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Deutschland / Polen Die geteilte Erinnerung

Zum Abschluss des Werks über die deutsch-polnischen Gedächtnisorte. An dem fünfbändigen Buchprojekt haben rund 130 Autoren mitgewirkt.

Am 1. September 1939 marschierten deutsche Soldaten in Polen ein. Foto: imago stock&people

Es ist ein schwieriges, wenn nicht immer wieder unmögliches Unterfangen, auch nur einen einzigen Menschen in seiner Komplexität zu verstehen, selbst wenn wir ihn gut kennen. Am ehesten lässt sich zu diesem Anderen vordringen, wenn wir mit ihm gewisse Erinnerungen teilen, weil einst Geschehenes gemeinsam erlebt oder gar gestaltet wurde. Werden Erinnerungen geteilt, kann man dennoch häufig feststellen, wie unterschiedlich das durchaus gleich oder ähnlich Erlebte sich im Gedächtnis darstellt – mit je eigenen Gewichtungen, Ausblendungen, Wertungen oder gar dem identitätsstiftenden Aspekt.

Dieses Phänomen des gemeinsam Erlebten, aber doch so unterschiedlich Erinnerten ist jetzt in einer umfassenden Darstellung auf eine binationale Ebene gehoben worden: „Deutsch-Polnische Erinnerungsorte“ heißt das fünfbändige, bislang umfangreichste geisteswissenschaftliche Buchprojekt, das je zwischen beiden Ländern aufgelegt wurde, und an dem rund 130 Autoren aus Polen, Deutschland und einigen weiteren Ländern Europas mitgewirkt haben. Mehr als 2800 Seiten sind so zusammengekommen, die parallel auch auf Polnisch erschienen sind. Die über 100 Einzelbeiträge sind aus einer Zweifachperspektive verfasst, die stets auf das je Identitätsstiftende fokussiert.

Die weniger akademisch als essayistisch beschriebenen Erinnerungsorte sind nicht nur topografischer Natur. Vielmehr umfasst die Mehrzahl der Beiträge meist politische Ereignisse, aber auch künstlerisch-gesellschaftliche Prozesse und sogar einzelne Persönlichkeiten, die, wie etwa Günter Grass oder Nikolaus Kopernikus, Teil beider Länder und ihrer weit gefassten Identitäten wurden, sich verstrickten und verschränkten, im Guten wie, häufig genug, im Schlechten. Doch jene Erinnerungsorte, so die Ausgangsthese der beiden Herausgeber, der Historiker Hans-Henning Hahn und Robert Traba, sind im kollektiven Gedächtnis der jeweiligen Gesellschaften ganz unterschiedlich verankert, sind zu mitunter verschiedenen „ideologischen Konstrukten“ gewachsen.

Diese Vielfalt der Bilder jedoch „stimmt optimistisch“, schreiben Hahn und Traba in ihrer anregenden Einleitung zu Band 1. Diese Vielfalt sei ein Beleg dafür, dass es jene eine, wirkmächtige „globale Monokultur“ nicht gäbe.

Voraussetzung aber, dass diese Vielfalt nicht zu grenzüberschreitenden Verstörungen, sondern zu einem besseren Verständnis führt, ist die Kenntnis dieser unterschiedlichen Perspektiven und ihres je identitätsstiftenden Einflusses. Dieser Tage, da beide Länder politisch auseinanderdriften, bringt die Lektüre der „Erinnerungsorte“ einen zusätzlichen Mehrwert. Konzentrieren sich viele Erinnerungsorte doch auf Geschehenes, das in den beiden Ländern zu „symbolischen Figuren geronnen“ ist, wie der Historiker Jan Assmann treffend schrieb. Von solchen Figuren aus ist es nicht mehr weit zum Mythos – und damit etwa zur neuen Geschichtspolitik, die sich die neue polnische Regierung auf ihre Fahnen schreibt. Aber auch zu sinnstiftenden, langen Erinnerungswellen, die sich, wie in Deutschland, etwa in der Flüchtlingspolitik offenbaren.

Im ersten Band, der den Titel „Geteilt/Gemeinsam“ trägt und die letzte Neuerscheinung der Reihe ist, untersuchen die Autoren Orte und Figuren wie Preußen als „erzwungene Nachbarschaft“. Gegenstand ist Breslau mit seiner „doppelten Geschichte“, der Polenfeldzug im Zweiten Weltkrieg als „Blitzkrieg oder Vernichtungskrieg?“. Nicht zuletzt wird dem Thema Flucht und Vertreibung nachgegangen. Neben der jeweils national unterschiedliche Perspektive werden auch die deutschen und polnischen Wurzeln des behandelten Themas herausgearbeitet.
So bestand etwa die Bevölkerung Preußens noch im 18. Jahrhundert zu etwa 40 Prozent aus ehemaligen Einwohnern des Königreichs Polen, dessen Gebiete sich die preußischen Könige durch Kriege und Teilungen einverleibten. Doch während heute in Deutschland die Stiftung Preußischer Kulturbesitz das Erbe der Glanzzeit des einst modernen und für seine „Tugenden“ gerühmten Staates erhalten will, ist der polnische Blick auf Preußen durch den Bismarckschen Kulturkampf und die Germanisierungspolitik geprägt.

