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Die Theorie des mörderischen Wahns

Das Institut zur Erforschung der Judenfrage in Frankfurt am Main sollte die Hohe Schule der NSDAP begründen / Von Ernst Piper

12.10.2005 00:10

Im Januar 1940 erhielt der Chefideologe Alfred Rosenberg von Adolf Hitler den Auftrag, eine Hohe Schule der NSDAP zu errichten. Eine nationalsozialistische Eliteuniversität sollte entstehen. Als erste Einrichtung dieser Parteihochschule wurde am 26. März 1941 in Frankfurt das Institut zur Erforschung der Judenfrage eröffnet. Man wählte dafür den Bürgersaal im Römer. Ursprünglich hatte Rosenberg folgende Idee gehabt: "Die Tagung ist so gedacht, dass im Römersaal die Eröffnung der Bibliothek verkündet wird, wobei mir das Palais Rothschild zu treuen Händen des Institutes mit übergeben wird. Diese symbolische Geste soll bedeuten, dass von Frankfurt a. Main aus die Macht der Rothschilds ausgegangen ist und hier in einem symbolischen Akt ihr Ende findet." Dieser symbolische Akt hätte dem Reichsleiter gewiss gefallen, grundsätzlich wäre er auch möglich gewesen. Maximilian von Goldschmidt-Rothschild hatte sich 1938 gezwungen gesehen, das Rothschild-Palais in der Bockenheimer Landstraße 10, das Rosenberg wohl meinte, weit unter Wert an die Stadt zu verkaufen, aber die Räume wurden an Wohnungssuchende vermietet und das Institut musste sich mit Räumen in der Bockenheimer Landstraße 68-70 begnügen.

Am 26. März 1941 versammelte man sich um zehn Uhr vormittags zur feierlichen Institutseröffnung im Frankfurter Römer, lauschte den Begrüßungsansprachen des Gauleiters und des Oberbürgermeisters Friedrich Krebs sowie der Ouvertüre zu Beethovens "Coriolan". Dann sprach Alfred Rosenberg über "Nationalsozialismus und Wissenschaft". Wilhelm Grau, der Direktor der neuen Einrichtung, hielt den Hauptvortrag über "Die geschichtlichen Lösungsversuche der Judenfrage". Er begann mit der Feststellung, dass die Judenfrage ihren "erbitterten Charakter" daher habe, dass die Juden allem Nichtjüdischen "mit einer abgrundtiefen Feindschaft" gegenüberstehen. Grau machte einen Streifzug durch die letzten 2000 Jahre und wollte dabei drei verschiedene Formen der Reaktion auf die jüdische Minderheit bei den nichtjüdischen Gemeinschaften erkennen: die "Aufsaugung", also die Assimilation, die aber zum Scheitern verurteilt sei, die "Abschließung", also Ghettoisierung, und schließlich die "Aussiedlung". Diesen Weg sei Europa oft gegangen, er sei der einzig mögliche. Grau schloss mit der Feststellung: "Das 20. Jahrhundert, das an seinem Beginn den Juden auf dem Höhepunkt seiner Macht gesehen hat, wird am Ende Israel nicht mehr sehen, weil es aus Europa verschwunden sein wird." Dem Vortrag folgten "Führerehrung" und Gesang, dann ging man zum Mittagessen in den Frankfurter Hof, wo es auch einen Empfang für die in- und die ausländischen Ehrengäste gab. Der slowakische Innenminister war gekommen, ein Staatssekretär aus Ungarn, Abgesandte aus Italien und Bulgarien. Wirklich prominent war nur der Norweger Quisling. Insgesamt keine allzu illustre Runde. Auch die inländischen Ehrengäste, immerhin 300 an der Zahl, stammten eher aus der zweiten, wenn nicht dritten Reihe, denn die Großen des Reiches empfingen zur selben Stunde den japanischen Außenminister in Berlin. So musste man sich in Frankfurt mit "verantwortlichen Männern aller Reichsdienststellen und der Gliederungen der Bewegung" begnügen. Besser vertreten war die Welt der Wissenschaft mit einer Reihe von Hochschulrektoren sowie den bedeutenden Anthropologen Eugen Fischer und Otmar von Verschuer. Auch Hans F.K. Günther, der "alte Vorkämpfer des Rassegedankens", war anwesend.

