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Dieter Henrich „Sein und Nichts“ Philosophierende Dichter

„Von nun an konnt’ ich nichts mehr denken, was ich zuvor dachte“: Der Philosoph Dieter Henrich erkundet in seinem äußerst reichhaltigen Buch „Sein und Nichts“ die Gedankenwelten von Beckett und Hölderlin.

25.07.2016 18:57
Von Otto A. Böhmer
Sein! "Glückliche Tage" am Wiener Akademietheater, mit Jutta Lampe als Winnie. Foto: REUTERS

Manchmal schauen wir ohne Absicht und erhalten schon das Ganze. Aus dem Bannkreis eines Anblicks, der nicht für uns erdacht wurde, ergibt sich das Innige und Wahre. Eine andere Welt als die offensichtliche tut sich auf; sie ist mehr zu erahnen, als dass sie nachzuzeichnen oder zu bewahren wäre. Denn auch das große, das erhabene Bild unterliegt der Zeit, die an jedem ihrer geglückten Momente zwar die Ewigkeit hat, in ihrem gewöhnlichen Verlauf jedoch das Wissen am Vergessen bemisst.

An dieser Stelle, in eher vagem als genau zu bemessenden Zusammenhang, kann es sein, dass Dichter auf Philosophen treffen und ins Gespräch kommen. Das geschieht zumeist zögerlich, kann dann aber in einer Weise fruchtbar werden, die sogar das Unerhörte und noch nicht Bedachte mit anklingen lässt.

Über ein Gespräch unter Dichtern, die, unberührt von zeitlichen Distanzen, auf ihre Art auch Philosophen waren, berichtet der Philosoph Dieter Henrich, einer der großen Idealismus-Kenner hierzulande, der seinem eigenem Welt- und Ich-Verständnis treu bleibt, obwohl oder gerade weil ihm manche seiner Kollegen, die gern auf der philosophischen Überholspur unterwegs sind, kaum mehr zu folgen vermögen.

Der Ausgangspunkt seines neuen, ungemein reichhaltigen Buches „Sein und Nichts“, das, so der Untertitel, „Erkundungen um Samuel Beckett und Hölderlin“ verspricht und dem Autor, wie er freimütig einräumt, deutlich umfangreicher als geplant geraten ist, verweist auf eine Konstellation, die unspektakulär anmutet und es doch in sich hat: „Beckett und Hölderlin waren beide philosophierende Dichter.

Sie haben selbst ihr literarisches Werk in eine Beziehung zu philosophischen Grundgedanken gebracht – und zwar zu Gedanken, deren Wahrheitsgehalt sie erwogen hatten, so dass sie ihn dann mit Nachdruck vertreten konnten.“

Beckett als Hölderlin-Leser

Beckett, der „Deutsch im Selbststudium“ lernte und es „bis zum flüssigen Schreiben in dieser Sprache“ brachte, war beizeiten mit Hölderlins Gedichten bekannt geworden, aus denen er, auf Wunsch, eigenwillig pointierte Passagen zitieren konnte, die listig versteckte Hinweise auf eine Existenzmetapher enthielten, der er in jungen Jahren wenig, später dafür um so mehr abgewinnen konnte: – das Nichts, dem Hölderlins Freund Hegel zuvor noch das Gewicht genommen hatte, indem er es kurzerhand dem Sein anverwandelte.

Tatsächlich argumentierte Hölderlin, der zwischenzeitlich mit Planspielen umging, die Dichtkunst ruhen zu lassen und selbst zum studierten Philosophen zu werden, von der Gegenseite, dem Sein, her und ließ nicht ab, nach einem Unvordenklichen zu suchen, dem das Denken, bestenfalls, nahekommt, ohne es je übersteigen zu können.

Wie man den Grund, der uns trägt, letztlich nennt, bleibt uns selbst überlassen: Wir können dafür, einmal mehr, Gott aufrufen oder eben, weitab von metaphysischen Personalakten, das Sein bemühen, an dem wir spätestens dann nicht mehr teilhaben, wenn es sich, wie wir selbst, ins Nichts absetzt.

Es ist ein Verdienst von Henrichs Buch, das es eine Fülle ambitionierter Überlegungen anbietet, dem Leser aber auch immer wieder Angebote zur Güte macht, indem es, dank nützlicher Zusammenfassungen, die den einzelnen Kapiteln vorangestellt sind, Besinnungspausen einräumt.

Henrich weiß, dass es eine altbewährte Widersprüchlichkeit auszuhalten gilt, nämlich „beides zugleich denken zu müssen: zum einen, dass alles, was wir sind, in dem Absoluten gegründet ist, und dass uns dieses Absolute niemals zur Gänze einsichtig werden kann; und zum anderen, dass sich jegliches Absolute überhaupt nur von uns selbst her und in einer Beziehung erschließt, die für unsere Selbstverständigung zentral ist. (…) Am Ende bringt sich die Reflexionsstufung selbst noch vor die Frage, ob sie einer Vergewisserung aufhelfen kann oder ob mit ihr die Möglichkeit einer Option für die Nichtigkeit des Lebens ein Weg bereitet worden ist.“

Ob richtig oder nichtig: Das Leben will angenommen sein, was, genauer besehen, auf ein Selbst verweist, das nicht selbständig, sondern abhängig beschäftigt ist; eine Einsicht, die verstörend anmutet, aber auch Zuspruch bedeuten kann: „Von nun an konnt’ ich nichts mehr denken, was ich zuvor dachte“, schrieb Hölderlin, „die Welt war mir heiliger geworden, aber geheimnisvoller. Neue Gedanken, die mein Innerstes erschütterten, flammten mir durch die Seele. Es war mir unmöglich, sie festzuhalten, ruhig fortzusinnen ... Wir sind nichts; was wir suchen, ist alles.“

Dieter Henrich: Sein oder Nichts. Erkundungen um Samuel Beckett und Hölderlin. C.H. Beck, München 2016. 495 S., 39,95 Euro.

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