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Clemens Meyer: "Im Stein" Hinter den Spiegeln

Aus dem Überlebensgebiet der Begierden: Clemens Meyer hat mit „Im Stein“ einen großartigen Roman geschrieben. Er unterläuft das Reale, bewahrt es und zieht es zugleich tiefer in einen durchdringenden Surrealismus.

03.09.2013 10:33
Von Jürgen Verdofsky
Clemens Meyer. Foto: imago stock&people

Clemens Meyer bleibt als Entdecker anderer Realitäten der Erzähler der Stunde, geliebt von einer wirklichkeitssüchtigen Literaturkritik seit seinem Durchbruch vor sieben Jahren. In seinem neuen Roman „Im Stein“ erzählt er wie in seinen Vorgängertexten in schwindelerregender Deutlichkeit, was andere bestenfalls mutmaßen. Aber was sich schon in dem Roman „Als wir träumten“, in den Stories „Die Nacht, die Lichter“ und „Gewalten“ zeigte, die Realität an sich genügt Meyer auch in seinem neuen, für die Shortlist des Deutschen Buchpreises nominierten Roman nicht.

Er unterläuft das Reale, bewahrt es und zieht es zugleich tiefer in einen durchdringenden Surrealismus. Meyer steigert sich, rasant kunstvoll gelingt ihm eine große vielstimmige Partie. Er führt auf, Recht ist nichts anderes als ein moralisches Minimum. Nicht anders funktioniere auch das Überlebensgebiet der Prostitution.

Ein „Sachsensumpf“ wirft erkennbare Schatten: Der Absturz eines Immobilien-Tycoons, ein Rotlicht-Krieg der Neueinrichter und nicht zuletzt das Bordell „Jasmin“ mit minderjährigen Huren. 1993 und 1994 war Wildwest in Leipzig. In allen Flüsterstärken schwirren bis heute die Legenden durch die Stadt, die Meyer so kunstvoll bedient, dass sie nur touchiert werden müssen, um einen ganzen Kontext aufzurufen. Aber Tatsachen ergeben bestenfalls eine Wirklichkeit, sie mögen noch so rigoros und unabdingbar sein. Meyers Wahrheit liegt woanders. Er stößt auf einen „Krieg seit über zwanzig Jahren. Indem sich alles ineinander schiebt, die Legierungen der Macht und des Geldes.“

Meyer fusioniert die Nachbarstädte Leipzig und Halle zu einer namenlosen Metropolis, „fast wie aus der Zukunft“. Auch wenn zugleich alle roten Lampen aufleuchten, ein Klischee ist ein Klischee, aber hundert Klischees werden etwas anderes. Rotlicht – das ist eines dieser Sujets, die man nicht erschöpfen kann. „Aber die Silberfäden greift man sich nicht einfach so.“ Doch genau dieser Griff gelingt dem 36-jährigen Meyer.

Er taucht nicht wie früher ein im Heer der Obsessiven und einsamen Wölfe, sondern folgt piratenhaften Männern, die sich als Manager geben, und den Frauen, die an den „Silberfäden“ hängen. Federnde Menschen in Rivalitätssituationen auf beiden Seiten, die mittels Täuschung oder Selbsttäuschung überleben. Eine Gleichzeitigkeit von Gewalt und Sentimentalität. „Das Geld fließt und fließt, meist in beide Richtungen, rein und raus.“

Altes gesichertes Geld trifft in den Wendejahren erst auf „Knochenbrecher“ sprich Hooligans aus Ost-Berlin, später auf die „Engel GmbH“ sprich Hells Angels. Goldgräberstimmung. Alle wollen etwas, jeder kriegt was anderes und muss damit zurechtkommen. Wo einer schlappmacht, richten sich die nächsten auf. Aber „Chaos ist ein Feind des Geschäfts und nutzt nur dem, der übernehmen will.“ Es liegt viel Erfahrung hinter diesem Satz.

Gegen das Chaos stehen Arnie und Hans, beide ursprünglich „Knochenbrecher“, jetzt Geschäftsmänner, aufstrebend und konstituierend. Arnold Kraushaar, genannt Arnie oder AK, wurden in Revierkämpfen die Beine zerschossen. Aber er reüssiert weiter als „Vermieter der Liebe“, ein Hunderter Tagessatz pro Wohnung. Den Huren hält er dafür den Rücken frei. Sauberes Image, saubere Steuern.

Schmieren, Schweigen, Vorrübergehen. Ein Puff mit Minderjährigen stört. „Und die Legende flüsterte, dass AK irgendwie an Fotos der Drecksäue gekommen war.“ Sein Partner Hans Pieczek, alias Schweine-Hans, betreibt einen Club, klein aber fein. Aber nicht daran scheitert er, viel eher, weil er ins Diamantenfach abschweift. Er ist „der Mann mit dem Weg nach Japan“, aber auf der Diamanten-Straße bereitet ihm eine Türken-Gang einen finalen Alptraum.

Gelernt haben AK und Hans von dem Bielefelder, genannt der Graf, der im sächsischen Metropolis eine Bums-Burg betreibt. Ordnende Kraft wie vorher in Neuss und Bielefeld, Frankfurt/Main und München. Immer bemüht, „wie man den Fuß da reinkriegt, ohne dass der Sumpf gierig dran leckt“. Ein Mann mit Grundsätzen, alte Schule, und deshalb zum Untergang bestimmt. Er ist nicht blind für das kommende Unheil, aber er ist darüber hinaus. Schneller Wandel wie in der Realwirtschaft, feindliche Übernahmen sind Teil des Ganzen.

Einsam und entgeistert

Im fleißigen Bienenvolk der Huren ist es besser, davon nicht alles zu wissen. Ein Hurendasein prägt weniger Verruchtheit als Einsamkeit und Entgeisterung. Trotzig behaupten sie in all dem Glamour, Gepränge und Gedränge, was von ihren Träumen übriggeblieben ist: „Ich möchte ein Pferd, irgendwann mal.“ Aber sie fragen sich kaum, ob ihre Lage unabänderlich sei. Für manche der Frauen ist jede Zukunft zusammengeschnurrt auf die Gegenwart.

Die ansonsten kräftige Erzählstimme geht bei den inneren Monologen der Huren wie auf Zehenspitzen. Auch hier Überblendungen, abrupte Wechsel, nicht selten mitten im Satz, aber alle auktoriale Schärfe ist zurückgenommen. Die Frauen mit ihren kleinen Geschichten werden wichtiger als das Gesamtgeschehen.

Als Sumpf-Spezialist Realist

Meyer hat diese Frauen erkannt, er fährt nicht mit vieldeutigen Paraden in ihre Leben, sondern berichtet leise. Allein das Erzählstück um die minderjährigen Huren macht das Buch unverwechselbar. Zuletzt weiß niemand, wer „hinter den Spiegeln“ die Strippen zieht.

Hier bleibt Meyer als Sumpf-Spezialist ganz Realist, er hat nichts außer Acht gelassen. Auch wenn er gelernt hat, amerikanische Aggressivität zu übernehmen, sind Melancholie und dunkle Sarkasmen, aber auch ironische Brechungen geblieben. Wie alle großen Begabungen ist auch Clemens Meyer Vergleichen ausgesetzt, aber das ist nach diesem Buch nicht mehr wichtig.

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