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„Die Abenteuer der Cluny Brown“ Was die Lady nicht einmal denken kann

Margery Sharps scharfsinniger wie unterhaltsamer, im Original 1944 erschienener Gesellschaftsroman „Die Abenteuer der Cluny Brown“.

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Und schon wird Cluny per Zug aufs Land und in eine Stellung geschickt. Foto: afp

Wie Cluny Brown auf einen Anruf reagiert, der eigentlich für ihren Onkel Arn, den Klempner, bestimmt ist, das ist nicht nur Ende der 30er Jahre, sondern wäre auch noch in einem 2018 erscheinenden Roman ziemlich originell für eine blutjunge Frau: Cluny fährt selbst zum Anrufer mit dem verstopften Waschbecken, zieht ihren Mantel aus, rollt ihr Strümpfe bis unters Knie („Es waren nämlich ihre guten“), schraubt das Gewinde auf, holt allen Mist raus, schrubbt danach das Becken noch mit Vim. Der Mann mit dem verstopften Abfluss ist beeindruckt. Onkel Arn aber ist beunruhigt – noch mehr beunruhigt als nach Clunys eigenmächtigem Teetrinken im Ritz – und beschließt, sie solle nun Hausmädchen werden in einem Haushalt, in dem sie lernt, wo ihr Platz ist. Und schon sitzt Cluny Brown in einem Zug von London nach Friars Carmel in Devonshire. Denn: „Im Jahre 1938 war nichts einfacher, als dass ein Mädchen in eine gute Stellung ging.“

Die auf Fotografien selbst ungeheuer pfiffig aussehende Clara Margery Melita Sharp (1905–1991) hat Erwachsenenromane wie Kinderbücher geschrieben – Bernard und Bianca zum Beispiel sind ihre Kinderbucherfindung. Disney hat die cleveren Mäuse auf die Leinwand gebracht, Ernst Lubitsch persönlich hat 1946 einen „Cluny Brown“-Film gedreht. Und nun, da der Eisele-Verlag den gleichnamigen, 1944 erschienenen Roman unter dem deutschen Titel „Die Abenteuer der Cluny Brown“ neu und hübsch süffisant (von Wibke Kuhn) hat übersetzen lassen, kann man sich auch hierzulande von Margery Sharps Dienstmädchengeschichte sowohl aufs Geistreichste unterhalten, als auch einiges über soziale Unterschiede und Kriegssorgen erzählen lassen.

Cluny ist bestes Stubenmädchenmaterial dank gewisser Verzüge: „ihre Größe, ihre Unansehnlichkeit (dabei aber doch einen reinen Teint) und die völlige Ausdruckslosigkeit ihres Blicks.“ Sie landet also trotz einer durchaus verdächtigen Widerständigkeit auf Friars Carmel bei Lady Carmel, die ihren Garten selbstverständlich drei Jahre im Voraus plant, bei Sir Henry, der auf freundliche Weise nichts tut, und bei ihrem politisch interessierten Sohn Andrew, der wiederum aus London den polnischen Schriftsteller Adam Belinski mitbringt, denn „die polnischen Behörden rieten ihm dringend von einer Rückkehr nach Warschau ab“. Die Familie findet, dass Belinski gerettet werden muss und bietet ihm an, ruhig „ein paar Jahre“ zu bleiben.

Margery Sharp porträtiert mit feinem Spott und in makelloser Formulierung Mitglieder der britischen Aristokratie, die einerseits an der Welt vollkommen uninteressiert, aber doch auch großzügig und anständig sind.

Lady Carmel zum Beispiel käme gar nicht auf die Idee, den polnischen Bekannten ihres Sohnes wegzuschicken. Doch hört sie gar nicht hin, wenn er erklären will, was ihm zugestoßen ist: „Für ihre Wahrnehmung war es unerheblich, ob Mr. Belinski das Opfer einer Blinddarmentzündung oder eines gewalttätigen Mobs geworden war – Ersteres interessierte sie am Rande, aber an Letzteres konnte sie nicht einmal denken.“ Aber wie gern gewöhnt sich der „Professor“ (auch den Titel hat die Lady beschlossen) an gutes Essen, ein weiches Bett, Bedienung bis zur Wärmflasche jeden Abend.

Der Fremde und das neue Stubenmädchen, sie bringen den Haushalt schließlich ziemlich durcheinander. Cluny tut dafür gar nicht viel. Geht an ihrem freien Nachmittag mit dem Hund des Colonel, eines Nachbarn, spazieren – und begreift einmal mehr nicht, „wo ihr Platz ist“. Geht mit dem Dorfapotheker spazieren – und begreift nicht, was für ein Glück sie hat, als er ihr einen Heiratsantrag macht. Alle stellen sich schon auf die Hochzeit ein, nur eben Cluny Brown hat andere Ideen. Man hätte gewarnt sein müssen, da sich ihr Pferdeschwanz immer wie ein Fragezeichen kringelt.

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