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Dieses Gefühl der Vergeblichkeit

Irene Moessinger, Hausbesetzerin, Tempodrom-Gründerin, hat ihre Autobiografie veröffentlicht.

Irene Moessinger
Irene Moessinger bei der Grundsteinlegung des neuen Tempodroms. Foto: imago

Wir haben eine neue Autorin. Irene Moessinger heißt sie. Richtig, die Frau, die 1980 in Berlin das Tempodrom gründete und damit zuerst der Alternativszene und bald ganz Berlin einen Ort bot, an dem die alte Kunst der Gaukler wieder-, nein neu belebt wurde.

Jetzt ist ihre Autobiografie erschienen. Mehr als vierhundert Seiten. Kein Namensregister. Fürs Nachschlagen also schwierig. Freilich gibt es ein sehr detailliertes Inhaltsverzeichnis, das denen die Arbeit erleichtert, die das Buch nicht lesen, sondern nur darin nachschlagen mögen, wie Irene Moessinger zum Beispiel über die Entstehung des Tempodrom oder auch ihre Vertreibung daraus, schreibt.

Ich bin kein Kenner der Auseinandersetzungen um das Tempodrom, kann also nicht beurteilen, ob alles stimmt, was sie schreibt, aber sie schreibt es so auf, dass ich es interessierter verfolge, als ich es mit den Zeitungsberichten darüber tat. Das Gericht beendete die Prozesse, die gegen Moessinger und ihren Partner wegen des Verdachts der Untreue angestrengt worden waren, mit einem Freispruch wegen erwiesener Unschuld. Mehr geht nicht.

Wer auf Stellenjagd geht, der wird auf Seite 222 fündig werden. Zwei Genossen der terroristischen „Bewegung 2. Juni“ zeigen Irene Moessinger und ihrem Freund, wie man mit einer Waffe umgeht. Wie sie in diese Situation kommt, macht sie nicht deutlich. Sie habe im besetzten Rauch-Haus zu der Fraktion gehört, die „politische Arbeit in den Betrieben propagierte“, berichtet sie. Und sie fügt hinzu: „Unsere politischen Aktivitäten hielten sich in Grenzen. Wir setzten eine zusätzliche Raucherpause durch und erreichten, dass die Arbeiterinnen im betriebseigenen Pool, der nur für die Geschäftsleitung und leitende Angestellte zugänglich war, einmal die Woche planschen durften.“ Nachdem sie dergestalt den Klassenkampf vorangetrieben hatte, kündigte sie.

Das hört sich, sagen Sie, nicht nach einer Autorin an. Sie haben recht. Wer in dem Buch nur nachschlägt, der entdeckt seine Qualität nicht. Irene Moessinger fährt über weite Strecken ihr Leben entlang, wie ein im Lesen noch ungeübtes Kind mit dem rechten Zeigefinger ein Wort nach dem anderen aufruft. Das passiert ihr gerade dort, wo es für die Außenstehenden am interessantesten scheint. Aber selbst da wird, lässt man sich ein auf Moessingers Schilderungen, sehr viel deutlich von der Zeit und auch vom spezifischen Milieu der besetzten Häuser. Man ahnt die Sehnsucht nach neuen Lebensentwürfen, nach größerer Nähe zueinander und man erfährt, ohne dass Moessinger das sagt, wie beides scheitert. Moessinger erkrankt schwer. Lymphkrebs. Sie sagt den Genossen nichts. Am Ende schläft ihre Mutter im Krankenhaus neben ihr auf dem Boden, ihre Schwester, ihr Vater kommt. Da sind sie alle, vor denen sie geflohen war ins neue Leben nach Berlin.

Das alternative Leben war zu viel für sie geworden. Zu viele, die an zu vielen Enden an ihr zerrten. Ihre Mutter, die sie einst, obwohl sie schreiende Angst vor Pferden hatte, mit einer Peitsche zum Reiten zu zwingen versuchte, war wohl wiedergeboren in der Kreuzberger Szene, die keine Schüchternheit, kein Treuebedürfnis duldete, sondern restlosen Einsatz – sei es im bewaffneten Kampf oder für die Arbeiterbewegung – und Lust an der Promiskuität einforderte. Ich weiß nicht, ob jemand, der damals nicht dabei oder doch aus großer Nähe zugeschaut hat, versteht, wovon Irene Moessinger berichtet. Aber keine Chance hat, wer nur die Stellen nachschlägt. Denn er begreift nicht, woher sie kam. Wie sie dort landete.

Irene Moessinger wurde 1949 geboren. Ihre Mutter zog mit ihr und ihrer Schwester nach Spanien. Dort verlebte sie ihre Kindheit. Am Meer und im Freien. Wer selbst alt ist und das Buch ganz altmodisch am Anfang beginnt und es zugleich ganz modern liest mit einem ständigen Blick auf Google und Wikipedia, der wird nur langsam vorankommen. Denn er wird sich erinnern.

So wie Irene Moessinger es tut. Sie ist nach Jahrzehnten zurückgekehrt ins völlig veränderte Torremolinos. „Ein Brunnen an der Straßenecke erregt meine Aufmerksamkeit. Drei junge Männer trinken hintereinander das Wasser, spritzen sich das kühle Nass ins Gesicht und lachen miteinander. Plötzlich überkommt mich eine innere Erregung. Eine Erregung, hervorgerufen durch ein Wiedererkennen. Das ist der Brunnen, aus dem früher alle ihr Wasser geholt haben, an dem wir unser Pferd getränkt haben.“

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