Am 27. März begann die Arbeitstagung. Der Publizist Giselher Wirsing, der nach dem Krieg viele Jahre Chefredakteur der Wochenzeitung Christ und Welt war, sprach über die Judenfrage im Vorderen Orient, danach Klaus Schickert über Südosteuropa. Am Nachmittag folgten die brisanteren Referate, über eine "europäische Gesamtlösung der Judenfrage", wobei Peter-Heinz Seraphim die wirtschaftlichen Aspekte beleuchtete und Walter Groß, der Leiter des Rassenpolitischen Amtes der NSDAP, über die "rassenpolitischen Voraussetzungen" sprach. Damit war gemeint, dass die "Aussiedlung" der Juden in kein europäisches Land möglich sei, da die Juden für alle Völker Europas "im gleichen Maße rassefremd" seien. Auch Seraphim diskutierte die Alternativen Dissimilation, Ghettoisierung und Auswanderung aus Europa und hielt in der Konsequenz "eine geschlossene Auswanderungsaktion der Juden aus Europa" für unumgänglich. Alle diese Äußerungen, über die in der Presse breit berichtet wurde, waren geeignet, die Bevölkerung auf die Deportationen, die im Herbst dann auch in Deutschland einsetzten, einzustimmen.

Am 28. März kamen schließlich die ausländischen Gäste zu Wort. Sie stellten sich - wer hätte es gedacht - "geschlossen" hinter die Forderung nach einer europäischen Lösung und hofften, dass sich "auch für ihre Nationen weitreichende Möglichkeiten einer befriedigenden Klärung des jüdischen Problems in Europa ergeben". Höhepunkt und Abschuss der Tagung sollte Alfred Rosenbergs großer Vortrag "Die Judenfrage als Weltproblem" sein, doch der Reichsleiter war inzwischen nach Berlin abgereist. Rosenberg musste seine Rede deshalb dort halten. Sie wurde von allen deutschen Rundfunksendern übertragen und konnte so auch in Frankfurt gehört werden. Die Rede erschien in leicht gekürzter Form im Völkischen Beobachter, natürlich im Weltkampf, der Zeitschrift des Instituts, und wenig später auch als eigenständige Veröffentlichung, war also auf weiteste Verbreitung angelegt.

In diesem Text sagte Rosenberg schon sehr viel deutlicher als früher, was das Ziel nationalsozialistischer Politik war: "Die Judenfrage, die als Aufgabe seit 2000 Jahren den Völkern Europas gestellt und nicht gelöst wurde, wird nunmehr durch die nationalsozialistische Revolution für Deutschland und für ganz Europa ihre Lösung finden!" Diese Drohung war nicht zu unterschätzen. Rosenberg begnügte sich nicht mehr mit den üblichen Klagen über den alljüdischen Triumph im Ersten Weltkrieg, die jüdische Zinsknechtschaft usw. Er propagierte die völkische Exklusion als Projekt "nationaler Sauberkeit", wobei die Schlussfolgerung nicht überraschend war: "Für Europa ist die Judenfrage erst dann gelöst, wenn der letzte Jude den europäischen Kontinent verlassen hat." Rosenebergs mit einigem Aufwand weit verbreitete Rede vom 28. März 1941 ist ein wichtiges Bindeglied zwischen dem Verbalradikalismus der antisemitischen Rhetorik der frühen Jahre und den beispiellosen Vernichtungsaktionen der späten.

Ein Forschungsinstitut brauchte natürlich ein Publikationsorgan. Rosenberg verhandelte darüber mit Max Amann, dem Geschäftsführer des nationalsozialistischen Eher Verlags. Zunächst richteten sich seine Hoffnungen auf den Stürmer. Julius Streicher war im Vorjahr vom Obersten Parteigericht aller Parteiämter enthoben worden, da angesichts seiner hervorgehobenen Stellung seine fundamentalen charakterlichen Defizite verbunden mit erheblichen pathologischen Neigungen allzu offen zu Tage lagen. Hitler hatte zwar aus alter Anhänglichkeit verfügt, der faktisch entmündigte und unter Hausarrest stehende Streicher dürfe den Stürmer weiter herausgeben, trotzdem kursierten Gerüchte, man bemühe sich, "den 'Stürmer' in andere Hände zu bringen". Doch davon war sehr bald keine Rede mehr und die Überlegungen konzentrierten sich auf eine Übernahme des Weltkampf, den Rosenberg einmal begründet hatte und der nun im Deutschem Volksverlag vor sich hindümpelte. Objektiv war der Weltkampf auch geeigneter als der Stürmer, denn Rosenberg wollte kein "billiges Massenerzeugnis", sondern er wollte sich mit der Judenfrage "peinlichst wissenschaftlich" auseinander setzen. Doch in seinem derzeitigen Zustand war der Weltkampf nicht attraktiv. Rosenberg machte deshalb einen neuen Verlag und eine neue Schriftleitung zur Bedingung, ein Wunsch, auf den Amann gerne einging, so dass der Weltkampf in den von ihm geleiteten Eher-Konzern wechselte, der damals den Pressemarkt zu etwa 75 Prozent beherrschte. Der Weltkampf sollte nun "als eine große zentrale Zeitschrift für die Judenfrage in Vergangenheit und Gegenwart ausgestaltet werden". In diesem Sinne empfahl Rosenberg zugleich, weitere Periodika zum Thema Judenfrage nicht zu genehmigen.

