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"Die Terranauten" Der Öko-Skywalker

Umweltschutz in den entferntesten Galaxien: "Die Terranauten" werden wieder aufgelegt. Ein futuristisches Spiegelbild der BRD aus den 80er Jahren. Von Stefan Pannor

02.08.2009 00:08
Stefan Pannor
Unsere Zukunft aus brauner Bedrohung ... Foto: bastei

Als 1979 im Bastei-Verlag die Science-Fiction-Serie "Die Terranauten" startete, war die Zukunft ein eigenwilliges Ding. Der GAU im Atomkraftwerk Harrisburg war keine sechs Monate her, der gewaltige Erfolg von George Lucas' erstem "Star Wars"-Film schon wieder knapp zwei Jahre. Die wöchentlich erscheinenden "Terranauten" erwiesen sich als Versuch, den Eskapismus von "Star Wars" mit der allgegenwärtigen Angst vor Atomenergie und Umweltzerstörung zu kombinieren Öko-Abenteuer im All.

Knapp dreißig Jahre nach Erscheinen druckt der Mohlberg-Verlag "Die Terranauten" erstmals in Buchform nach. Rückblickend lassen sich die Romane vor allem als Ausdruck damaliger Befindlichkeiten lesen. Ein futuristisches Spiegelbild der BRD der späten siebziger und frühen achtziger Jahre.

Während die Serie äußerlich mit knalligen Covern und Titeln wie "Raumschiff der Rebellen" ganz auf der "Star Wars"-Welle mitschwamm, bekam der Leser für seine eine Mark und sechzig, die die Hefte anfänglich kosteten, eine ausgeprägte Anti-Utopie. Mehrere Autoren erzählten in einer durchgehenden Handlung den Kampf einer Gruppe Space-Ökos gegen die Allmacht wirtschaftlicher Konzerne, die sich anschicken, die gesamte Milchstraße beherrschen. Ziel ihrer Bestrebungen ist dabei die Erde, Heimat und Zentrum der Konzerne. Die ist ökologisch verwüstet und heruntergewirtschaftet, ein Planet der Massenarbeitslosen, die in einer endlosen Freizeitgesellschaft am ziellosen Existenzminimum leben. Das Wasser steht dem Planeten bis zum Hals: Durch Klimaveränderungen sind die Meeresspiegel angestiegen und haben die Küstenlinien drastisch verschoben.

Die Umwelt-Kämpfer der "Terranauten" waren keine Überhelden wie der unsterbliche "Perry Rhodan", dessen Abenteuer bereits seit 1961 wöchentlich erschienen. Die Figuren waren ganz normale Arbeiter, Weltraumfahrer, und ihre Organisation war eine reine Basisdemokratie, in der Aktionen vorher mehrheitlich beschlossen werden mussten. Es wehte mehr als nur ein Hauch von Gewerkschaftskampf und Studentenbewegung durch diese "engagierte, aber keineswegs linke SF" mit dem "Leitthema Widerstand", wie es im ursprünglichen Konzeptpapier zur Serie heißt.

Aber einen Helden brauchte man dann doch. David Gordon heißt er, der Öko-Skywalker: jung und blond und von Yggdrasil, dem Schicksalsbaum, dazu auserkoren, an der Spitze der Terranauten die Menschheit aus dem Kapitalistenjoch zu befreien. In weitaus den meisten Heften spielt er die Hauptrolle. Noch offensichtlicher werden die "Star Wars"-Parallelen bei Gordons Gegenspieler Max von Valdec. Als Großkapitalist steht dieser dem so genannten Konzil der Konzerne vor, der eigentlichen Regierung der Milchstraße. Zur Durchsetzung seiner wirtschaftlichen Ziele paktiert er mit den faschistoiden Grauen Garden, einer von Frauen geleiteten Armee. Natürlich trägt er bevorzugt schwarz.

Ausgedacht wurde das Konzept der Serie von den bewährten Heftschreibern Rolf Liersch und Thomas Mielke. Letzterer war zuvor an der Entwicklung der Überraschungseier beteiligt. Ein wenig wie Überraschungseier gerieten dann auch die einzelnen Hefte der Serie. Autoren wie der spätere "Perry Rhodan"-Chefautor Thomas Ziegler oder der heute als Science-Fiction-Autor und Terry-Pratchett-Übersetzer bekannte Andreas Brandhorst verdienten sich hier neben einigen eher mittelmäßigen Lohnschreibern ihre ersten Sporen.

Und so reichte die Qualität der Texte von niederstem Groschenheftniveau bis zu Anleihen bei Hemingway und Hesse. Gelegentlich holperten auch die Übergänge von einem Heft zum nächsten, und mitunter scheint ein Autor nicht so genau gewusst zu haben, was ein anderer tat. Andererseits waren "Die Terranauten" eine Spielwiese amüsanter Fabulierlust. Etwa wenn Valdecs futuristische Ausbeutungsmaschine und damit die Lenkzentrale der ganzen Milchstraße in Berlin sitzt, damals alles andere als ein Regierungssitz. Oder wenn Valdecs Firma fast wie eine bekannte Supermarktkette Kaiser-Konzern hieß, was die Autoren zu Pointen wie jener veranlasste, dass Kaiser schon wieder die Preise erhöht habe.

Das Spiel mit der ach so bundesrepublikanisch eingefärbten Zukunft dauerte nicht lange. 99 Hefte erschienen innerhalb weniger Jahre, später wurden noch zwei Handvoll Taschenbücher nachgeschossen. Geplante Neuauflagen in Buchform scheiterten immer wieder an den verzwickten Autorenrechten. Die offenbar erst jetzt der Mohlberg-Verlag aufgedröselt hat. Je drei Hefte in einem Buch will der Kleinverlag die Serie nachdrucken. Teurer ist die Utopie auch geworden: 17,90 Euro will der Verlag dafür haben.

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