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Die neue F-Klasse hat Startprobleme

Barbara Bierach erkundet, warum in deutschen Unternehmen fast nur Männer Top-Positionen einnehmen / Thea Dorn stellt erfolgreiche weibliche Rollenbilder vor

01.11.2006 00:11
ANTJE SCHRUPP

Thea Dorn:Die neue F-Klasse.Wie die Zukunft vonFrauen gemacht wird.Piper Verlag,München 2006,300 Seiten,14,90 Euro.

Barbara Bierach /Heiner Thorborg:Oben ohne. Warumes keine Frauen inunseren Chefetagengibt.Econ Verlag,Berlin 2006, 250 Seiten,18 Euro.

Frauen sollen zurück an Heim und Herd? Von wegen. Der weibliche Protest gegen die These vom Eva-Prinzip (Eva Herman) findet nun auch publizistischen Niederschlag. Die Wirtschaftsjournalistin Barbara Bierach ist der Meinung, dass es für die deutsche Wirtschaft nur eine Rettung gibt: mehr Frauen in Führungsetagen. Allerdings glaubt sie nicht, dass es vor allem Männerkumpaneien oder patriarchale Vorurteile sind, die den Aufstieg der Frauen ins Top-Management verhindern. Die Schuld liege vielmehr bei den Frauen selbst, die nicht ehrgeizig, aufstiegsorientiert, zielstrebig genug seien.

Schon 2002 hat Bierach das in ihrem Buch Das dämliche Geschlecht unmissverständlich formuliert. In Oben ohne nun unterfüttert sie diese These auf der Grundlage aktueller Statistiken und zahlreicher Interviews mit Managerinnen aus den oberen Etagen internationaler Unternehmen.

Im Mittelpunkt steht dabei der Vergleich der Karrieregewohnheiten deutscher Frauen mit denen im europäischen oder nordamerikanischen Ausland. Das Ergebnis ist wenig überraschend: Vor allem in der Haltung zur "Kinderfrage" unterscheidet sich Deutschland von den meisten anderen Industrienationen - nur hier gibt es Worte wie "Rabenmutter", ist die Kinderbetreuung völlig unzureichend und die Schule nur halbtags geöffnet. Zu Recht weist Bierach darauf hin, dass dieses Bild der "deutschen Mutter" nicht nur die Unternehmenskulturen, sondern auch das Selbstverständnis vieler Frauen prägt.

Ob das aber wirklich der wichtigste Grund für das Fehlen von Frauen im Top-Management ist, bleibt fraglich. Denn zwar dümpelt der Frauenanteil in Deutschlands Chefetagen tatsächlich irgendwo zwischen extrem niedrigen Null und fünf Prozent. Aber auch in den Vorständen US-Unternehmen ist er mit etwa 15 Prozent doch sehr weit von gleichberechtigten Verhältnissen entfernt.

Dass in den Vorbehalten nicht nur deutscher Frauen, ihre persönlichen Beziehungen und ihr Privatleben völlig den Anforderungen "der Wirtschaft" unterzuordnen, auch eine kritische Komponente liegen könnte, kommt Bierach aber gar nicht in den Sinn, da ist sie kategorisch: "Für jedes Spiel gibt es Regeln. Wer mitspielen will, muss sie kennen und sich nach ihnen richten."

Ihr stärkstes Argument, das auch von Personalberater Heiner Thorborg im Vorwort unterstützt wird, ist, dass die deutsche Wirtschaft die weibliche Beteiligung am Top-Management brauche, um langfristig konkurrenzfähig zu sein. Was Frauen selbst sich unter einer guten Welt überhaupt vorstellen, ist nicht von Interesse.

Konkurrenzfähig dank Managerin

Da geht Thea Dorn mit ihrem Buch Die neue F-Klasse - Wie die Zukunft von Frauen gemacht wird einen Schritt weiter. Auch sie stützt ihre These auf Interviews. Allerdings hat sie ihre Gesprächspartnerinnen nicht danach ausgesucht, ob sie nach herkömmlichem Maßstab wirtschaftlich erfolgreich sind, sondern sie wählte Frauen, denen es gelungen ist, ihren persönlichen Lebensweg nach eigenen Maßstäben zu gestalten, also das zu tun, was ihnen selbst am Herzen lag. Insofern kommt hier tatsächlich eine neue "F-Klasse" zu Wort. Ärgerlich ist nur, dass auch Dorn - wie Bierach - mit einem antifeministischen Gestus daherkommt. Nicht nur lässt sie ihre Gesprächspartnerinnen unwidersprochen platteste Klischees verbreiten wie das von den "singend und männermeuchelnd in die Emanzipationsschlacht ziehenden" Feministinnen (Maybrit Illner).

Sie findet auch gar auch nichts dabei, einen neuen Feminismus auszurufen, ohne sich im Mindesten auf die doch sehr differenzierte existierende feministische Ideenlandschaft zu beziehen - von einer studierten Philosophin darf man da mehr erwarten.

Stützt sich Dorns ganzes Wissen tatsächlich darauf, dass sie mal ein paar alte Ausgaben der Emma durchgeblättert hat? Oder erhofft sie sich mit dieser Pose einfach nur höhere Absatzzahlen? Indem sie wieder einmal glaubt, das Rad ganz neu erfinden zu müssen, tappt sie genau in jene Falle, in der sie - zu Unrecht - den traditionellen Feminismus wähnt: nur über die bestehenden Ungerechtigkeiten zu lamentieren, anstatt nach vorne zu schauen und die Welt zu gestalten.

Das tut aber der Tatsache keinen Abbruch, dass das Buch insgesamt höchst lesenswert ist. Mit ihrer Auswahl an Interviewpartnerinnen hat Dorn es tatsächlich geschafft, Rollenvorbilder zu finden und eine inspirierende "F-Klasse" zu präsentieren.

Nicht zufällig liefern dabei gerade jene Frauen, die ihre Karriere nicht in den Medien gemacht haben, die besten und interessantesten Interviews: Die Minenräumerin Vera Bohle etwa oder die Eiskletterin Ines Papert. Ohne in Klischees abzudriften oder hundertmal Gehörtes wieder aufzubrühen, erzählen sie aus ihrem Leben, von ihren Erfahrungen und reflektieren dies auf oft kluge Weise. Der authentische Gehalt der Gespräche selbst - und das betrifft nicht nur die Antworten, sondern auch Thea Dorns Fragen - macht das Buch trotz allem zu einem Gewinn.

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