zum Teil selbst gewählten Hölle der Einsamkeit heraus, die er selbst als solche aber gar nicht sehen kann: „Ich würde sagen, mir fehlte nichts – es ging mir gut, ja, es war mir nie besser gegangen.“ Das ist von außen betrachtet so perfide, wie es von innen heraus wahr ist.

E.L. Doctorow: Homer & Langley. Roman. A. d. Engl. von Gertraude Krueger. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2011, 220 S., 18,95 Euro.

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