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Deutscher Buchpreis Hunde- und Menschenleben

Deutscher Buchpreis: Die sechs Nominierten stellen sich in Frankfurt vor: Jenny Erpenbeck, Rolf Lappert, Monique Schwitter, Frank Witzel, Inger-Maria Mahlke und Ulrich Peltzer.

Die Autoren Frank Witzel (l-r), Monique Schwitter, Rolf Lappert, Inger-Maria Mahlke, Ulrich Peltzer und Jenny Erpenbeck im Frankfurter Literaturhaus. Foto: dpa

Heißbegehrt und immer einmalig sind die Termine, bei denen möglichst sämtliche Nominierte einer Buchpreis-Shortlist im Frankfurter Literaturhaus gemeinsam, das heißt nacheinander an einem ziemlich langen Abend auftreten.

Als erste konnte sich Jenny Erpenbeck („Gehen, ging, gegangen“) im Gespräch mit Alf Mentzer nicht darüber freuen, dass ihr Flüchtlingsroman wie von ungefähr zum „Buch der Stunde“ wurde. Natürlich, sagte sie, wäre es einem lieber, wenn es anders wäre. Die Recherche unter Flüchtlingen habe sie begonnen, weil es sie selbst interessiert habe (unmöglich, meinte sie, über etwas zu schreiben, was einen nicht interessiere, wie wichtig das Thema auch sei). Man muss sie sich nun also durchaus selbst in der Rolle des viel älteren Altphilologen Richard vorstellen, wie er bereitete sie einen Fragenkatalog vor, wie bei Richard hielt der Fragenkatalog der Realität der Flüchtlinge nicht stand. Jenny Erpenbeck, die nicht sprach wie jemand, der daherredet, sagte schließlich noch, es sei ihr nicht möglich, einen Unterschied zwischen der momentanen Lage von Menschen in einem heillos überfüllten Boot und Menschen in einem vollgepressten Viehwaggon festzustellen.

Er findet ein totes Baby

Als zweiter schilderte Rolf Lappert („Über den Winter“), von Moderator Gert Scobel etwas um seine Spielanteile gebracht, sein filmisches Herangehen. „Das ist halt mein Stil, ich sehe es und muss es dann nur aufschreiben.“ Im Prolog zu seinem Familienroman findet der erfolgreiche Künstler Lennard Salm auf der Suche nach für ihn brauchbarem Treibgut ein totes Baby an einem Mittelmeerstrand. Es gebe, sagte Lappert nachher, eben doch die Kultur mit Vernissagen oder mit Lesungen wie dieser, und es gebe die Welt da draußen, in der parallel dazu Menschen zugrunde gingen. Das dürfe man nicht aus dem Blick verlieren.

Als dritte erzählte Monique Schwitter („Eins im Andern“) der Moderatorin Felicitas von Lovenberg von ihrer Beschäftigung mit dem Phänomen Liebe, von dem Reiz, durch die Namen der zwölf Apostel (für die zwölf Lieben der Heldin) eine transzendente Ebene ins Spiel zu bringen und mit tradiertem Material umzugehen. Sie informierte darüber, dass die Liebe von heute circa zehn bis zwölf Jahre anhalte, ein Hundeleben ungefähr. Sie betonte die Rolle der Hündin im Roman, der einzigen anderen wesentlichen weiblichen Figur. Als Schauspielerin (in den 90er Jahren auch am Schauspiel Frankfurt engagiert) schreibe sie mit dem Ohr wie Lappert mit dem Auge.

Ist "Wiesbaden-Biebrich" komisch?

Als vierter brachte Frank Witzel („Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“) das Publikum schon mit dem Titel zum Lachen. Auch zeigte sich, dass das Wort Wiesbaden-Biebrich komisches Potenzial hat, hier deutlich gesteigert durch die Präsentation des Orts als Schauplatz fantastischer Vorgänge. Im Gespräch mit Mentzer ging es um Bleiernheit und Aufbruch in den Sechzigern und die bescheidenen popkulturellen Angebote für Teenager. „Wenn eine Sendung im Fernsehen vorbei war, hat man sie nie mehr gesehen“, sagte Witzel mit Nachdruck.

Als fünfte erklärte Inger-Maria Mahlke („Wie Ihr wollt“), weshalb ihr Buch kein historischer Roman sei. Weil sie uns nicht die Tudorzeit habe näher bringen wollen, sagte sie, und sie sagte es also, als hätte Lion Feuchtwanger in der Josephus-Trilogie ernsthaft bloß über das 1. Jahrhundert n. Chr. geschrieben. Auf die Geschichte von Mary Grey sei sie auf Wikipedia gestoßen. Mächtige Frauen, sagte sie, schützten sich häufig gerade durch Rollenklischees: Elisabeth I. habe sich als ewige Jungfrau stilisiert, Angela Merkel gebe die Mutti. Dass ersteres Propaganda, zweiteres ausschließlich eine Projektion von Merkel-Beobachtern ist und auf diese zurückfällt, fiel irgendwie unter den Tisch.

Als sechster erwehrte sich Ulrich Peltzer („Das bessere Leben“) vergnügt der ausführlich zur Schau gestellten Ratlosigkeit Scobels gegenüber der Handlung seines Romans. Peltzer betonte die „Ko-Präsenz“ von Ereignissen und erklärte geduldig Teile der Handlung, die Scobel besonders wenig verstanden zu haben schien. Mit der Wendung „Aufgaben, die noch zu erfüllen sind“, endete Peltzers Lesung. Noch genau zwei Wochen Lesezeit bis zur Buchpreisverleihung.

Zwischen den Nominierten flog manches Lächeln hin und her, mancher Gruß. Das ist sicher auch eine eigene Art von Schicksalsgemeinschaft.

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