Preußen funktioniere, so Autor Peter Oliver Loew, in Deutschland zwar als „kein realer“, wohl aber als „Sehnsuchtsort“. Daher etabliert sich an der Spree ein eher positiv besetzter (Gründungs-)Mythos. An der Weichsel hingegen werde das Wort „prusak“ (Preuße) nach wie vor negativ konnotiert – er steht für das einstige Besatzungsregime, das zwar einen Zivilisationsschub für einzelne Regionen brachte, zugleich aber alles Polnische zu tilgen suchte.

Diese binational differenzierte, gewissermaßen gespaltene Betrachtung führt dann zu einer erstaunlichen, aber durchaus folgerichtigen Schlussbemerkung: „Deutschlands Aufgabe ist es“, so Loew, „Polen einzubinden in die Verantwortung für das historische Erbe Preußens.“ Eine Einbindung trotz unterschiedlicher Perspektiven, trotz längst vollzogener Grenzziehung – oder wegen beidem.

Noch ausgeprägter sind die unterschiedlichen Perspektiven auf Erinnerungsorte, die als Geschehenes und fast Geronnenes zeitlich näher datieren, zugleich weitaus tiefere Einschläge, ödes Land und lebenslang leidende Seelen zurückließen. Der „Polenfeldzug“ von 1939 etwa wird in Deutschland bis heute noch als „Blitzkrieg“ erinnert, der nach sechs Wochen faktisch zu Ende war. Unter den in vielen hierzulande eingeprägten Bildern dieser ersten Kriegsphase mag jenes von den Wehrmachtssoldaten, die lachend die Grenzschranke zu Polen aus den Angeln heben, deutlich präsenter sein als Bilder von deutschen Erschießungskommandos, die gezielt und systematisch Zehntausende Polinnen und Polen ermordeten, vorrangig Angehörige polnischer Eliten. Für Polen war nach den sechs Wochen nur der Kampf der regulären Armeen zu Ende, der Krieg aber keineswegs – mit Massenmorden, Verschleppung und Zwangsarbeit.

Die fünf Bände sind mit ihrem umfangreichen Material jedoch nicht nur eine systematische Abhandlung weiterer Erinnerungsorte, von denen viele, etwa zu Europa, Russland oder der jeweiligen Rezeption der Jahre 1968 und 1989, weit in die Gegenwart hineinwirken. So stellt Band 3 unter dem Titel „Parallelen“ nationale Orte und Mythen vor, die mit dem Nachbarland wenig gemein haben, und vergleicht ihre Wirkung auf die Erinnerungskultur, wie etwa die deutsche Dolchstoßlegende und die polnische „Targowica“, eine Geschichte des Verrats des reaktionären polnischen Hochadels im Jahr 1792.

In Band 4, den „Reflexionen“, stellen die Initiatoren den theoretischen Rahmen des Projektes vor und bieten mit Band 5 „Erinnerung auf Polnisch“ eine umfassende Einführung in die Spezifika des Umgangs mit Geschichte in Polen, etwa den mit dem kommunistischen Erbe.

„Das Gedächtnis ist nie selbstlos: Für die eine Erinnerung wird man gelobt, für die andere bestraft, etwa mit Frustration und Schuldgefühlen“, schreibt Hubert Orlowski in seinem Beitrag zu „Flucht und Vertreibung“. Auch wenn er dies auf die Schicksale der Flüchtlinge und Vertriebenen bezieht – der Deutschen und der Polen, die ihren je eigenen Osten verlassen mussten – so umschreibt der Historiker damit das fundamentale Prinzip der Selektivität und mitunter auch der Widersprüchlichkeit von Erinnerung. Denn (national) freiwillig erinnert wird am liebsten vor allem jenes, das erbaulich ist.

Das Projekt der „Erinnerungsorte“ zeigt, dass ein Blick jenseits dieser Kulisse nationaler Frustrationen lohnt. Die Lektüre ist im besten nachbarschaftlichen Sinne eine Bewusstseinserweiterung – heraus aus der engen mononationalen Perspektive.

Hans Henning Hahn / Robert Traba (Hrsg.): Deutsch-Polnische Erinnerungsorte. Band 1. Ferdinand Schöningh 2016, 818 S., 89 Euro.

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