Dem Institutsdirektor Wilhelm Grau unterstanden 22 Mitarbeiter aus dem Amtsbereich Rosenbergs und sechs städtische Angestellte. Alfred Rosenberg hatte schon in seiner umfangreichen Stellungnahme zu den Forschungsaufgaben der Hohen Schule, die er im Mai 1940 an Heß gesandt hatte, ein Programm für das Frankfurter Institut entwickelt. Als erstes sollte ein "Talmud-Lexikon" erscheinen, Originaltext und Übersetzung nebst Erläuterung. Die Publikation erschien nie, galt andererseits schon im Dezember 1939 als druckreif, so dass die erste Publikation, das "Lexikon der Juden in der Musik", als Band 2 der Veröffentlichungen des Instituts gezählt wurde. Als drittes bemühte sich Elisabeth Frenzel, die dann nach dem Kriege mit "Daten deutscher Dichtung" hervortrat, um ein Lexikon jüdischer Schriftsteller. Diese Lexika sollten gemeinsam ein Handbuch der Judenfrage bilden. Der Gang der Dinge brachte es mit sich, dass man sich im Frühjahr 1944 genötigt sah, statt dessen ein Kleines Handbuch anzukündigen, das nur noch einen Band umfassen sollte: "Manuskript fertig: Ende 1945." Zur Zeit dieser optimistischen Ankündigung war Grau schon nicht mehr Direktor. Die Auseinandersetzungen zwischen Walter Frank, dem Direktor des "Reichsinstituts für die Geschichte des neuen Deutschland", und Wilhelm Grau waren immer weiter eskaliert. Frank hatte die führenden Männer in Partei und Staat mit einer Flut von Rundschreiben bedacht und wurde schließlich, im Dezember 1941, durch den Reichsminister für Erziehung, Wissenschaft und Volksbildung beurlaubt. Frank hatte seine Angriffe sofort nach Graus Dienstantritt intensiviert. Das rief unter anderem den obersten Parteirichter Walter Buch auf den Plan, der ein Parteigerichtsverfahren gegen Frank anregte, aber auch dessen Schwiegersohn Martin Bormann, der nun aktiv gegen Frank vorging. Doch Bormann war auch kein Freund von Grau und drängte Rosenberg, nach Franks Sturz auch ihn zu entfernen, denn durch Franks Rundschreiben sei nun einmal Graus Bindung an die katholische Kirche "weitesten Parteikreisen" bekannt geworden. Rosenberg leistete zunächst Widerstand. Doch in Kriegszeiten gibt es immer eine praktische Lösung für solche Konflikte. Graus u.k.-Stellung wurde aufgehoben. Rosenberg stellte ihm immerhin für die Zeit nach Ableistung seines Wehrdienstes einen Forschungsauftrag in Aussicht. Neuer Institutsleiter wurde Klaus Schickert, auch er ein Schüler von Karl Alexander von Müller.

Das "Reichsinstitut für die Geschichte des neuen Deutschlands" erholte sich von diesen Auseinandersetzungen nicht. Hatte die Forschungsabteilung Judenfrage bis dahin jedes Jahr ihre Sitzungsberichte publiziert, erschien nach 1941 kein weiterer Band. Das vom Propagandaministerium geförderte Institut zum Studium der Judenfrage, das, 1935 gegründet, 1939 in Antisemitische Aktion umbenannt wurde, war noch weniger geeignet, den Frankfurtern Konkurrenz zu machen. Und das 1939 gegründete Institut zur Erforschung des jüdischen Einflusses war eine kirchliche Einrichtung. So ist das Institut zur Erforschung der Judenfrage, der Bescheidenheit seines Arbeitsertrags zum Trotz, in jenen Jahren die unstreitig wichtigste Einrichtung gewesen, die sich "wissenschaftlich" mit dem Judentum auseinander setzte

Schon zu Beginn, als man über kaum mehr als 300 000 Bände verfügte, hatte Rosenberg von der größten Bibliothek der Welt zum Thema Judentum gesprochen. Bei Kriegsende war der Bestand auf schätzungsweise zwei Millionen Bände angewachsen. Die meisten Bücher wurden von den Amerikanern gerettet und, im Sinne einer wenigsten symbolischen Opferentschädigung, der Jewish Cultural Reconstruction Organization übergeben. So gelangten z.B. 400 000 Bücher, die mit dem Stempel "Sichergestellt durch Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg" versehen waren, schließlich nach Israel.

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