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"Die Erfindung des jüdischen Volkes" Thesen ins Herz der Gesellschaft

Shlomo Sand beansprucht, die Existenz des jüdischen Volkes mit Mitteln der Dekonstruktion zu widerlegen. Dass er der Israel ins Herz trifft, beweist der Umstand, dass sein Buch dort wochenlang ein Bestseller war. Von Micha Brumlik

27.04.2010 00:04
Micha Brumlik
Early Zionist Pioneers Settle The Holy Land
Im neugegründeten Staat: Eine jüdische Familie im Dezember 1949 in ihrem Zelt im Einwandererlager Beit Lid. Foto: Zoltan Kluger/Getty Images

Im Gespräch über die deutsche Ausgabe seines Buches wurde Shlomo Sand plötzlich sehr lebhaft: "Ja" - er sprach in Wahrheit Englisch - "ja, ich bin Fallmerayer!" Dieser Name dürfte einem heutigen Publikum kaum geläufig sein - in der Mitte des 19. Jahrhunderts jedoch gehörte er zu den bestgehassten nicht nur des deutschsprachigen Bildungsbürgertums.

Jakob Philipp Fallmerayer (1790 - 1861) war ein österreichischer Altphilologe und Geograph, der wechselnde, meist kurzfristige Professuren innehatte, dem Frankfurter Paulskirchenparlament angehörte und mal als zaristischer Agent, mal als Gegner des russischen Reiches galt. Höchste Empörung löste seine 1830 erschienene "Geschichte der Halbinsel Morea während des Mittelalters" aus, in der er anhand von Orts- und Flussnamen den Nachweis erbringen wollte, dass die auf der Peloponnes ansässigen, Neugriechisch sprechenden Menschen keineswegs Nachfahren der antiken Hellenen waren, sondern die Nachkommen während des Mittelalters zugewanderter Albaner und Slawen.

Der Hass der gebildeten Welt, die sich im anti-osmanischen Engagement des Philhellenismus sammelte, war nur zu konsequent: Wenn die aufständischen Bewohner der griechischen Halbinsel nicht die Nachfahren Homers, Perikles´, der Tragödiendichter und Platons waren, dann konnte das Engagement zugunsten einiger renitenter Bewohner osmanischer Provinzen nicht mehr sein als die Einmischung in abgelegene provinzielle Auseinandersetzungen am Rande der zivilisierten Welt. Dem Philhellenismus von München bis London ging es jedoch um mehr: um die Wiedergeburt des klassischen Griechenland in der Moderne.

Tatsächlich versucht Shlomo Sand zu Beginn des 21. Jahrhunderts nichts anderes als der eigenwillige österreichische Tüftler im 19.: Will er doch nachweisen, dass das sowohl biblisch-theologisch als zeitgeschichtlich vor dem Hintergrund des Holocaust begründete Engagement für einen jüdischen Staat Israel der historischen Sache nach haltlos ist.

Auf Deutsch wird das tragende Gesetz des jüdischen und damit zionistischen Staates "Rückkehrgesetz" genannt, auf Hebräisch etwas bescheidener "Chok ha Schwut", was übersetzt nichts anderes heißt als "Niederlassungsgesetz". Es bestimmt, dass jede religionsgesetzlich als jüdisch definierte Person unmittelbar bei Einreise die israelische Staatsbürgerschaft erhalten kann. Seit dem Ende der Sowjetunion ist die Reichweite des Gesetzes auch auf nichtjüdische Verwandte solcher Immigranten ausgedehnt worden.

Das Gesetz lässt sich somit als Ausführung der Proklamationsurkunde des Staates Israel vom 15. Mai 1948 lesen, in deren ersten Zeilen es heißt: "In Erez Israel stand die Wiege des jüdischen Volkes; hier wurde sein geistiges, religiöses und politisches Antlitz geformt; hier lebte es ein Leben staatlicher Selbstständigkeit. Mit Gewalt aus seinem Lande vertrieben, bewahrte es ihm in allen Ländern der Diaspora die Treue und hörte niemals auf, um Rückkehr in sein Land und Erneuerung seiner politischen Freiheit in ihm zu beten und auf sie zu hoffen."

Sands Buch beansprucht nicht weniger, als diese Behauptung der Unabhängigkeitserklärung mit den Mitteln einer maßvollen Dekonstruktion zu widerlegen. Demnach gibt es erstens kein jüdisches Volk, das daher auch zweitens nicht aus seinem Land vertrieben werden konnte und somit drittens auch keinen moralischen oder rechtlichen Anspruch auf Rückkehr geltend machen kann. Vielmehr, meint Sand, handele es sich beim Konstrukt des jüdischen "Volkes" um eine typische Annahme des späten 19. Jahrhunderts, in dem Historiker allerorten historische "Ursprünge" ihrer meist sprachlich zusammengehaltenen Bevölkerungsgruppe gesucht und gefunden hätten: etwa Hermann den Cherusker als Urvater der Deutschen oder die Helden der Ilias und Odyssee als Ursprünge der eher balkanesischen Bevölkerung des heutigen Griechenland.

Sand, der in Tel Aviv Neuere Geschichte lehrt, benennt die nationaljüdischen, noch nicht explizit zionistischen Historiker Heinrich Graetz und Simon Dubnow als Urheber einer Geschichtsbetrachtung, die die Juden in kaum unterbrochener Kontinuität als ethnisches Kollektiv gezeichnet hätte, das sich seines Ursprungs im Judäa der augustäischen Zeit stets bewusst gewesen sei, und er versucht, diese Sicht zu widerlegen. Im Gegenzug haben ihm israelische Kritiker, etwa die Historiker Israel Bartal und Anita Schapira, vorgehalten, der zionistischen Geschichtsschreibung das Verschweigen wichtiger Tatsachen anzulasten - ein Missverständnis, denn die Raffinesse von Sands Beweisführung besteht gerade darin, die in der Öffentlichkeit übergangenen Ergebnisse gerade auch "zionistischer" Forschung erneut zu präsentieren.

