Lade Inhalte...

Deutsches Exilarchiv 1933-1945 „Die notwendigen Einzelheiten“

Bei der Eröffnung der Dauerausstellung „Exil. Erfahrung und Zeugnis“ in der Nationalbibliothek in Frankfurt.

Dauerausstellung
Sylvia Asmus, Leiterin des Exilarchivs in der Nationalbibliothek in Frankfurt. Foto: epd

Doron Rabinovici, der israelisch-österreichische Schriftsteller und Historiker, erinnerte auch an die Problematik des Begriffes Heimkehr. Eine Heimkehr bedeute, dass es noch eine Heimat gebe, ebenso wie das Wort Exil bedeute, dass man nur vorübergehend woanders sei, der Ort aber existiere, an den man eben: heimkehren wolle. „Wer das sagte, wollte auch an ein anderes Deutschland glauben.“

Dabei, erklärte Rabinovici in seinem Vortrag „Das Versagen der Heimat“, sei die Heimat zum Feindesland geworden, so dem Berliner Journalisten Berthold Jacob, der zweimal, 1935 und 1941, im neutralen Ausland entführt, nach Deutschland verschleppt wurde und schließlich 1944 nach Jahren in Gestapo-Haft umkam. Das fassungslos machende, aber nicht beispiellose Schicksal des Pazifisten Jacob schilderte Lion Feuchtwanger in seinem Exilroman „Exil“. Denn es waren die vor ihren Landsleuten Geflüchteten, so Rabinovici, die glasklar erkannten, was geschah, und es aufschrieben: Dass Europa zum Erdteil des Vertreibens und Mordens geworden war, zur Todeszone. Man musste und muss es nur auch lesen.

Es ging am Donnerstagabend also auch um die Begriffe. Sagt man „Emigranten“, klingt es, als könnten die Menschen ebenso gut freiwillig in ein anderes Land gegangen sein. Sagt man (realistischer) „Vertriebene“, spürt man, wie sich die Deutschen nach dem Krieg dieses Wort lieber für sich selbst reservierten. Sagt man „Flüchtlinge“ – ein Wort, dass das damalige Exil ablehnte, auch weil es klang, als hätte man den Grund für die Flucht womöglich doch bei sich selbst zu suchen –, findet man am direktesten den Anschluss zur Gegenwart.

Dieser Anschluss ist in der jetzt eröffneten Dauerausstellung des Deutschen Exilarchivs 1933–1945 in der Nationalbibliothek in Frankfurt in praktisch jeder Vitrine gegeben. Und doch zeigt der Rundgang durch „Exil. Erfahrung und Zeugnis“ (FR v. 8. März), wie klug die Vorbereiter unter Archiv-Leiterin Sylvia Asmus darauf geachtet haben, die Schicksale der einen Epoche nicht gegen die Schicksale der anderen in irgendeiner Weise aufzurechnen. Bei den Reden zur Eröffnung spielte die Gegenwart aber naturgemäß eine Rolle. Die Flucht, sagte Doron Rabinovici, sei ein Fluch, von dem gesagt werde, er sei eine Flut. Da rümpfe man die Nase, aber man wisse ja nicht genau, wer eigentlich rieche, nur, dass es der Geruch der Angst sei. Auch erinnerte er daran, dass Österreichs „schmissige“ rechte Regierung putzmunter und keineswegs ausnahmsweise davon spreche, Flüchtlinge zu „konzentrieren“.

Bibliotheksleiterin Elisabeth Niggemann betonte, dass das Interesse am Thema Exil während der Vorbereitung zur ersten Dauerausstellung des Hauses deutlich gewachsen sei, zweifellos aus aktuellem Anlass. Den hob auch Kulturstaatsministerin Monika Grütters hervor. Es sei zudem keine Selbstverständlichkeit, eine Heimat zu haben. Die Ausstellung, so Grütters, erscheine ihr wegweisend für die Vermittlung privater Zeitzeugenobjekte. Zumal das Sterben der Zeitzeugengeneration diese Vermittlung immer wichtiger mache und machen werde. Das dokumentierte nachher die Videobotschaft des betagten Ernest Glaser aus den USA, dessen Familie sich zunächst nach Shanghai retten konnte. Ein Foto in der Ausstellung zeigt sie an Bord eines Ozeandampfers: Zur Überquerung des Äquators feiert man ein bisschen und trägt lustige Papierhüte, und man kann nicht ermessen, was das für Menschen bedeutet, die einer völlig ungewissen Zukunft entgegenblicken. Glaser sagt nun: Er habe sich seinerzeit gezielt entschieden, den Nachlass seiner Familie nicht an das Holocaust Memorial Museum in Washington zu geben, wie so viele nach Amerika geflohene Juden, sondern nach Deutschland. Gerade die Deutschen, sagte Ernest Glaser, müssten doch „die notwendigen Einzelheiten wissen, um sich vor Wiederholung zu schützen“.

Zwischendurch spielte Vassily Dück trefflich etwas auf dem Akkordeon. Niggemann erklärte auch, warum. Exponat Nr. 122 zeigt einen Programmzettel aus dem australischen Internierungslager Camp Hay, wo deutsche und österreichische Juden festgehalten wurden. Angekündigt war unter anderem „something on the accordion“.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen