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Dieter Lattmann Ein pragmatischer Idealist

Zum Tod des Schriftstellers und Politikers Dieter Lattmann.

Dieter Lattmann
Der Schriftsteller Dieter Lattmann ist gestorben. Foto: dpa

Die Erfahrungen des eigenen Lebens, darin unterschied er sich nicht von anderen Schriftstellern, waren für Dieter Lattmann naturgemäß eine wichtige Quelle für sein literarischen Schaffen. Ungewöhnlich ist indes, dass der 1926 in Potsdam geborene Enkel des völkischen Politikers und Reichstagsabgeordneten Wilhelm Lattmann in seinen Büchern oft sehr nah an seinen biografischen Stationen blieb.

Von 1972 bis 1980 war Lattmann als Abgeordneter der SPD Mitglied des Deutschen Bundestags, und in seinem 1981 erschienen Buch „Die lieblose Republik“ reflektierte er diese Zeit in einer Mischform aus Tagebucheinträgen und literarischen Impressionen. „Lattmanns Aufzeichnungen“, schrieb Jürgen Leinemann seinerzeit in seiner Rezension im „Spiegel“, „heben sich durch einen ungewöhnlichen Grad an stimmiger Stimmung von vielen anderen Berichten aus Bonn ab. Das ist wohl aus dem inneren Zweikampf zu erklären, den der Autor in seiner Doppelgemeinschaft als Literat und Politiker vorführt.“

Diese Doppelgemeinschaft blieb prägend bis zuletzt, auch wenn Dieter Lattmann in der öffentlichen Wahrnehmung vor allem als schriftstellernder Funktionär in Erinnerung bleiben wird, dessen intellektuelle Prägephase in die Zeit fiel, als Willy Brandt zur Symbolfigur einer zumindest vorübergehend als geglückt empfundenen Allianz zwischen Geist und Macht wurde.

Die persönliche Bekanntschaft mit Willy Brandt, Heinrich Böll und Günther Grass dürfte auch entscheidend für Lattmanns politische Aktivitäten gewesen sein, in denen er sich den Ruf erarbeitete, ein pragmatischer Idealist zu sein. Zusammen mit dem erst kürzlich im Alter von 91 Jahren verstorbenen früherem Arbeitsminister Herbert Ehrenberg (SPD) setzte Dieter Lattmann die prinzipiellen Überlegungen von einer notwendigen finanziellen Absicherung künstlerischer Berufe in ein Gesetzesvorhaben um, das schließlich in die noch heute gültige Form der Künstlersozialversicherung mündete. Außerdem war Lattmann Mitbegründer des Verbands Deutscher Schriftsteller (VdS), dessen Vorsitz er von 1969 bis 1974 innehatte. Wann immer es ihm nötig schien, die „Einigkeit der Einzelgänger“ (2006) zum Eintreten für soziale Belange zu formen, trug Dieter Lattmann stets auch das organisatorische Know-how dazu bei.

Auch in seinem letzten Buch wich Lattmann nicht von dem Prinzip ab, das Erlebte ganz unmittelbar zu verarbeiten, diesmal auf beinahe existenzialistische Weise. In „Es will Abend werden“ schildert Lattmann den Umzug mit seiner Frau in ein Münchner Seniorenwohnheim. Mit 85, als er „einen Zentnersack nicht mehr heben und den Efeu an der Garage nicht mehr schneiden konnte“, sei es an der Zeit gewesen. Nun ist Dieter Lattmann im Alter von 92 Jahren gestorben.

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