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Dmitry Glukhovsky Interview „Facebook ist die moderne Form des Samisdat“

Der Schriftsteller Dmitry Glukhovsky, bisher mit Science-Fiction erfolgreich, zieht von der Utopie in die Realität um und findet in Russland Machtmissbrauch und Korruption vor.

Dmitry Glukhovsky
„Die Russen haben diese Illusion, zur Weltmacht zurückzukehren“, sagt Dmitry Glukhovsky. Foto: Jörg Schulz

Ein Mann kommt nach Jahren der Haft zurück in seine Heimatstadt Moskau. Dort trifft er auf denjenigen, der ihn unschuldig in die Fänge der Justiz brachte: Ein korrupter Polizist der Drogenfahndung, der die Macht auf seiner Seite weiß. In Dmitry Glukhovskys Roman „Text“ wird der ehemalige Häftling bald mehr und mehr mit seinem Peiniger verschmelzen – und so in ein Netz aus Korruption und Machtanmaßung gelangen. Die Botschaften auf dessen Smartphone sind der Schlüssel dafür. So begibt sich der durch die „Metro“-Trilogie berühmt gewordene Autor mitten in die russische Gegenwart.

Herr Glukhovsky, Sie schildern die russische Gesellschaft heute als korrupt und verlogen, leben aber weiterhin als Schriftsteller in Moskau. Wie frei ist die Kunst heute in Russland?
Das ist eine große Frage gleich zu Beginn. Sie ist nicht so frei. Wir sehen, dass Regisseure wie Kirill Serebrennikow entweder verhaftet oder unter Hausarrest gehalten werden. Oder denken Sie an Pussy Riot. Aber ganz unfrei ist die Kunst auch nicht. 

Wie man an Ihnen sehen kann.
Ich greife nicht Putin direkt an, aber das korrupte System, dieses Kastenwesen, das wir jetzt haben. 

Kasten kennt man aus Indien. Was meinen Sie?
Es gibt auf der einen Seite die macht- und rechtlosen Bürger und auf der anderen die Machthaber, die ihre Willkür gegen jene richten. Davon schreibe ich, und das konnte ich ohne Zensur auf Russisch veröffentlichen. Jetzt sind die Filmrechte verkauft worden und sogar der erste Kanal des russischen Fernsehens will sich daran beteiligen. Russland ist eben ein sonderbares Land. 

Weil Verbote und Erlaubnisse so eng beieinander liegen?
Ja. Und es gibt es auch Autoren mit extremen Ansichten. Literatur ist nicht per se gut, demokratisch: Nehmen wir Sachar Prilepin, der jetzt als Guerillachef im Donbass tätig ist. 

Das ist ein Nationalist?
Ja, ein sowjetischer Nationalist. Und Leute wie er bekommen eine deutliche Unterstützung vom Staat, aus seinen Büchern wird sogar in den Nachrichten zitiert.

Übernimmt die Literatur wieder diese Rolle wie in der Sowjetunion, da die Leute in Büchern suchten, was ihnen die Presse verschwieg?
Literatur hat nur eine kleine Bedeutung für den Staat, weil heute nicht mehr viele Leute lesen. Im Vergleich zu Dutzenden Millionen Fernsehzuschauern tagtäglich wird ein Bestseller in Russland heute in rund 100.000 Exemplaren pro Jahr verkauft. Es gibt fünf oder sechs Schriftsteller, die sich offen politisch äußern und ihre Ansichten in die Bücher fließen lassen wie Boris Akunin, Ljudmilla Ulitzkaja oder Wladimir Sorokin. Im Fernsehen oder in einer Zeitung kann man kaum etwas Politisches ernsthaft besprechen. Sie sind von Kreml-Trolls dominiert, von Propagandisten. Heute, glaube ich, übernimmt Facebook die Rolle der Küchengespräche, die wir zu Sowjetzeiten hatten. Die Intelligenzler, die sich früher in den Wohnküchen trafen, die verständigen sich jetzt über Facebook. Dort werden sogar Texte öffentlich, die nicht gedruckt werden können – es ist die moderne Form des Samisdat. 

Im Buch nennen Sie das VKontakte. 
Oh nein, das darf man nicht verwechseln! VKontakte oder vk.com ist das russische Pendant zu Facebook, viel einflussreicher dort, überhaupt in Osteuropa. Die kooperieren sehr herzlich mit dem FSB, also dem Geheimdienst. Es gab schon einige Prozesse wegen oppositioneller Posts. Das passiert bei Facebook nicht. 

Ihr Roman lebt von diesen modernen Kommunikationsmitteln, sie bilden die Struktur des Romans. Wie nutzen Sie selbst das Smartphone?
Natürlich habe ich alle meine Kommunikation darin, in Whatsapp, Telegram oder einfachen SMS. Durch das Handy schaffen wir heute unsere romantischen Romane, alle Verführungen sind darin, auch Verrat. Meiner Meinung nach ist es ein Speicher für die Seele. Jedes Mal, wenn du was Schönes siehst oder Freude fühlst, musst du unbedingt ein Foto machen oder ein Video drehen. Alles, was uns wirklich interessiert, finden wir darin.

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