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„Die Gabe“ Du bist so stark

Der Roman „Die Gabe“ kehrt auf aufregende Weise das Machtverhältnis zwischen den Geschlechtern um.

Contestants compete in the Amateur Women's Classic Bodybuilding competition at the FIBO 2011 sports trade show in Essen
Frauen als starkes Geschlecht? Kraft bedeutet Macht. Foto: rtr

Was wäre wenn? Was wäre, wenn Frauen das starke Geschlecht wären. Das ist das aufregende Gedankenspiel, das die 44-jährige britische Autorin Naomi Alderman in ihrem Roman durchspielt. Er passt wie die Faust aufs Auge in diese Zeit, weil er einem einen Stoß versetzt. Angenehmer Lesestoff ist es nicht. Aber höchst anregender, bedenkenswerter, hellsichtiger, jetzt, da die Verteilung der Macht im Geschlechterverhältnis ein Riesenthema ist. Sogar ein Weinstein kommt vor. Er ist eine Nebenfigur, ein Widerling, ein Verräter. Es ist nur der Name, an dem man hängenbleibt. Den Bezug zu der von diesem Namen geprägten Gegenwart hat man da längst hergestellt.

Bei den jungen Mädchen fängt es an. „Etwas geschieht. Ein kribbelndes Gefühl breitet sich über ihren Schultern aus, ihren Rücken, entlang des Schlüsselbeins. Es signalisiert ihr: Du kannst es. Du bist stark.“ Videos tauchen auf: In einem Supermarkt in Afrika streckt ein Mädchen einen Mann nieder, der sie belästigt hat. Sie legt ihm einfach ihre Hand auf den Arm. In einem Park greift ein Mädchen einen Jungen an, dass ihm Blut aus den Augenhöhlen strömt. Die Jungen behalten Narben zurück, die sich wie Blattwerk über ihren Körper ziehen. Wissenschaftler in Delhi entdecken als Erste einen muskelartigen Auswuchs über dem Schlüsselbein. Sie nennen ihn das Organ der Elektrizität oder einfach: den Strang. Mit ihm können die Mädchen Stromschläge versetzen, tödliche Schläge, auch strafende oder erregende, und sie können die Kraft auch bei älteren Frauen erwecken.

Die ersten Szenen, in denen diese neue Kraft eingesetzt wird, haben aufputschende Wirkung. Man geht durch die Straßen und stellt sich vor, man könnte das Recht der Stärkeren geltend machen. Was für ein Nervenkitzel.

In rasender Geschwindigkeit kehren sich  die Machtverhältnisse um, und es ist diese pure körperliche Stärke, die das bewirkt. „Die Gabe“ heißt der deutsche Titel des Romans. Der englische Titel trifft es in seiner Doppeldeutigkeit viel besser: The Power. Das kann Kraft, aber eben auch Macht heißen. Und einmal bedeutete Kraft Macht, und dieses Verhältnis hat sich tief und vielleicht unauslöschlich eingeschrieben in das menschliche Gewebe, auch wenn diese Art von Biologie in der heutigen Welt angeblich keine Rolle mehr spielt, spielen müsste, spielen sollte. Nicht nur #MeToo hat einen gelehrt, dass das nicht stimmt.

Aber Naomi Aldermans Buch lehrt einen noch mehr, und das ist das beste daran. Indem es das Machtgefälle umkehrt, es spiegelt, macht die Autorin einem bewusst, wie dieses auch im Kleinsten wirkt, wie es die Beziehungen zwischen Männern und Frauen selbst da prägt, wo man es gar nicht vermutet oder es so selbstverständlich ist, dass es einem nicht auffällt. Genial ist hier der Briefwechsel zwischen einem jungen Autor und seiner Mentorin, der er seinen – diesen – Roman zum ersten Lesen vorlegt, in den das Buch eingebettet ist. Unterwürfigkeit hier, sexuell aufgeladene oder anmaßende Anspielungen da. Aber alles so völlig im Rahmen, dass man vielleicht erst durch die Spiegelung wahrnimmt, wie widerwärtig das ist.

Die Macht verdirbt Männer und Frauen gleichermaßen

Vier Personen stehen im Mittelpunkt des Romans. Da ist Allie, das Waisenkind, das seinen Stiefvater umbringt, nachdem er sie wie schon so oft vergewaltigt hat. Als Mother Eve gründet sie eine christliche Kirche, der nicht der Vater, sondern die Mutter vorsteht. Da ist die ehrgeizige US-Politikern Margot, da ist Roxy, Tochter eines Londoner Gangsterbosses, dessen Geschäfte sie an sich reißt. Und da ist der Nigerianer Tunde, der als Journalist durch die Welt reist, um die Umbrüche zu dokumentieren, die die neue Kraft hervorbringt. Mit ihm geht man als Leser auf die Reise, nach Indien und Saudi-Arabien, wo sich Frauen zusammenschließen und Rechte fordern. Nach Moldawien, wo sich Hunderte Frauen befreien, die an Bordells im Westen verkauft werden sollten.

Doch dann zeigt sich, dass Frauen keine bessere Gesellschaft schaffen, dass die Macht sie genauso verdirbt wie die Männer. In den USA werden zwar Zentren gebaut, in denen Mädchen lernen, mit ihrer Kraft verantwortungsvoll umzugehen. Es entsteht aber auch ein Land in Osteuropa, in dem Frauen grausame Massaker an Männern verüben, wo ein Mann ohne eine Frau als Mentor nicht existieren kann.

Die Kritik in den USA und Großbritannien nennt Naomi Aldermans Buch eine Dystopie, eine negative Zukunftsvision. Aber all die Gewalt gegen das andere Geschlecht, Massenvergewaltigungen, Abtreibung weiblicher Föten, Verstümmelung von Sexualorganen gibt es ja wirklich. Naomi Alderman hat keine Dystopie entworfen, sie spiegelt die furchtbare Gegenwart.

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