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Monika Zeiner: "Die Ordnung der Sterne über Como" Das Leben ist eine Kugel

In Monika Zeiners zutiefst unterhaltsamem Roman "Die Ordnung der Sterne über Como" treffen das Komische und das Tragische aufeinander - witzig, aber nicht zu sehr, in einer äußerst bildhaften Sprache, die wenig auslässt, aber im Kernigen und Pfiffigen das Leben zu packen bekommt.

Monika Zeiner. Foto: imago stock&people

Nichts an diesem Roman lässt auf ein Debüt schließen, höchstens die liebevolle biografische Ausstattung der Figuren, für die sich die Autorin bis ins verschwenderische Detail interessiert. Noch der stumpf wirkende Vater ist zur Freude fähig, als sich der Sohn seinen Opel ausleiht, auch wenn er um seinen Wagen fürchtet. "Aber er freute sich, dass Tom sein Auto benutzte. So hatten sie etwas Gemeinsames."

Toms Eltern wohnen in Aschberg/Rhön, vermutlich weil es trostloser nicht mehr klingen kann. Tom geht davon aus, dass er seine Existenz dem frühen Tod des auf Fotos noch allgegenwärtigen, ewig fünfjährigen Bruders verdankt (als Kind dachte er, Weihnachten komme von weinen). Er hat den Eindruck, dass alle so genannten Entscheidungen seines Leben "im Grunde Zufälle oder Notlösungen gewesen waren, um nicht zu verzweifeln, um nicht zu sterben, um nicht in Hessen bleiben zu müssen".

Den Opel des Vaters brauchte er, um mit einem Pärchen, seinem besten Freund und dessen Freundin, zu einer unerwartet schicksalshaften Italienreise aufzubrechen. Sie ist jetzt zehn Jahre her. Tom, Thomas Holler, lernt der Leser kennen, als er sich das Leben nehmen will und es doch nicht tut. Er wird abgelenkt und verliert das Glas mit den aufgelösten Tabletten aus dem Blick. Nun muss er dringend den Abschiedsbrief zurückbekommen, den er seiner Noch-Ehefrau geschrieben hat.

Das Komische und das Tragische treffen aufeinander, ein alter Trick, wie auch der durchs Leben treibende (und musische, dickliche, etwas einsame, etwas schlampige) Antiheld keine neue Romanfigur darstellt, aber Monika Zeiner findet einen trefflichen Ton, uns erneut dafür zu interessieren. Witzig, aber nicht zu sehr, in einer äußerst bildhaften Sprache, die wenig auslässt, aber im Kernigen und Pfiffigen das Leben zu packen bekommt.

Zugewandte Ironie gleicht den gelegentlichen Bilderüberschuss klug aus. Zwei (ehemals?) Liebende "dachten aneinander, und wären ihre Gedanken Möwen gewesen, sie hätten sich bestimmt an irgendeiner Stelle hoch über dem Meer getroffen, hätten sich begrüßt und wären zusammen am Himmel die eine oder andere interessante Figurenformation geflogen".

"Die Ordnung der Sterne über Como" ist sozusagen das einzige, das hier und im Leben im Allgemeinen (im Allgemeinen, Thomas Holler mag das Wort und die Autorin mag es auch, man kann sich gut dahinter verschanzen) in Ordnung ist. Alles andere ist kompliziert und durcheinander, und Monika Zeiner hat es dazu noch prächtig raffiniert und spannend ineinandergesteckt. Dabei gibt es klar vorgezeichnete Linien, die zu einer Art Fluchtpunkt führen, zu zwei Fluchtpunkten.

Erstens werden sich Thomas Holler, der getrennt lebende Jazzpianist in Berlin, und Betty Morgenthal, die mäßig glücklich verheiratete Anästhesistin in Neapel - ein aparter Beruf für eine Frau, die einiges vergessen will -, auf einer Hollerschen Tournee nach vielen Jahren wiedersehen. Tom muss Betty sehr geliebt haben. Zweitens wird der Leser erfahren, warum der damals dritte im italienreisenden Trio, Marc Baldur, nicht mehr am Leben ist. Marc muss Betty ebenfalls sehr geliebt haben.

Dass es jedoch nach dem Wiedersehen mit Betty in Neapel für Tom weitergehen wird - denn "Das Leben ist keine Scheibe. Das Leben ist eine Kugel" -, ist für ihn ganz lästig. Und dass Marc schon zehn Jahre tot ist, will auch der sehr gefesselte Leser bald nicht mehr wahrhaben. Denn einen solchen Sog hinein in eine Geschichte erlebt man nicht alle Tage.

Während Monika Zeiner lockt und andeutet und während Tom Betty entgegenjagt - soweit ein Mann wie Thomas Holler Tempo aufnehmen kann -, will man zwar wissen, worauf es hinläuft, aber man will auch, wie die Autorin, wie Tom, die Zeit anhalten. Auch weil Zeiner ein Gespür für die bizarre Seite endloser Dialoge zwischen Eheleuten, Künstlern und Freunden beweist.

Dass sie selbst Musikerin ist, Sängerin in einer Band, die Marinafon heißt und "Italo-Swing" spielt, wie Tom Holler, der das aber eigentlich alles hasst und verachtet, gibt ihr die Möglichkeit, aus dem Nähkästchen zu plaudern. "Die Ordnung der Sterne über Como" ist auch ein selbstironischer Blick auf die (Berliner) Kulturszene und das künstlerische Leben seit den neunziger Jahren: schwierig, aber möglich.

Wertfrei wird von einer Kunststudentin berichtet, die "Kästen aus Pappmaché bastelte, in denen sie Szenen aus dem Dritten Reich und dem aktuellen Fernsehprogramm nachstellte", etwas weniger wertfrei wendet sich Tom an den mutmaßlichen neuen Mann seiner Noch-Frau: "Da haben Sie also über den Mond promoviert, wie schön. Und jetzt machen Sie Werbung, oder?" Tom selbst spielt in einer Band, die sich mare-Quartett nennt. Aber auch im "Musikbrei" eines publikumsfreundlichen "World-Jazz" verbirgt sich und springt manchmal im Roman heraus (das macht die Liebe) die echte, wesentliche Musik. Wie überhaupt das Wesentliche im Unterhaltsamen Zeiners Ziel zu sein scheint.

Auffällig, dass der so genannte sinnlose Tod (ein weißer Schimmel fürwahr) vier der sechs für den Deutschen Buchpreis 2013 nominierten Romane zutiefst prägt (auch Terézia Moras "Das Ungeheuer", Mirko Bonnés "Nie wieder Nacht", Marion Poschmanns "Sonnenposition"). Er kommt in diesem Jahr ganz privat daher. Überall befinden sich Angehörige ("Einem Menschen angehörig", stellt Betty Morgenthal fest, "schien man erst dann zu sein, wenn man diesen verlor"). Eben dachten sie noch, sie hätten nichts mit dem Tod zu schaffen, und jetzt müssen sie mit ihm eine Weile weiterleben.

Natürlich zeigt sich hier auch das Bedürfnis, auf die großen Dinge zu sprechen zu kommen, ein Bedürfnis der Jury offenbar und, wie anzunehmen ist, auch des Publikums. Wenngleich es nichts hilft.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Deutscher Buchpreis

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