Demnach gab es keine Vertreibung der Juden aus ihrem Land, da erstens schon zur Zeit des Zweiten Tempels die übergroße Zahl der Juden nicht in Judäa, sondern im gesamten Mittelmeerbecken lebte und die Römer zweitens, anders als die Assyrer, Juden weder beim ersten noch beim zweiten Aufstand im Jahre 70 und 132 deportierten. Gewiss: Viele kamen um und nicht wenige wurden nach römischem Brauch als Kriegsgefangene verkauft.

Abgesehen von dem Verbot für Juden, das nach 135 als Aelia Capitolina bezeichnete Jerusalem zu betreten, sind jüdische Siedlungen in Galiläa jedoch bis weit ins 6. Jahrhundert nachgewiesen. Zudem war schon die bedeutende "zionistische" Historiographie, etwa in Gestalt des Historikers Benzion Dinur, davon überzeugt, dass es - wenn überhaupt - eine Vertreibung von Juden aus Palästina frühestens seit der arabisch-islamischen Eroberung gegeben habe.

Diese These ließ sich allerdings tatsächlich nicht halten, heute nimmt man an, dass nach dem Joch der byzantinischen Unterdrückung die meisten Juden zum Islam konvertierten. Dieser Überzeugung waren jedenfalls der spätere israelische Staatspräsident Izhak Ben-Zvi und der spätere Premierminister David Ben Gurion, die noch 1929 ein Buch publizierten, in dem sie auf der Basis etymologischer Studien zu palästinensischen Ortsnamen die These vertraten, dass die dort lebenden Fellachen nicht die Nachfahren arabischer Eroberer, sondern jüdischer Bauern seien, die ihre Scholle nicht verlassen wollten.

Schließlich: Die vergleichsweise große Anzahl von Juden im Mittelalter, sowohl in Arabien, in Nordafrika als auch in Ostmitteleuropa erklärt Sand - auf auch von zionistischen Historikern nie bestrittene Quellen gestützt - damit, dass das antike und mittelalterliche Judentum eine missionarische Religion gewesen sei: Bekehrt wurden Berberstämme in Nordafrika, der Jemen kannte in der späten Antike ein jüdisches Königreich, und im Hochmittelalter traten - wie archäologische Grabungen auf Friedhöfen erhärten konnten - breite Teile des ganzen Turkvolkes der Khazaren zum Judentum über.

Sand ist der Überzeugung, dass die jiddisch sprechenden ostmitteleuropäischen Juden eher Nachfahren der Khazaren statt der nur wenigen aschkenasischen Juden sind, die vor Judenhass nach Polen flohen. Zur Abrundung dieses Arguments bemüht er die Forschungen eines Außenseiters: Der an der Universität Tel Aviv forschende Linguist Paul Wexler glaubt zeigen zu können, dass Jiddisch strukturell eine slawische und keine germanische Sprache ist.

All dies zusammen lässt keinen anderen Schluss zu, als dass das vermeintlich kontinuierliche jüdische Volk im Rahmen des schon biblischen Narrativs von Vertreibung und Wiederheimführung nichts anderes ist als ein geschichtsmächtiger Mythos, der mit der realen Geschichte der Juden nichts zu tun hat.

Sand hat seinem Buch als Motto eine Bemerkung des aus der Tschechoslowakei stammenden Politologen Karl Deutsch vorangestellt: "Eine Nation ist eine Gruppe von Menschen, die durch einen gemeinsamen Irrtum hinsichtlich ihrer Abstammung und eine gemeinsame Abneigung gegen ihre Nachbarn geeint ist." Den Begriff des Volkes betrachtet Sand daher differenziert: Indem er zwischen "Ethnos" als Herkunfts- und Abstammungsgemeinschaft und "Demos" als freiwilligem Zusammenschluss von Bürgern zur Gründung eines freien politischen Gemeinwesens unterscheidet, tritt er für ein Israel als Staat aller seiner Bürger und nicht als zionistischer Staat ein.

Sand hält sich in der Theorie für einen Radikalen, im Politischen für einen besonnenen Linken, der der linkszionistischen Meretzpartei und der Abgeordneten Sulamit Aloni nahe steht. Anders als der Mainstream des gegenwärtigen Linkszionismus jedoch gilt sein Interesse nicht vorrangig dem israelischen Rückzug aus den besetzten Gebieten, den er ohnehin für unentbehrlich hält, sondern der Entzionisierung des Staates Israel. Sand glaubt, dass - wenn dies nicht bald geschieht - im israelischen Kernland selbst ethnische Konflikte ausbrechen werden; aus der Erfahrung mit seinen arabischen Studenten glaubt er mitteilen zu können, dass sie sich immer mehr am Kosovo orientieren und mindestens in Galiläa einen eigenen arabischen Kleinstaat anstreben.

Wie realitätstauglich Sands politisches Streben ist, ob die israelischen Wähler unter dem Druck der amerikanischen Außenpolitik eine moderatere Regierung wählen werden - all das steht in den Sternen. Dass Sands theoretische Argumente die multikulturelle israelische Gesellschaft im Herzen getroffen haben, beweist der Umstand, dass sein Buch wochenlang auf den israelischen Bestsellerlisten stand.

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